Danzig

Auf den Spuren der Ritter

"Orte des Glaubens zwischen Ostsee und Weichsel": die Leser der "Tagespost" unterwegs in Polen.

Pilger-Studienreisen-Gruppe mit der "Tagespost"
Eine kleine, aber hoch interessierte Gruppe auf Pilger-Studienreise mit der „Tagespost“: Im Zentrum der Gruppe der geistliche Leiter und Herausgeber der Zeitung, Prälat Günter Putz. Im Hintergrund die Marienburg an der Nogat.

Eigentlich sollten die Ritter des Deutschen Ordens dem Piastenherzog Konrad von Masowien (1187–1247) nur etwas beim Kampf gegen die heidnischen Pruzzen helfen und zum Dank ein kleines Gebiet erhalten, doch nach den ersten Eroberungserfolgen nordöstlich der Weichsel kamen die Ritter, die es vorher schon als sozial orientierte Kreuzfahrer nach Akkon (das heutige Akka) gezogen hatte, auf den Geschmack: Sie blieben in den besetzten Gebieten, bauten einen hochentwickelten Ordensstaat auf und siegten weiter – in militärischer und päpstlicher Mission.

Die geistliche Dimension dieses Dienstes erläuterte Prälat Günter Putz, Herausgeber der „Tagespost“ und geistlicher Leiter der Pilger-Studienreise der Zeitung, anschaulich und mit Tiefgang bei einer der vielen Busfahrten, welche die kleine, aber hoch interessierte Gruppe fast täglich unternahm – zwischen Ostsee und Weichsel, Danzig und Gnesen, Frauenburg und Allenstein.

Nikolaus Kopernikus Grabmal in Frauenburg.
Ein Star des Programms war Nikolaus Kopernikus. Die „Tagespost“-Leser besuchten das Geburtshaus des großen Forschers in ... Foto: Fotos: Elisabeth Scheurer

Ein volles Programm erwartet die Teilnehmer

Ein volles Programm, das mit einem Orgelkonzert im Zisterzienserkloster Oliva in Danzig gleich sehr festlich und stimmungsvoll begann. Von dort ging es weiter zu dem an der Prachtstraße Langer Markt (Dlugi Targ) gelegenen komfortablen Hotel, von dem aus die vielen Wahrzeichen und Sehenswürdigkeiten Danzigs bequem zu Fuß zu erreichen waren: Das Grüne Tor, in dem einst der Nobelpreisträger und Präsident im Ruhestand, Lech Walesa, residierte, der Neptunbrunnen und die vielen Kirchen im Herzen der Stadt. Allen voran die Marienkirche, die größte mittelalterliche Backsteinkirche Europas, in der allerdings gerade geräuschvoll renoviert wurde. Die kompetente Reiseleiterin Regina Rakow („Singer-Reisen, Würzburg“) ließ sich davon aber nicht beeindrucken und hielt mit faktenreichen Erläuterungen, etwa zum berühmten Tafelbild der Zehn Gebote, dagegen. Auch in der Birgittenkirche, die just am Tag der hl. Birgitta besucht wurde, teilte die Kunsthistorikerin kluge Informationen zur Bedeutung des Bauwerks und seiner Einrichtung. Dabei wurde auch die zwiespältige Rolle des einstigen Hausherrn, Pfarrer Henryk Jankowski, einer Solidarnosc-Legende, nicht verschwiegen. Doch mit kultureller und religiöser Sensibilität gelang es Rakow, die Ambivalenzen der jüngeren polnischen Zeitgeschichte souverän zu meistern.

Auch das berühmte Gemälde von Hans Memling, welches das „Jüngste Gericht“ zeigt und heute im Nationalmuseum hängt, brachte Rakow druckreif auf den Punkt. So wie Prälat Putz die Leser, von denen viele schon seit Jahrzehnten der „Tagespost“ treu verbunden sind, täglich mit geistvollen Predigten verwöhnte. Unterstützt von zwei Konzelebranten: Monsignore Heinz Gunkel (Erfurt) und Pfarrer Franz Xaver Matok (Regensburg).

Nikolaus Kopernikus – ein weiterer Star der Reise

Doch so sehr es bei der Reise auch um die Ritter ging – ein weiterer Star des Programms war sicherlich Nikolaus Kopernikus, den sowohl Deutsche wie auch Polen gern für ihre Nationalmannschaft der großen Geister und Gelehrten in Anspruch nehmen. In Thorn, berühmt für seine mittelalterliche Kulisse und einen katholischen Radiosender, wurde das Geburtshaus des großen Forschers betrachtet. In Frauenburg, malerisch am Frischen Haff gelegen, war der Geist des Kopernikus ebenfalls spürbar: Kein Wunder, schließlich hat der geniale Mann hier als Domherr und im Dienst des Fürstbistums Ermland gearbeitet und quasi nebenher sein unvergessenes Meisterwerk „De Revolutionibus Orbium Coelestium“ verfasst. Auch im imposanten Bischofsschloss in Heilsberg und beim Ausflug nach Allenstein war Kopernikus ein Thema – hier hat er jeweils eine zeitlang residiert. Vernunft und Glaube – für den Erde-um-die-Sonne-Dreher Nikolaus Kopernikus kein Widerspruch.

Wie natürlich auch nicht für den großen Papst und Philosophen Karol Wojtyla alias Johannes Paul II., der einem in Polen nicht nur durch viele Denkmäler permanent begegnet – auch in den Kirchen ist er durch Fotos, Gemälde oder Wappen nach wie vor sehr präsent. Sein marianisches Motto, „Totus tuus“, könnte auch das Motto der berühmten barocken Marienwallfahrtskirche Heilige Linde sein, die „im 17. Jahrhundert im Zeichen der Gegenreformation zum protestantisch gewordenen Preußen gebaut wurde“. Auch hier gab es ein Konzert auf der prachtvollen Barockorgel mit ihren vielen mechanisch zu bewegenden Figuren, darunter Maria und der Erzengel Gabriel, die sich immer wieder huldvoll zunicken. Andächtiges Lauschen garantiert.

Die gotische Kathedrale von Gnesen

In Gnesen, wo der heutige Primas von Polen, Erzbischof Wojciech Polak, residiert, war es dann vor allem die gotische Kathedrale, welche im Fokus der Aufmerksamkeit stand. Allem voran der silberne Reliquienschrein des hl. Adalbert, der von den Polen ebenso als Schutzheiliger verehrt wird wie von den Tschechen und Ungarn. Was angesichts seines bewegten Lebens nicht überrascht. Nach seinem Märtyrertod ging die Reise für seine Reliquien noch einige Zeit weiter. Nun aber scheint endgültig Ruhe eingekehrt zu sein: In Prag befinden sich im wesentlichen seine Gebeine. In Gnesen verweist besagter Reliquienschrein, der sich über dem Hochaltar befindet, auf diesen Heiligen ohne Grenzen. Wie früh die Verehrung dieses mutigen Glaubensverkünders einsetzte, zeigt die berühmte Bronzetür der Kathedrale, die aus dem 12. Jahrhundert stammt und das heroische Leben und Sterben des Heiligen Adalbert anschaulich wiedergibt.

Die "Tagespost"-Leser waren beeindruckt

So viele interessante und schöne Eindrücke. Allein die Marienburg an der Nogat, die dem Deutschen Orden von 1309 bis 1457 als Hauptsitz diente, war eine Reise wert. Vor einigen Jahren in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen, zieht diese für ihre Zeit hochmoderne Festungsanlage jährlich Tausende von Besuchern in ihren Bann. Auch die „Tagespost“-Leser waren beeindruckt. Vorburg, Mittelburg, Hochburg und Hochmeisterpalast – hier waren nicht nur exzellente Soldaten am Werk, sondern auch praktisch denkende Ingenieure und Baumeister, mit Sinn für Temperaturschwankungen. Doch so imponierend diese und die vielen anderen Burgen und Festungen in Ermland-Masuren auch sein mögen, irgendwann begann das Ende der nach Osten expandierenden Ritter, die Henryk Sienkiewicz in dem Roman „Die Kreuzritter“ literarisch dargestellt hat. Bei der Schlacht von Tannenberg (Grunwald) im Jahr 1410 unterlagen die eigentlich als unbesiegbar geltenden Ritter dem polnisch-litauischen Heer. Später waren es ausgerechnet die gehorsamen Bewohner von Danzig, Thorn und Elbing, welche unterstützt vom polnischen König den Aufstand wagten und die Ritter besiegten.

Doch das ist lange vorbei. Heute, da sich der Hauptsitz in Wien befindet, sind die Ordensmitglieder auf vielfältige Weise in der Kirche tätig, wie Prälat Putz („Das ist nicht nur Folklore“) betonte. Gerade auch im sozial-karitativen Bereich, wie es der ursprüngliche Auftrag vorsah. In Österreich spielt dieser geistliche Orden mit seinen vielen Priestern und Schwestern eine wichtige Rolle bei der geistlichen Grundversorgung der Gläubigen.

Was von dieser Reise zu den „Orten des Glaubens zwischen Ostsee und Weichsel“ bleibt, ist der Eindruck, dass der Katholizismus immer noch stark und kräftig ist. Es ist vor allem die universale katholische Kultur, welche Deutsche und Polen als gläubige Europäer friedlich zusammenbringt, wie es auch diesmal wieder zu spüren war. Ohne Ressentiments, mit einer gemeinsamen christlichen Vision. Modern, ritterlich, gut. Stellvertretend für alle, die die Pilgergruppe der „Tagespost“ herzlich willkommen hießen, sei Schwester Hildegard von der Kongregation der Katharinenschwestern genannt, die ihren Dienst in der mittelalterlichen Stiftskirche in Guttstadt versieht. Auf die nächste Reise mit der „Tagespost“ und ihren gebildeten und weiterhin bildungshungrigen Lesern darf man sich freuen.