An die Quelle kommen

Der Rektor des Österreichischen Pilger-Hospizes zur Heiligen Familie in Jerusalem, Markus St. Bugnyar, verweist im Gespräch mit der „Tagespost“ auf die positiven Auswirkungen des Tourismus-Booms auch für die palästinensischen Christen und die Bedeutung des Pilgerwesens im Heiligen Land. Von Till Magnus Steiner

Grabeskirche in Jerusalem
Christliche Pilger in der Grabeskirche zu Jerusalem. Vier Millionen Touristen und Pilger besuchten Israel in vergangenen Jahr – ein neuer Rekord. Foto: dpa
Rektor des Österreichischen Pilgerhospizes in Jerusalem im Interview
Markus St. Bugnyar ist seit 2004 Rektor des Österreichischen Pilger-Hospizes zur Heiligen Familie in Jerusalem und Honor... Foto: Bugnyar

Herr Rektor Bugnyar, im vergangenen Jahr waren erstmals mehr als vier Millionen Touristen und Pilger in Israel. Diese Zahl bedeutet einen Anstieg um 38 Prozent im Vergleich zu 2016. Für 40 Prozent der Touristen und Pilger war es im vergangenen Jahr nicht die erste Reise nach Israel, 61 Prozent der Besucher waren Christen. Aber profitieren auch die einheimischen, palästinensischen Christen von diesem Boom?

Man merkt, wenn man in der Westbank unterwegs ist: Die Menschen wirken zufriedener. Man merkt es auch an Episoden, mit denen man nicht rechnet. Eine österreichische Gemeinde wollte Olivenholz aus dem Heiligen Land in ihren neuen Altarraum einpflegen. Dazu hatten wir verschiedene Händler angefragt und die Antwort war immer dieselbe: „Wir können das nicht, weil das Holz nicht trocken genug zur Verarbeitung ist.“ Früher hätte ich darauf gewettet, dass es relativ egal ist, ob das Holz trocken oder feucht ist – Hauptsache, man hat einen Auftrag und kann etwas verkaufen. Man legt nun aber mehr Wert auf Qualität. Und das ist ein gutes Phänomen, weil die Menschen verstehen, dass ihnen das letztlich wieder zugutekommt; dass höhere Qualität, selbst wenn der Tourismusboom wieder kippen sollte, natürlich auch dazu führen kann, ein gewisses Einkommen für den familiären Betrieb aufrechtzuerhalten. Natürlich gibt es nach wie vor viele Menschen, die in prekären Situationen leben. Aber ein aggressives Zurschaustellen von Bedürftigkeit gibt es schon längere Zeit nicht mehr. Viele Bereiche der Wirtschaft in den palästinensischen Gebieten liegen zwar weiterhin am Boden. Teile der palästinensischen Gesellschaft können aus verschiedenen Gründen – auch aus politischen – von dem Tourismusboom nicht profitieren. Aber bezogen auf den Pilgertourismus und die christliche Minderheit im Land angesprochen, glaube ich sagen zu können: Da merkt man eine gewisse Zufriedenheit.

 

Das österreichische Hospiz wird momentan dank zahlreicher Spenden durch einen Neubau erweitert. Mit der angegliederten „Casa Austria“ erreicht das älteste, nationale Pilgerhaus in Jerusalem seine vor über 160 Jahren angedachte Kapazität, um wirtschaftlich rentabel zu sein. Waren mehr Betten wirklich nötig? Oder wäre das Geld nicht besser in sozial-karitative Projekte geflossen?

Im Kontrast zu einem auf den Profit ausgerichteten Hotelbetrieb verstehe ich ein Pilgerhaus in erster Linie als Auftrag, über den Gästehausbetrieb lokale Arbeitsplätze zu schaffen und damit einen sehr konkreten, materiellen Beitrag dafür zu leisten, was uns wichtig ist: nämlich, den Menschen im Heiligen Land beizustehen. Als ich 2004 die Hausleitung übernahm, hatten wir nur zwölf Mitarbeiter. Heute arbeiten insgesamt 36 Muslime und Christen in unserem Haus und finanzieren so ihre Familien. Zusätzlich zu diesem Arbeitsplätze-Schaffen haben wir noch ein sehr konkretes Anliegen, das wir im Blick behalten: die katholische Pfarre in Gaza-Stadt. Sie ist 1879 als Missionsstation von einem meiner Vorgänger gegründet worden, der bereits die Bedeutung der caritativen Hilfe neben dem Pilgerbetrieb gesehen hat. Durch einen eigenen Sozialfonds wird die Pfarre in Gaza-Stadt von uns unterstützt und so unter anderem die Arbeit des dazugehörigen, von den Schwestern der Barmherzigkeit geleiteten Heims für Waisen und Kinder mit Behinderung ermöglicht. Darüber hinaus versuchen wir nicht nur für unsere Mitarbeiter und deren Familien da zu sein, sondern auch in einem weiteren Kreis auf soziale Anliegen ansprechbar zu sein und caritative Einrichtungen in ihrer Arbeit zu unterstützen. Wir verstehen dieses Gästehaus nicht als Selbstzweck, sondern als Auftrag, mit den uns vorhandenen Möglichkeiten auch sozial-caritativ tätig zu sein. So ist der Bau der „Casa Austria“, der zusätzliche Räume und Betten für Pilger schafft, ein über 160 Jahre altes Bauprojekt, das nicht aus schnöder Profitgier erfolgt, sondern eine Verpflichtung dem Pilgerwesen gegenüber und dem damit einhergehenden, genannten Auftrag.

Für Pilger haben Sie nun einen Pilgerführer veröffentlicht. Wenn man das Buch aufschlägt, findet man keine Auflistung von Pilgerstätten, sondern Auslegungen verschiedener Bibeltexte, die am Leben Jesu ausgerichtet sind. Inwiefern ist dieser Predigtband ein Pilgerbegleiter?

Man sollte nicht den Fehler machen und dieses Buch von vorne bis hinten durchlesen. Und ja, man kann einzelne Texte an den entsprechenden Pilgerstätten lesen. Oder die Texte können einen zuhause durch das Kirchenjahr hindurch begleiten. Im Zentrum steht das Spirituelle: Es ist ein Lesebuch, das ein Pilger mitnehmen kann, um sich an den Stätten Zeit zu nehmen und die Wegmarken von Jesu Leben zu meditieren.

Bereits im ersten Text ihres Buches verweisen sie auf die sozusagen zwei Ebenen des Heiligen Landes: Es ist ein physischer, geografischer Ort, der in den Texten zugleich auch einen geistlichen Sinn hat. Man muss, um die Bibel zu lesen und über die Texte zu meditieren, keine Pilgerfahrt ins Heilige Land machen. Warum sollte ein Christ eigentlich an die Stätten der Bibel pilgern?

Ich bin mir nicht sicher, ob man ein guter Christ sein kann, ohne im Heiligen Land gewesen zu sein. Und da spricht jetzt nicht nur der Pilgerhausleiter aus mir. Wir kennen ja aus dem Islam die zu den Grundelementen dieser Religion gehörende Vorschrift, einmal im Leben nach Mekka zu reisen, wenn man es sich leisten kann. Viele Christen in Europa können sich eine Pilgerfahrt leisten und obliegen dem Missverständnis, dass allein die Anbetung im Geist und in der Wahrheit genügen würde – und so leben sie ihre persönliche Frömmigkeit zuhause. Manchmal hört man ja auch die Aussage von Menschen: „Ich muss doch gar nicht in die Kirche am Sonntag, Gott ist ja auch an anderen Orten präsent.“ Das ist grundsätzlich richtig und das ist auch der Inhalt unseres Glaubens. Ich kann auch die Spuren Gottes in der Schöpfung nachvollziehen. Aber wenn wir konkret in die Heilsgeschichte eintauchen wollen, dann gilt es zu bedenken, dass die Inkarnation Gottes einen konkreten Ort und eine konkrete Zeit hat. Und man sieht die Überreste und Nachlässe des Wirkens des Gottessohnes nur hier im Heiligen Land und nirgendwo anders. Um im wahrsten Sinne des Wortes zum Ursprung und an die Quelle zu kommen, braucht es das Heilige Land. Vielleicht müsste die Pilgerfahrt ins Heilige Land ein Konstitutivum einer gewissen Kirchlichkeit sein. Zudem haben wir eine Schuldigkeit an die Christen vor Ort, die die heiligen Stätten zum Teil unter sehr widrigen Umständen erhalten und so an die nächste Generation weitergeben. Ein Besuch im Heiligen Land gehört zum Christ-Sein.