Auf dem „großen Fluss“ Andalusiens

Bootsfahrt über den Río Guadalquivir – Zwischen Naturwunder und Umweltkatastrophe bietet dieser Ausflug alles

Sanlúcar de Barrameda, Uferpromenade. Gleißendes Licht hängt über dem Río Guadalquivir. „Großer Fluss“ nannten ihn einst die Mauren, „großer König Andalusiens“ bedichtete ihn Luis de Góngora (1561–1627). Meerwärts glitzert eine schaumweiße Linie und zeigt an, wo der Strom mit dem Atlantik verschmilzt. Entsprungen in den kühlen Gebirgshöhen der Sierra de Cazorla, geht seine mehr als 650 Kilometer lange Reise zu Ende. „Oh, Guadalquivir! Ich sah dich in Cazorla geboren, heute in Sanlúcar sterben“ – die Verse des Antonio Machado (1875–1939) sind zeitlos geblieben. Trotz aller Eingriffe. Unterwegs hat man den Guadalquivir aufgestaut, verformt, verschmutzt, seine Wasser für Feld- und Industriebelange abgezweigt. Er hat Córdoba gesehen und Machados Heimatstadt Sevilla, zu Spaniens Weltmachtzeiten Ziel der reichen Handelsflotten aus den Kolonien. Gold und Silber segelten wie von Wunderhand herbei, Kakao, Gewürze, Tabak – bis die Quellen versiegten, der Wohlstand in Kriegen verpulvert und Sevillas Monopol für den Überseehandel auf dem Grund der Geschichte versunken war.

Der Guadalquivir setzt einen natürlichen Schnitt an Andalusiens „Küste des Lichts“, der Costa de la Luz. Auf der Gegenseite des Deltas drängen die Dünen des Nationalparks Donana heran, an den breiten Sandstreifen von Sanlúcar de Barrameda geht es am Auslauf weniger unberührt zu. Alljährlich sind die Strände mehrere Tage lang Schauplatz eines Aufgalopps der besonderen Art: mit den „Carreras de Caballos“, Spaniens ältestem Pferderennen, verwurzelt in Traditionen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Einige hundert Pferdestärken mehr bietet die „Real Fernando“ auf, ein Ausflugsboot, das jetzt am Nachmittag am Steg hinter dem Strand Baja de Guia wartet. Die letzten Passagiere steigen zu. Leinen los, der Fluss ruft!

Stromaufwärts nimmt die „Real Fernando“ Fahrt auf und treibt im historischen Kielwasser der Gold- und Silberflotten nordwärts. Festungsreste ziehen vorbei und bezeugen, teils versandet, den einstigen Schutz der Flusseinfahrt. Hinter einer Biegung verliert sich Sanlúcar de Barrameda im Rücken, Fischerkähne kommen entgegen. Bald geht es dicht an den Ufern des Nationalparks Donana entlang, an Schlammstreifen, Sandbändern, buschigen Kiefern. In moderatem Acht-Knoten-Tempo schneidet sich die „Real Fernando“ glatt und weich durch den Fluss. Mein Platz: eine harte Holzbank auf Oberdeck. Borddurchsagen stacheln Vogelbeobachter mit Ferngläsern zur Ausschau nach Möwen, Störchen, Graureihern und schwarzen Milanen an. Der Nationalpark, von der Unesco zum Weltnaturerbe ernannt und aus einem Jagdterrain alter Adelsgeschlechter erwachsen, gilt als eines der maßgeblichsten Vogeldurchzugsgebiete in Europa. Lagunen, Sümpfe, Buschwälder, Dünen und Atlantikstrände setzen sich zum Großmosaik fragiler Ökosysteme zusammen. Legt sich Nacht über Donana, werden vierbeinige Bewohner wie die Kleinfleckginsterkatze und der selten gewordene Pardelluchs aktiv.

Tausende Krebse im glitzernden Schlick neben dem Anlegesteg

Ein Landgang unterbricht die Bootstour, Poblado de la Plancha heißt der Stopp am flachen Uferland des Nationalparks. Kieferndächer spenden Schatten, Wacholder und Blumenwiesen säumen den Pfad zu reetgedeckten Tierbeobachtungsständen. Eine Führerin stapft voraus, hält gelegentlich an und spult lustlos ihre Informationen zu Parkgröße, Flora und Fauna ab. Statt erwarteter Damhirsche und Wildsauen tauchen auf dem Weg zu den Ausgucken Moskitoschwärme auf. Ein Festmahl voll Ausflüglerblut.

Dann zurück auf den Guadalquivir, dem eine stille Faszination entströmt. Der Wind treibt Schaumkronen vor sich her, das Wasser schimmert grünlich. Der zweite und letzte Stopp hält einen weniger angriffslustigen Nachschlag Wildlife bereit. Tausende Krebse im glitzernden Schlick neben dem Anlegesteg, rosa Flamingos in der Ferne. Es riecht nach Schwefel, die Sonne hat sich gesenkt. „Las Salinas“, so der Name des Stopps, weist auf die nahen Salinen. Zusammen mit Rinderweiden und dem Flusslauf des Guadalquivir findet sich hier eine Pufferzone, die Wirtschaftsbelange vom Naturschutz trennt. Hier kommt dem Reisenden die Umweltkatastrophe in den Sinn, die Donana Ende der neunziger Jahre erschütterte. Damals entwichen aus dem geborstenen Auffangbecken einer Bergbaufirma viele Millionen Kubikmeter hochgiftige Abwässer, die Experten irreparable Schäden des Naturhaushalts befürchten ließen. Die eigentliche Katastrophe schien für die Politik allerdings nicht das Gift zu sein, sondern die Aufdeckung des Skandals. Seither ist viel Wasser den Guadalquivir hinab-geflossen – und Erinnerungen verwässern mentalitätsgemäß rasch in Andalusien. Ob an Diktaturen oder andere Unglücksfälle, spielt keine Rolle. Oberflächlich betrachtet, sind die Spuren ohnehin verschwunden. Damit ist aus spanischer Sicht alles in bester Ordnung ...

In Bars und Bodegas hängt der Geruch des Manzanilla

Volle Kraft voraus nimmt die „Real Fernando“ Kurs zurück auf Sanlúcar de Barrameda, wo die Gäste den Ausflug mit einem Abendbummel durch die Altstadt beschließen. In Bars und Bodegas hängen die wohligen Düfte des Manzanilla, ein heller, frischer, trockener Tropfen aus dem weltberühmten Sherrydreieck zwischen Río Guadalquivir, El Puerto de Santa María und Jerez de la Frontera. Wer im Dunstkreis um Sanlúcars Zentralplatz, die Plaza del Cabildo, einkehrt, wird feststellen, dass die Spanier überwiegend unter sich und stille Winkel Mangelware sind. Draußen lärmen ausgelassen die Kinder, drinnen in den Kneipen dröhnen die Fernseher – nach ein bis zwei Manzanillas wünscht man sich glatt auf den „großen Fluss“ zurück.