Biblisches Mahl

Ob Jakobs Linseneintopf oder Gideons Bock: Die Heilige Schrift ist eine Fundgrube für leckere Mahlzeiten und Menüs. Doch waren es keineswegs nur die Frauen, die sich als Bäckerinnen und Köchinnen betätigten. Von Barbara Stühlmeyer

Fresh bread on the village table. Ingredients.

Die Heilige Schrift ist, besonders was das erste Testament angeht, eine Fundgrube erstklassiger Tipps für leckere Mahlzeiten und Menüs. Der Grund dafür liegt auf der Hand. In den vorantiken und antiken Gesellschaften war das gemeinsame Essen ein unersetzliches Ritual, um miteinander in Kontakt zu kommen, Verträge abzuschließen, Heiraten zu vereinbaren oder die Zukunft eines ganzen Volkes zu planen. Die Anlässe für die spontane Zubereitung einer Mahlzeit waren vielfältig. Da ist zum Beispiel die Geschichte von Abraham, der eines Tages zur Zeit der Mittagshitze am Eingang seines Zeltes saß, als drei Männer herannahten. Obwohl der Patriarch sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht darüber im klaren war, dass er es hier mit einer Erscheinung des dreifaltigen Gottes zu tun hatte, die Rubljew Jahrhunderte später zu seiner einzigartigen Ikone inspirieren würde, tat er genau das, was man in dieser Situation von ihm erwartete. Er lief ins Zelt und wies seine Frau Sara an, feines Mehl zu nehmen und schnell Fladen zu backen. Außerdem holte er ein zartes Kalb von der Weide und gab es seinem Jungknecht, damit er es schlachte und eine gute Mahlzeit daraus bereite.

Die in Genesis 18 überlieferte Geschichte zeigt deutlich, welchen Raum das gemeinsame Essen in dieser Zeit einnahm. Ein Kalb fachgerecht zu schlachten, zu häuten, auszunehmen und dann über dem offenen Feuer in einem leckeren Braten zu verwandeln dauert einfach wesentlich länger, als eine Fertigpackung aus der Tiefkühltruhe zu nehmen und in die Mikrowelle zu stecken. Allein für die Herstellung des täglichen Brotes für eine durchschnittlich große Familie in biblischer Zeit – Archäologen haben anhand von Ausgrabungen herausgefunden, dass diese circa zwölf Personen umfasste – benötigte man drei bis vier Stunden. Denn bevor man sich ans Backen machen konnte, musste das Korn zunächst gemahlen werden. Dann galt es, das Wasser heranzutragen. Die arthritischen Knochenveränderungen, die die schweren Krüge an den Halswirbelsäulen der Frauen verursachten, die diese Arbeit verrichteten, sind heute ohne Mikroskop erkennbar. Nun erst konnte man beides mischen und in einer Tonschale, die ins Feuer gestellt wurde, backen.

Doch waren es keineswegs nur die Frauen, die sich als Bäckerinnen und Köchinnen betätigten. Jakobs in Genesis 25, 29–30 verewigter Linseneintopf war so wohlschmeckend, dass sein Bruder Esau ihm für einen Teller des aromatisch duftenden Gerichtes ohne langes Nachdenken sein Erstgeburtsrecht verkaufte. Überhaupt lag das Zubereiten köstlicher Mahlzeiten in dieser Sippe wohl in der Familie. Jakobs und Esaus Mutter Rebekka, die das Machtstreben ihres geliebten Zweitgeborenen unterstützte, kochte und briet ihrem erblindeten Mann sein Lieblingsessen, band Jakob die Felle des frisch zubereiteten Tieres um die Arme, um den Eindruck zu erwecken, er sei der behaarte Esau und schickte ihn mit der Mahlzeit an das Bett seines alten Vaters. Mit Erfolg. Isaak ließ es sich schmecken und gab Jakob den Segen, nach dem es ihn so sehr verlangte.

Auch Gideon, der jüngste Sohn im Haus seines Vaters, der schwächsten Sippe des Stammes Manasse, geizte nicht mit seinen Kochkünsten, als ein Engel kam, um ihm mitzuteilen, dass er es sei, der das ganze Haus Israel befreien würde. Ob er Zeit brauchte, um diese Nachricht zu verdauen und das Kochen ihm dabei half? Wir wissen es nicht. Fakt ist, dass er den Engel bat, solange zu warten, bis er ein Ziegenböckchen für ihn zubereitet und aus einem Efa Mehl ungesäuerte Brote für ihn gebacken habe. Der Engel tat ihm den Gefallen und ruhte unter der Eiche, bis Gideon mit dem Kochen fertig war. Dann befahl er ihm, die mitgebrachte Brühe wegzuschütten, das Brot mit dem Fleisch aber auf einen Felsen zu legen. Schließlich berührte er beides mit seinem Stab und ließ es vom Feuer verzehren. (Richter, Kapitel 6, Vers 19f.)

In den Häusern der Reichen waren natürlich Dienerinnen und Diener mit der Zubereitung der Mahlzeiten befasst. Besonders das Mahlen des Getreides wurde offenbar als lästig empfunden und sobald es möglich war delegiert. Den niedrigen Status dieser Arbeit erkennt man zum Beispiel an der Bemerkung Hiobs anlässlich eines Eides, wenn er eine Falschaussage gemacht habe, sei er bereit, seine Frau das Mehl für seinen Gegner mahlen zu lassen, was diese nicht einmal im eigenen Haus nötig habe.

Nicht alle Männer konnten so leckere Mahlzeiten zubereiten wie Jakob und Gideon. Elischas Diener kochte für die Prophetenjünger ein wildes Rankengewächs, das er auf der Suche nach Malven auf dem Feld gefunden hatte. Doch diese Suppe kam selbst den wenig verwöhnten Asketen spanisch vor und sie weigerten sich, sie zu essen. Aber Elischa hatte auch diesmal den richtigen Tipp. Er empfahl, die Suppe mit ein wenig Mehl abzubinden und schon war sie genießbar, wie man im zweiten Buch der Könige in Kapitel 4, Vers 38 folgende nachlesen kann.

Es gibt ja eine Menge Leute, die behaupten, das Frühstück sei die wichtigste Mahlzeit des Tages. Wenn man sich allerdings die Menüs ansieht, die in der Bibel aufgetischt werden, können einem schon Zweifel an dieser These kommen. Im Gegensatz zu dem morgens eilig angerührten Getreidebrei oder schnell in Olivenöl getauchten Fladen wurde am Ende des Tages weit aufwändiger gekocht und gebraten, ähnlich wie heute, wo Familien und Freunde sich in den Abendstunden für ausgiebige gemeinsame Mahlzeiten treffen. In der Bibel gehörte die Gastfreundschaft, die das Angebot einer Mahlzeit einschloss, so grundlegend zu den gesellschaftlichen Gepflogenheiten, dass sie sogar Eingang in rituelle Vollzüge fand. Beim Pascha-Mahl wurde des Öfteren ein Platz freigehalten, der für einen überraschend eintreffenden Gast reserviert war.

Der Schwerpunkt auf abendlichen Menüs hat natürlich auch etwas mit den langwierigen Vorbereitungsarbeiten zu tun. Ohne die technischen Möglichkeiten unserer Zeit dauert es eben einfach länger, ein wohlschmeckendes, aus frischen Zutaten bereitetes Mahl auf den Tisch zu bringen. Bei Fleischgerichten kam außer Kalb-, Lamm, Ochsen, Rind- und Ziegenfleisch viel Geflügel in Form von Wachteln, Enten, Tauben, Sperlingen, Gänsen oder den ebenfalls schon bekannten Hühnern auf den Tisch. Auch frischer Fisch, der besonders im neuen Testament eine große Rolle spielt – schließlich waren einige der Jünger Jesu hauptberufliche Fischer – war ein beliebtes Hauptgericht und wurde von Jesus seinen Jüngern sogar zum Frühstück serviert.

Die häufige Aufzählung frisch geschlachteter, gebratener oder gekochter Lämmer, Kälber und Ziegenböcke sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Mehrzahl der in biblischer Zeit genossenen Gerichte vegetarisch war. Viele Mahlzeiten bestanden deshalb aus der Kombination diverser Gemüse wie Bohnen, Gurken, Knoblauch, Kräutern, Lauch, Linsen, Oliven, Zwiebeln und Getreide beziehungsweise Mehl. Früchte wurden sowohl frisch als auch in getrocknetem Zustand genossen. Nüsse, Mandeln und Pistazien galten nicht nur als leckere Snacks für zwischendurch, sondern wurden auch in Hauptgerichten mit verarbeitet. Auch Milchprodukte spielten eine wichtige Rolle im täglichen Leben. Käse, Joghurt, Quark oder Butter wurden vor allem zusammen mit den frisch zubereiteten Brotfladen genossen. Zum Süßen verwendete man Honig, denn obwohl Zuckerrohr in der Antike durchaus bekannt war, wurde es nicht zu Kristallzucker verarbeitet.