Auf der charmanten Halbinsel Wollins

Die polnische Stadt Wollin an der Ostseeküste hat eine geschichtsträchtige Vergangenheit – Auch die Nähe zum Meer lädt zu einem Besuch ein. Von Rocco Thiede

Das Klima kann auch einmal rau sein – doch windig-stürmische Tage lassen sich perfekt für einen Strandspaziergang nutzen. Foto: Thiede
Das Klima kann auch einmal rau sein – doch windig-stürmische Tage lassen sich perfekt für einen Strandspaziergang nutzen... Foto: Thiede

Der Mythos von Vineta, einer sagenhaft reichen Stadt an der Ostsee, scheint zu leben. Zumindest wenn man das Regionalmuseum der polnischen Stadt Wolin (deutsch Wollin) betritt. Hier trifft der Besucher auf eine archäologische Dauerausstellung in mehreren Räumen mit Bernsteinen in allen Größen, silbernen Streitäxten, Messerklingen, Lanzen, Pfeilspitzen, irdenen Krügen und zerbrochenem Geschirr aus Ton, Kämmen aus Horn, einem Sonnenkompass oder der Statuette des slawischen Gottes Svantovit. Letztes Jahr feierte das kleine Museum sein 50-jähriges Bestehen, und man kann sogar das Glück haben, an einem Schließtag eingelassen zu werden. „Bitte läuten“, steht neben dem Eingang des beigefarbenen Hauses, an dessen Front ein bronzener Greif, das Wappentier Pommerns prangt.

Im „Muzeum Regionalne“ erfährt man viel von der ersten Besiedlung des Ortes durch slawische Stämme im 9. Jahrhundert, die die gleichnamige Insel in etwa 70 Siedlungen mit umfangreichen Verteidigungsanlagen bewohnten. Später sicherten sie ihren durch Landwirtschaft, Fischreichtum und Handel erworbenen Wohlstand mit Wehrburgen. Im frühen Mittelalter sollen die Wolliner so reich gewesen sein, dass sie ihre Häuser mit Marmor und Gold auskleideten und die Hufe ihrer Pferde mit Silber beschlugen. Zwölf Tore soll die Stadt gehabt haben. Ende des 10. Jahrhunderts emigrierte der dänische König Harald Blauzahn in die Stadt und verstarb hier 986. Ein Gedenkstein erinnert noch heute daran.

Die Rolle der Wikinger und der frühen Slawen wird hier an der Mündung der Oder auf der Flussinsel Ostrow in einem neuen Freilichtmuseum mit rekonstruierten Hütten, Wallanlagen und Türmen aus Holz gezeigt. Jedes Jahr im August kommen über 30 000 Geschichtsfans zu einem Festival und lassen hier die alte Welt wieder auferstehen mit Handwerkstraditionen wie Weben und Flechten, dem Schlagen von Münzen, der Zubereitung alter Speisen und Getränke sowie bei Showkämpfen in Kampfbekleidung mit Schilden und Schwertern.

Auch die Christianisierung ist ein Thema im Museum, wie zum Beispiel die Missionsversuche des Bischofs Otto von Bamberg, der laut Quellen „als mächtiger Kriegsmann, von vielen Reitern begleitet, und als glänzender Kirchenfürst Kisten mit Vorräten und Geschenken für die Pommern gefüllt“ bei sich hatte. Daraufhin soll am Johannistage im Juni 1124 „das ganze Volk zur Taufe bereit“ gewesen sein. „Fast sechs Wochen wurde hier ununterbrochen unterrichtet, gepredigt und getauft. Oft sank Otto vor Ermattung nieder.“

Kein Wunder also, dass das reiche „Minifürstentum Wollin“ später häufig zwischen die rivalisierenden Ostseemächte Dänemarks, Deutschlands, Schwedens oder Polens geriet. Dieser Machtkampf und mehrere verheerende Brände setzten der Stadt zu. Erst unter dem pommerschen Adel und seinen Herzögen bewahrte die Stadt bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren Charme. Aber zwei Monate im März und April 1945 reichten, um das alte Wollin zu über 90 Prozent zu zerstören. Einiges, wie die gotische Marienkirche, das aus roten Backsteinen gebaute Rathaus und wenige Bürgerhäuser erstanden aus Schutt und Asche neu und wurden restauriert, aber die architektonische Dominanz haben bis heute skurrile Plattenbauten aus der kommunistischen Ära in Polen.

Die Halbinsel Wollin ist die Schwesterinsel von Usedom. Zwischen Ostsee und Haff gelegen schätzen Naturfreunde den großen Nationalpark mit seinen dichten Buchenwäldern, Mooren und einsamen Waldseen und natürlich den idyllischen Sandstränden. Wanderer genießen die großartigen Ausblicke von Steilküsten und eiszeitlichen Endmoränenhügeln. Angler und Segler können hier ungestört ihrem Hobby frönen. Gut 30 Kilometer feinsandiger Ostseestrand laden allein auf der Insel Wollin zur Erholung ein.

Hinter dem „Divenow Portus“, wie es auf alten Karten heißt, also zwischen der Insel Wollin und dem ehemaligen Herzogtum Pommern, hat das Meer bis Kolberg (Kolobrzeg) eher einen schmalen Uferstreifen und wird immer wieder durch kleine Häfen und Zufahrten für Fischerboote und Freizeitsegler unterbrochen. In regelmäßigen Abständen sieht man Leuchttürme – einige. Das Wasser ist im Frühjahr noch recht frisch. Aber die ersten Mutigen stürzen sich für eine kurze Abkühlung bereits in die Wellen. Viele Urlauber nutzen an windig-stürmischen Tagen ihre Zeit an der Ostsee für einen ausgiebigen Strandspaziergang. Die Uferböschungen sind oft umzäunt und geschützt. Aber es gibt immer wieder Zugänge zur offenen See. An einigen Stellen gibt es ausgebaute Promenadenwege, sodass auch bei böigem-frischem Wind der Spaziergang am Meer nicht unterbleiben muss. Vielerorts schließen sich an die befestigten und mit Weiden oder Flechtwerk geschützten Uferböschungen ausgedehnte Kiefernwälder an, die im Sommer und Herbst ein Eldorado für Heidelbeeren- oder Pilzsammler sind.

Die kleinen Urlaubsorte an der polnischen Ostsee leben immer mehr vom Tourismus. Von Jahr zu Jahr entstehen immer mehr kleine Hotels. Oft liest man auch auf Deutsch „Zimmer frei“ oder „Haus zu vermieten“. Kaffees, Pizzerien, Imbissstände oder kleine Fischräuchereien haben sich in den vergangenen Jahren sichtbar an jeder Ecke etabliert. Noch ist der Zugang zum Meer nicht limitiert oder kostet gar, wie in deutschen Ostseebädern üblich, Kurtaxe oder gar Eintrittsgeld. Aber die freien Zugänge zum Meer werden auch in Polen von Jahr zu Jahr eingeschränkter. Tourismuskonzerne haben sich exquisite Flächen mit Meeresblick gesichert und diese bereits eingezäunt.

Die Urlaubskasse wird in Polen im Vergleich zu Deutschland geschont, aber ein Billigurlaub ist in Polen schon länger nicht mehr zu machen. Es kann schon passieren, dass man einen Espresso oder Cappuccino trinkt und am Ende mehr bezahlt als im Berliner Stadtzentrum. Dennoch ist eine Reise mit Familie und Kindern hierher finanziell eher möglich als an den heimischen Strand. Nur zur Hochsaison ist es nicht wirklich zu empfehlen, da dann scheinbar halb Polen sich an seinen Ostseestrand aufmacht und die Plätze am Meer heiß umkämpft sind.