Kommentar um "5 vor 12"

Kliniken stehen vor dem Kollaps

Auf den Intensivstationen fehlt es zunehmend an Personal. Krankenhäusern bekommen die entgangenen Einnahmen aus dem Regelbetrieb zu spüren. 

Intensivstation
Zur Zuspitzung der Lage in den Krankenhäusern: Das Problem sind nicht die Betten, sondern das Personal, das an diesen stehen soll. Den Häusern fehlen zudem die Einnahmen aus dem Regelbetrieb. Foto: Nikola Cutuk/PIXSELL via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Lange hat das deutsche Gesundheitssystem der Pandemie erfolgreich getrotzt. Nun, zum Jahreswechsel, spitzt sich die Lage jedoch erstmals tatsächlich bedrohlich zu. Laut dem täglich aktualisierten Register der Deutschen Interdisziplinäre Vereinigung der Intensivmediziner (DIVI) werden derzeit 5.648 Patienten mit einer COVID-19-Erkrankung auf einer der 1.287 deutschen Intensivstation behandelt. 3.063 (54 Prozent) sind demnach derart schwer erkrankt, dass sie invasiv beatmet werden müssen.

Fast 700 Intensivstationen melden Einschränkungen des Regelbetriebs

Zwar gibt es bundesweit auch jetzt noch mehr als 3.300 freie High-Care-Kapazitäten, doch gelten COVID-19-Erkrankungen, die „nur“ rund 21 Prozent der auf deutschen Intensivstationen behandelten Fälle ausmachen, als besonders personalintensiv. Und genau hier, beim Personal, herrscht mittlerweile Mangel. An Heiligabend berichtete der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN), Christian Karagiannidis, fast 700 Intensivstationen gäben inzwischen an, durch Personalausfälle im Regelbetrieb eingeschränkt zu sein.

DIVI-Präsident Uwe Janssens vermutet gar, dass die Situation im kommenden Jahr noch bedrohlicher werde. Dem ZDF-Morgenmagazin sagte Janssens am Dienstag „Wir befürchten durch die monatelangen Belastungen, die die Pflegekräfte jetzt mitgemacht haben auf den Intensivstationen, dass wir Anfang des kommenden Jahres Leute haben werden, die unter der Last zusammenbrechen werden und nicht mehr resilient genug sind und tatsächlich dann ins Aus gehen.“

Deutsche Krankenhausgesellschaft fürchtet Zahlungsunfähigkeit

Damit nicht genug: Viele Krankenhäusern stehen offenbar vor der Zahlungsunfähigkeit. Laut der Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) fehlen vielen Kliniken die entgangenen Einnahmen aus dem Regelbetrieb. „Wenn die Bundesregierung die Hilfen nicht deutlich erhöht, werden flächendeckend Kliniken bereits im ersten Quartal 2021 nicht mehr die Gehälter ihrer Mitglieder zahlen können“, zitiert das Redaktionsnetzwerk Deutschland DKG-Präsident Gerald Gaß.

Es wird Zeit, auch in Deutschland, das im internationalen Vergleich zweifelsfrei über eines der besten Gesundheitssysteme der Welt verfügt, intensiv über tiefgreifende Reformen nachzudenken. Mit dem von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn versprochenem „Rettungsschirm“ ist es nicht getan. Dabei darf es weder Denkverbote noch heilige Kühe geben. Vielmehr gehört alles auf den Prüfstand. Dann hätte die SARS-COV-2-Pandemie auch etwas Gutes bewirkt.

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