Paraty/Brasilien

Das verwunschene Paradies

Barocke Sakralbauten, eine pittoreske Altstadt und eine wechselvolle Vergangenheit: Schon Thomas Manns Mutter wusste die Schönheit der Kolonialstadt Paraty zu schätzen.

Paraty, am Saco do Mamanguá.
Paraty liegt am Saco do Mamanguá, dem einzigen Fjord an der brasilianischen Küste. Hier ist das Wasser so still und glatt, dass sich das Hafenstädtchen und die bewaldeten Hügel der Costa Verde darin spiegeln können. Foto: Werner Geiger

Wir befinden uns 250 Kilometer südlich von Rio de Janeiro – in Richtung Sao Paulo. Trotz der relativ kurzen Distanz dauert die Fahrt mit dem Bus von Rio aus auf der kurvenreichen Straße in die alte Kolonialstadt Paraty vier Stunden. Dafür ist der Ausblick während der Fahrt – auf die dichten Wälder und die traumhaften Küstenorte – bereits ein eindrucksvolles Erlebnis.

Beste Tauchspots Brasiliens mit paradiesischen Qualitäten

Die Mata Atlantica, der Küstenurwald, zieht sich weit hinauf in die Berghänge der Costa Verde bis zur Serra da Bocaina, dem großen Nationalpark, der beinahe bis nach Sao Paulo reicht. In der Bucht liegen unzählige Inselchen. Sie zählen zu den besten Tauchspots Brasiliens und ihre einsamen Strände und kleinen Buchten haben paradiesische Qualitäten. Am Ufer, eingebettet in den Wald der Serra, träumt das Hafenstädtchen Paraty vor sich hin. Im 18. Jahrhunderts war es die wichtigste Durchgangsstation für das Gold aus Minas Gerais auf dem Weg nach Portugal. Tonnenweise wurde es hier auf Segelschiffe nach Europa verladen – nebst Kaffee und Zucker.

Wie nur an wenigen Orten Brasiliens haben sich da die rechteckigen Strukturen der Kolonialzeit erhalten: schnurgerade, kopfsteingepflasterte Straßen, gesäumt von ein- oder zweistöckigen Häusern. Sie sind alle weiß gestrichen und ihre bunten Fenstergewände und Türrahmen setzen farbige Akzente. Die überaus grobe Naturstein-Pflasterung der Gassen wurde einstmals von Sklaven verlegt. Bis heute erfolgt die Versorgung in diesen Passagen mit Eselskarren.

Pittoreske Altstadt mit vier Barockkirchen

 

In vielen der Häuser haben sich heute kleine, mehr oder wenige geschmackvolle Souvenirläden angesiedelt; sie offerieren Mode, Nippes und Kunsthandwerk. Stilvolle Pensionen wie die „Pousada do Ouro“ bieten Logis. Auch Mick Jagger und Tom Cruise sollen hier schon zu Gast gewesen sein. Und die Restaurants und Bars sind zahlreich. Bei schönem Wetter sitzen die Besucher gerne draußen vor den Lokalen. Es regnet zwar oft in Paraty – fast jeden Tag einmal – ohne Regen gäbe es auch keine intakte Dschungellandschaft. Aber nach einer halben Stunde ist der Guss meist schon wieder vorbei – und Sonnenstrahlen dringen wieder durch die dampfenden Nebelschwaden über dem tropischen Küstenurwald.

In der pittoresken Altstadt, seit 60 Jahren denkmalgeschützt, sind vier Barockkirchen zu bestaunen: Nossa Senhora das Dores, einst nur für die adeligen Herrschaften erstellt, die schlichte Igreja do Rosário der Sklaven, die Igreja Matriz de Nossa Senhora dos Remédios und die formvollendete Igreja de Santa Rita mit ihrer weißen Fassade gleich am Hafen.

An diesen Sakralbauten lässt sich ablesen, wie reich Paraty einst gewesen sein muss. „Den Wohlstand verdankte es seiner Lage – dem sturmgeschützten Hafen an der ins Land hineinragenden Meereszunge“, erklärt die Stadtführerin Mirella da Silva. „Als der Bundesstaat Minas Gerais seinen Goldboom erlebte, wurde dieses Edelmetall auf Maultieren und Eseln hierhergebracht und von da aus nach Portugal verschifft.“

„Caminho do Ouro“, der Goldweg nach Paraty

Eine erste, einfache Siedlung dürfte schon um das Jahr 1550 bestanden haben. Aber erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts erlebte die Stadt ihre großen Zeiten. Damals wurden im Landesinneren von Minas Gerais immer mehr Gold und Edelsteine entdeckt.

Unter Nutzung der einst von den Indianern angelegten Verbindungswege wurde die Serra da Mantiqueira überwunden und es entstand der „Caminho do Ouro“, der Goldweg nach Paraty. Die portugiesische Verwaltung unterband die Entstehung anderer Wege, um sicherzustellen, dass die geförderten Schätze unter ihrer Kontrolle nach Paraty gelangten. Am Hafen des Städtchens war der Umschlagplatz in beide Wegrichtungen – Güter aus Lissabon für die Minen im Landesinneren kamen an – und für die Rückfahrt wurde deren Goldes auf die Schiffe verladen. Ein Fort am Berg schützte die Stadt vor Angriffen.In PThomas Mann seine Wurzeln mütterlicherseits

Unbestritten: Auch der Sklavenhandel trug zum Reichtum der Stadt bei. Nicht nur Siedler aus Portugal und dem übrigen Europa kamen hier an; auch Sklaven aus Afrika wurden ausgeladen und in das Landesinnere geschafft. 1728 war die goldene Zeit vorbei: Der direkte Weg von Minas Gerais nach Rio de Janeiro, der „Caminho Novo“ – der neue Weg – war gebaut worden und Paraty hatte mit dem Goldverladen ab da nichts mehr zu tun. Im 19. Jahrhundert erlebte der Ort nochmals eine bescheidene Blüte als Zentrum von Destillerien. Paraty gilt als Geburtsstätte der Cachaça, des brasilianischen Zuckerrohrschnapses.

Ausflüge in die tropischen Wälder an den Berghängen sind beliebt bei Paraty-Besuchern; zahlreiche Bäche und Flüsse strömen von den Bergen, bilden Wasserfälle und natürliche Schwimmbecken. Auch ein Besuch in einer Cachaça-Brennerei gehört ins Programm – genauso wie ein Bootsausflug zu den Inseln.

Thomas Mann  hat in Paraty brasilianischen Wurzeln

Für deutsche Touristen von Interesse: Die außerhalb von Paraty direkt am Meer gelegene Fazenda da Boa Vista, wo die Mutter des Schriftstellers Thomas Mann, Julia Mann da Silva, zur Welt kam und wo sie bis zum Alter von acht Jahren ihre Kindertage verbrachte. Die „Casa Mann“ kann aber nur von außen bestaunt werden – wegen strittiger Eigentumsverhältnisse will ein längst geplantes Museum und Literatur-Begegnungszentrum nicht Realität werden.

Ein Leben lang zehrte Julia Mann da Silva von ihren Paraty-Erinnerungen. Und auch der Dichter selbst notierte 1936, dass er „die Lust zum Fabulieren“ offensichtlich von seiner brasilianischen Mutter geerbt habe. Diese schrieb über sich als „Dodo“ – so wurde sie einst in Brasilien genannt – ein Büchlein. „Je älter Dodo wird, desto mehr und lieber denkt sie an ihre Kindheit in Paraty und sucht immer sehnsüchtiger den Schleier des Vergessens wegzuziehen“, erzählt sie. „Immer märchenhafter, unerreichbarer und schattenhafter taucht dann diese Welt ihrer Kindheit vor ihren Augen auf – unwiederbringlich versunken scheint sie ihr.“

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