Der Genter Altar

Das Meisterwerk, dessen Herkunft umstritten ist, ist das Herz der flandrischen „wunderlichen Stadt“, wie sie Albrecht Dürer nennt. Von Christoph Wendt

Ausschnitt aus einer der Tafeln des Genter Altares mit dem Lamm Gottes im Zentrum
Ausschnitt aus einer der Tafeln des Genter Altares mit dem Lamm Gottes im Zentrum, von dem er seinen Namen hat. Foto: Wendt

Wer die ostflandrische Metropole Gent besucht, diese „große und wunderliche Stadt“, wie Albrecht Dürer sie nannte, sollte sich wie er schnurstracks aufmachen, um sich ihre größte Sehenswürdigkeit anzuschauen: den Genter Altar, das größte und berühmteste Gemälde des Mittelalters.

Bis heute steht für die Fachwelt allerdings nicht einwandfrei fest, wer dieses großartige Bildwerk der Gotik geschaffen hat, von dem es bereits 1571 hieß, es sei „das schönste Werk der Christenheit“. Dieser Genter Altar ist ein gewaltiges, aus 20 bemalten und zueinander gehörenden Holztafeln bestehendes Werk. Mit seinem offiziellen Namen heißt es „Die mystische Anbetung des Lammes“, und es ist ganz im Stil der Gotik des späten Mittelalters eine Art umfassende Hymne auf die Heilsgeschichte.

Bis 1823 stand es außer Zweifel, dass der Maler Jan van Eyck dieses Werk geschaffen hatte. Aber bei einer Restaurierung 1823 fand man eine kleine, in lateinischer Sprache abgefasste Inschrift, die besagt, im Auftrag des Jodocus Vijd habe Hubert van Eyck, der „größte unter den Malern“, die Mühe der Herstellung auf sich genommen und ihm sein Bruder Johannes, „arte secundus“, in der Kunst der zweite also, dabei geholfen und es schließlich fertiggestellt.

Die Fachwelt war zunächst verwirrt. Wer war Hubertus van Eyck? Und warum weiß man nichts von einem Manne, der ein solch gewaltiges Bildwerk geschaffen haben soll?

Immer im Schatten Brügges

Man fand nach und nach heraus, dass der im limburgischen Maaseik geborene Jan tatsächlich einen Bruder Hubertus gehabt hatte. Man wusste schließlich auch, dass dieser Hubertus in Gent gelebt hatte und nach seinem Tode 1426 wohl in einer Seitenkapelle der St. Baafs-Kathedrale begraben worden war. Sonst wusste man nichts über diesen Mann. So schälte sich allmählich ein Verdacht heraus, der für manche Kunsthistoriker heute Gewissheit ist und dem Streit eine beinahe humoreske Note gibt. Könnte dieses Täfelchen mit der lateinischen Inschrift nicht möglicherweise eine Fälschung, eine bewusste Irreführung sein, fragten immer mehr Fachleute, für die die Einheitlichkeit der Konzeption und der Ausführung außer Zweifel stand?

Was oder wer könnte nun hinter einer solchen Täuschung stecken? Eigentlich nur so etwas wie der Konkurrenzneid zwischen den beiden Städten Gent und Brügge. Gent war 1432, als der Altar fertig war und aufgestellt wurde, in keiner Weise mit Brügge zu vergleichen. Brügge stand damals als Residenzstadt der Großen Herzöge von Burgund auf dem Höhepunkt seiner wirtschaftlichen und politischen Macht und des kulturellen Glanzes, Gent in seinem Schatten. Die Herzöge, vor allem der damals regierende Philipp der Gute, zogen die besten Künstler der damaligen Zeit an ihren Hof. Der bedeutendste Künstler am Hofe Philipps war Jan van Eyck. Er war darüber hinaus nicht nur Maler, er war auch Diplomat im Dienste seines Herren, so wie das später übrigens auch beim Antwerpener Peter Paul Rubens der Fall war. Jan van Eyck war von seinem Herzog etwa mit der delikaten Aufgabe betraut worden, für ihn nach Portugal zu reisen, um die Ehe mit der portugiesischen Prinzessin Isabella zu arrangieren. Dass er diesen Auftrag erfolgreich durchgeführt hat, steigerte noch seinen Ruhm.

So hätte es also naheliegen können, glauben kritische Beobachter bis heute, dass man ein wenig vom Glanz und vom Ruhm Brügges und seines bedeutendsten Künstlers Jan van Eyck auf seinen Bruder und damit auf dessen Stadt Gent lenken wollte. Der Name van Eyck war ja auf solche Weise in jedem Fall mit dem Werk verbunden. Mit letzter Sicherheit steht also nicht fest, wer den Genter Altar zwischen 1420 und 1432 geschaffen hat, die beiden van Eyck-Brüder zusammen oder nacheinander, oder tatsächlich Jan alleine.

Das Gemälde aus dem Spätmittelalter kennt nicht allein wegen der Urheberschaft eine bewegte Geschichte. Sie begann mit der Forderung Philipps II. von Spanien, der die Herausgabe des Bildes verlangte mit der Begründung, sein Vater, Karl V., habe seinerzeit eine beträchtliche Summe für die Genter Kathedrale gespendet. Tüchtigen Domherren gelang es damals, den König mit einer eilends innerhalb von zwei Jahren angefertigten Kopie zufriedenzustellen. Eine andere Geschichte: Als Josef II. die politische Bühne und alsbald auch die zu seinem Reich gehörende Stadt Gent betrat, war er empört über die paradiesische Nacktheit, mit der sich Adam und Eva auf den beiden obersten Bildtafeln in der Kirche zeigten und befahl sofort deren Entfernung. Es wurden tatsächlich Kopien angefertigt, auf denen die Stammeltern züchtig in Fellkleidung dargestellt sind. Nach dem Ersten Weltkrieg brachte man die Originale wieder am Altar an, die „bekleideten“ Kopien hängen heute am Ausgang der Kathedrale.

1794 beschlagnahmten französische Revolutionstruppen den Mittelteil des Altares und schafften ihn nach Paris ins Musée Napoleon. 1815, nach dem Sturz des Kaisers, sorgte der preußische Marschall Blücher persönlich dafür, dass der Altar zurück nach Gent kam. Als sich 1816 der Bischof von Gent auf Reisen befand, verkaufte ein Kanonikus sechs Tafelbilder nach Berlin, wo sie in die Sammlungen des Königs von Preußen kamen. Ende des Ersten Weltkrieges wurde im Versailler Friedensvertrag bestimmt, dass die in Berlin befindlichen Tafeln des Altares an Belgien nach Gent zurückgegeben wurden.

Zwei Tafeln 1935 gestohlen

Das war kaum geschehen, passierte dem Altar neues Ungemach. 1935 wurden zwei Bilder gestohlen: Die Gerechten Richter und Johannes der Täufer. Das Johannesbild fand sich im Schließfach eines Brüsseler Bahnhofes wieder, die Gerechten Richter sind bis heute verschollen. An ihrer Stelle befindet sich jetzt eine Kopie im Altar.

Anfang des Zweiten Weltkrieges wurde der Altar abermals aus Gent entfernt und in einem Schloss im südfranzösischen Pau versteckt. Von dort aus wurde er durch einen Beauftragten der Vichy-Regierung an die deutsche Besatzung ausgehändigt, die ihn erst nach Neuschwanstein, dann in einen Salzstollen nach Bad Aussee brachte.

Nach Kriegsende kam der Altar dann zunächst in die Werkstatt eines Restaurators und schließlich wieder auf seinen angestammten Platz. Damit ist der Genter Altar das einzige große Kunstwerk des Mittelalters, das sich heute noch an seinem ursprünglichen Platz befindet.

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