Am südlichen Ende der Welt

Vom Zauber einer Entdeckungsreise in die Antarktis. Von Bernd Kregel

Pinguin Highway in Cierva Cove. Foto: Fotos: B. Kregel
Pinguin Highway in Cierva Cove. Foto: Fotos: B. Kregel

Kap Hoorn wie es im Buche steht: Drohend rollen die Wellenberge heran und versprühen, aufgepeitscht von einem starken Westwind, ihre schäumende Gischt an der Steuerbordseite bis hinauf aufs Aussichtsdeck. In der Cafeteria sausen die Kaffeetassen von einer Tischseite auf die andere. Offenbar will es sich die Drake Passage nicht nehmen lassen, ihrem Ruf als größter Schiffsfriedhof der südlichen Hemisphäre gerecht zu werden. Und dies auf dem direkten Weg von Feuerland hinunter in die Antarktis, die seit vielen Millionen Jahren ihre Oberfläche unter einem dicken Eispanzer verbirgt. In einer Abgeschiedenheit, die am Ende des Zeitalters der Entdeckungen als der größte weiße Fleck auf der Landkarte übrig blieb. Ein Ärgernis, das Entdecker und Wissenschaftler anspornte, den Südpol als das Zentrum dieser gewaltigen Landmasse aufzustöbern. Allen voran der Norweger Roald Amundsen und der Engländer Robert Scott. Diese lieferten sich auf diesem Wege ein erbittertes Wettrennen, aus dem Amundsen schließlich als Sieger hervorging.

Aufregend auch die Antarktis-Expedition des Engländers Ernest Shackleton, dessen Schiff „Endurance“ sich im Packeis verfing und dann unter den Augen der Besatzung von diesem zerdrückt wurde. Ergreifend das Schicksal der 22 Seeleute, die die Tragödie auf dem abgelegenen Elephant Island überlebten. Schon wird Begeisterung laut, als sich die Insel nach der zweitägigen Überquerung der Drake Passage nun als Schatten am Horizont abzeichnet. Ein erhabenes Gefühl, endlich an einem der exponierten Schauplätze des Antarktis-Abenteuers angekommen zu sein.

In jener labyrinthartigen Eislandschaft, durchzogen von unüberschaubaren Fjorden und Kanälen. Und hin und wieder dieses rätselhafte Ächzen aus dem Inneren eines Gletschers, der kurz vor dem ungeduldig erwarteten Kalben mit seinem leuchtenden Weiß an die mächtige Kulisse eines sterilen Kreißsaales erinnert. Bis schließlich ganz überraschend ein riesiger Eisbrocken aus der Steilwand herausbricht, um sich als stattlicher Eisberg umgehend von seiner Abbruchkante abzunabeln. Geburt gelungen, Sprössling wohlauf, alle begeistert!

Zur Erforschung dieser natürlichen Zusammenhänge in der Antarktis haben sich zahlreiche Forschungsstationen in der eher lebensfeindlichen Eisregion etabliert. Eine davon ist die polnische Forschungsstation „Arctowski“. Hier widmet die Biologin Malgorzata Korczak aus Warschau ihre Aufmerksamkeit den Pinguinen der antarktischen Landspitze. Possierliche Wesen im eleganten „Frack“, die hier ihre Kolonien errichten. Wobei Männchen mit Eifer Kieselsteine in ihrem Schnabel selbst steile Anhöhen hinauftransportieren, um damit ein ansehnliches Nest zu bauen. Daher herrscht ein ständiges Kommen und Gehen auf den zahlreichen Pinguinhighways, die der weißen Schneelandschaft ein unauffälliges Streifenmuster verleihen.

Das größte Interesse jedoch erwecken die Wale. Sobald jemand eine Familie von Buckel- oder Killerwalen erspäht hat, füllt sich das Beobachtungsdeck in Windeseile. Gebannt liegt dann, besonders bei klarem Sonnenlicht, der Blick auf den Meeresgiganten, deren Schwanz- und Rückenflossen immer wieder behäbig aus dem eiskalten Wasser auftauchen. Und dann wieder ganz kurzfristig ein Wetterumschlag. Zum Beispiel am Damoy Point, wo ein hereinbrechender Schneesturm für kurze Augenblicke den Blick auf die roten Fähnchen unterbricht, die als Markierungszeichen zu einer von einstigen Pionieren wohnlich eingerichteten Unterkunft aufgestellt sind. Auch wenn das heutige Expeditionsschiff denselben Namen trägt wie damals die „Fram“ Roald Amundsens, haben sich die Verhältnisse heute doch wesentlich verändert. So Kapitän Runi Andreassen aus Norwegen während seiner Einladung auf die Brücke. „Und alle Technik ist aus Deutschland“, bemerkt er anerkennend.

Von dorther kommt auch ein Teil seiner Mannschaft. Zum Beispiel Ralf Westphal aus Husum, der sich neben seinen Vorträgen über die Kap-Umrundung der einstigen Clipperschiffe auch auf die Außenbord-Aktivitäten des Schiffes spezialisiert hat. Mit der Technik des Kajak-Fahrens inmitten treibender Eisschollen kennt er sich daher bestens aus. Ebenso mit der Zeltübernachtung auf Amundsen-Art an entlegenen Küstenstreifen mitten im Schnee. Schon ist mit Port Lockroy knapp oberhalb des südlichen Polarkreises die letzte Station der Reise erreicht. Einst eine britische Beobachtungsstation während des Zweiten Weltkrieges, ist sie heute der Ort, an dem „Postmaster“ Stephen Skinner im Souvenirshop höchstpersönlich Briefe und Postkarten abstempelt. Attraktive Erinnerungsstücke, die erst lange Zeit nach der Reise irgendwann in die heimischen Briefkästen flattern. Nun noch als letzter antarktischer Höhepunkt das genussvolle Gleiten durch den Lemaire Kanal. Jene „Kodak-Spalte“, die wegen ihrer prächtigen Eiskulisse auf jeden Fotografen eine geradezu magnetische Anziehungskraft ausübt. Unmerklich dreht nun das Schiff durch ein großflächiges Eisfeld ab in Richtung Norden zur Drake Passage. Und die bietet bis zurück zum Ausgangshafen Ushuaia genügend Gelegenheit, sich der Einzigartigkeit dieser Reise ans südliche Ende der Welt bewusst zu werden.