Jerusalem

Berge in der Bibel: Wenn sich Himmel... ...und Erde berühren

Wo das Heil nahe ist: Ein theologischer Reiseführer zu den Bergen der Bibel hält auch für diejenigen, die nicht nach Israel fahren, reiche Erkenntnisse bereit.

Tabor Mountain and Jezreel Valley in Galilee, Israel
Der Berg Tabor am Rand der Jesreelebene in Galiläa: Hier soll nach allgemeiner Auffassung die Verklärung Christi stattgefunden haben. Foto: fotolia.de

Einer alten, heute wohl nicht mehr so zutreffenden Urlauber-Weisheit zufolge gibt es eigentlich nur zwei Arten von Erholungssuchenden: Die, die ans Meer streben und dann noch jene, die es hoch auf die Berge zieht. Das galt vielleicht vor Erfindung des Städtetourismus, doch nun gibt es Zeitgenossen, die sich bereit machen, zum Mars zu fliegen, sobald das geht. Die zurzeit noch einfachere Möglichkeit, einmal von oben auf die Erde zu blicken, ist dann doch die Bergwanderung oder das Besteigen eines Gipfels, ganz altmodisch sozusagen.

Bahai in Israel
Die Gärten der Bahai am Karmel-Berg im israelischen Haifa. Die Anlage mit ihren 19 Terrassen gehört zum UNESCO-Weltkultu... Foto: dpa

Die Luft ist besser dort oben, und vor allem auch die Sicht. Zumindest dem Anschein nach schrumpfen die Probleme wie die Landschaften dieser Welt, ist man nur hoch genug über ihnen. Der Mensch sucht die Berge aber nicht nur zur Erholung auf, sondern seit ehedem auch, um Gott nahe zu sein, um ihn zu suchen und ihn zu finden. In wohl allen Religionen der Erde sind Berge bevorzugte Orte der Gottes-Begegnung. Auch die jüdisch-christliche Tradition ist damit vertraut.

Neuer Reiseführer für das Heilige Land

Karl-Heinz Fleckenstein, Theologe und bekannter wie beliebter Reiseleiter für das Heilige Land, hat in einem schön bebilderten Taschenbuch einen Führer zu den Bergen im Land der Bibel vorgelegt, der auch für diejenigen, die nicht nach Israel fahren, reiche Erkenntnisse bereithält. Er weiß zu erzählen, dass über 440 Mal im Alten und im Neuen Testament Berge erwähnt werden. Immer wieder spielen sie als Gebetsstätten, als Orte des direkten Zusammentreffens von Schöpfer und Geschöpf eine Rolle, bis schließlich auf einem Berg – Golgota – die Erlösung geschieht.

Im Zweiten Buch der Chronik wird berichtet, dass Salomon das Haus des Herrn in Jerusalem auf dem Berg Morija baute, der nach jüdisch-christlicher Überlieferung identisch ist mit dem Berg, auf dem Abraham seinen Sohn Isaak als Opfer darbringen will (Gen 22.2). Wenn Fleckenstein diese biblischen Bezüge einbringt, kapituliert er kurz die jeweilige Bibelstelle. Mit Sensibilität und psychologischem Einfühlungsvermögen bemüht er sich darum, den alten Text für den Menschen von heute verstehbar zu machen. Hier versucht er zu erklären, wieso der Stammvater ernsthaft daran dachte, seinen Sohn zu opfern. Sein ganzes Leben schon hat Abraham auf den Anruf Gottes mit einem klaren „Hier bin ich!“ geantwortet. Zu diesem Gott und dessen Zumutungen bekennt er sich ganz und gar und vertraut ihm unbedingt. Am Ende, nachdem Gott Abrahams Treue geprüft hat, wird der Berg Morija wieder zu einem Ort der Bekräftigung von Gottes Weg mit uns Menschen: Abraham erhält die Zusage, Vater vieler Völker zu werden. Einfühlsam erklärt Fleckenstein das Ungeheuerliche an der Isaak-Geschichte und macht klar, dass sich im Glauben Abgründe auftun können. „Weil Glauben offensichtlich nicht etwas Harmloses ist, nicht eine kurzfristig von Wolken getrübte Aussicht. Glauben kann in tiefe Zweifel führen.“

Reisebegleiter auf dem Weg durch die Höhen des Heiligen Landes

Aber nicht nur bibeltheologisch ist Fleckenstein ein guter Reisebegleiter auf dem Weg durch die Höhen des Heiligen Landes. Er lässt den Leser auch teilhaben an den neueren historischen und archäologischen Erkenntnissen, die – wen wundert es – grundsätzlich die Bibel bestätigen. So, wenn er die verschiedenen Schichten in der Anastasis, der Auferstehungskirche erklärt, die ja nichts anderes ist als der Ort der Kreuzigung Jesu: „Er trug sein Kreuz und hing hinaus zur sogenannten Schädelhöhe, die auf Hebräisch Golgota heißt“ (Joh 19.17). Grabungen in den 1970er Jahren haben bestätigt, „dass es sich bei diesem Gelände ursprünglich um einen Steinbruch gehandelt hatte, in dem bis ins erste Jahrhundert vor Christus der weiße Meleke-Kalkstein geschlagen wurde. Zurück blieb ein länglicher, halbmondförmiger Stumpf (...), der die Form einer Schädelkuppe hatte“.

Auf Golgota wurden auch noch andere Gräber gefunden, was den biblischen Befund bestätigt: Nach römischem Gesetz mussten Bestattungen außerhalb der Stadt erfolgen. Ein griechischer Forscher fand 1986 „nach Abtragung einer Kalkschicht einen in den Stein geschlagenen Ring von 11,3 Zentimetern Durchmesser, der einem Holzstamm von bis zu 2,5 Metern Höhe hätte Halt geben können“. Mit ähnlicher Detailkenntnis beleuchtet Fleckenstein die anderen wichtigen Erhebungen Israels, darunter den Karmel, den Hermon, den Tabor, den Zion, den Berg der Seligpreisungen. Sie alle – viele von ihnen sind heute mit Kirchen oder Kapellen versehen – sind mögliche und wahrscheinliche Ziele bei einer Heilig Land-Wallfahrt; hier wird die Botschaft, die sie für uns bereithalten, offengelegt und erklärt. „Der Prophet Jesaja (Jes 2, 2–4) verheißt uns ja, dass wir alle einmal zu Bergwanderern werden – wenn wir das Heil erlangen wollen: ,Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge. (...) Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs! Er zeigt uns seine Wege; auf seinen Pfaden wollen wir gehen‘.“

Nicht nur die großen Ereignisse der Heilsgeschichte im alten und neuen Bund stehen mit den Hügeln und Bergen Palästinas in einem Bezug, auch im ganz alltäglichen Leben des Sohnes Gottes spielten sie eine Rolle. „Gerne steigt der Menschensohn nach einem anstrengenden Tag auf einen Berg. Dort kann er beten und sich in der einsamen Natur erholen (vgl. Mt 14.23, Joh 6.15).“ Dieses Erlebnis, dieses Aufatmen in Gottes freier Natur, kann ein jeder auch zu Hause oder in benachbarten Regionen haben. Und sich dabei daran erinnern, dass die Natur von Gott geschaffen und durch die Anwesenheit seines Sohnes geheiligt wurde. Für die vielen Berge der Bibel aber haben wir jetzt in dem Band von Karl-Heinz Fleckenstein einen theologisch wie historisch vorzüglichen Wegweiser.

Karl-Heinz Fleckenstein: Berge im Land der Bibel – Wo sich Himmel und Erde berühren. Be & Be Verlag, Heiligenkreuz, 2017, 201 S., ISBN 978-3-903118-39-3, EUR 12,90