Berlin

Über den Dächern Berlins

Auf der Fachtagung des Bundesverbands Lebensrecht arbeiten Experten die Bedeutsamkeit lebensbejahender Bindungen heraus und üben deutlich Kritik am Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidhilfe.

Kritik am Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidhilfe
Das Sterbehilfeurteil des Bundesverfassungsgerichts würde auf einer Tagung des Bundesverbands Lebensrecht massiv kritikiert.

Die Liste der Forderungen ist lang: Sie reicht von der Wahl des Geschlechts und der "Ehe für alle", über Kontrazeptiva und Künstliche Befruchtung auf Krankenschein bis hin zu straffreien vorgeburtlichen Kindstötungen und ärztlich assistierten Selbsttötungen. Wer will kann auch das bedingungslose Grundeinkommen oder auch das Weiheamt für Frauen hinzunehmen, die sich zum Priestertum berufen fühlen. Angesichts solcher und weiterer Forderungen ist es nicht frei von Ironie, dass ausgerechnet in Zeiten, in denen sich die öffentlichen Diskurse nahezu ausschließlich um Rechte drehen, die Männer und Frauen sich aneignen oder erstreiten müssten, die Frage, wer oder was der Mensch denn eigentlich sei, gleichzeitig völlig belanglos geworden zu sein scheint. Es ist, als seien Staat und Gesellschaft stillschweigend übereingekommen, dass es eine Natur des Menschen nicht gebe und folglich alles nur "Kultur" sei. Kultur aber ist, anders als Natur, aber veränderbar. 

Der Natur des Menschen auf den Grund gehen

Zwar lässt sich der Mensch durchaus auch als "Kulturwesen" beschreiben, aber eben nicht, weil er selbst Kultur wäre, sondern weil es zu seiner Natur gehört, sich kulturell zu betätigen und Kultur zu erschaffen. In einer Welt, in der das "Haben" dem "Sein" den Rang abgelaufen hat, darf eine derartige Anthropologievergessenheit zwar wundern, überraschen kann sie jedoch kaum. 

Umso bemerkenswerter ist es, wenn heute jemand den Mut besitzt, der Natur des Menschen auf den Grund zu gehen und wenigstens einige ihrer Facetten auszuleuchten sucht. So geschehen bei der diesjährigen wissenschaftlichen Fachtagung des Bundesverband Lebensrecht (BVL), die seit einigen Jahren dem jährlich stattfindenden, vom BVL organisierten "Marsch für das Leben" vorangeht. Die hatte der Verband, unter dessen Dach sich zwölf Lebensrechtsorganisationen versammelt haben, diesmal unter die Überschrift "Lebensbejahende Bindungen   Grenzen von Autonomie und Selbstbestimmung" gestellt. Weil der Mensch ein soziales Wesen sei, seien Bindungen für den Menschen nicht nur wichtig, sondern auch "existentiell", begründete die Vorsitzende des BVL, Alexandra Linder, die Wahl des Themas. 

Hoch hinaus also wollte der BVL. Dazu passte auch die Wahl des Ortes. Denn in dem "Dachterrasse" genannten Saal mit seinen bodentiefen Glasfenstern in der elften Etage des Berliner Hotels "Golden Tulip" konnten Referenten und Teilnehmer ihre Gedanken gewissermaßen über den Dächern der Hauptstadt kreisen lassen. 

„Die Freiheit des Mensxchen bleibt begrenzt“

Den Anfang macht der Philosoph und ehemalige Politiker Christoph Böhr. Der langjährige Landesvorsitzende der rheinland-pfälzischen CDU lehrt seit einigen Jahren als außerplanmäßiger Professor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz bei Wien "Philosophische Gegenwartsfragen". Ausgehend von der Klärung von Begriffen wie Fremd- und Selbstbestimmung spannte Böhr einen Bogen zur Menschenwürde und endete mit einer harschen Kritik am Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidhilfe vom 26. Februar. 
Zwar werde der Mensch frei geboren, doch bleibe seine Freiheit stets eine begrenzte. Eine, die durch zahlreiche Faktoren wie Leib- und Sterblichkeit, Herkunft, Begabungen und Sozialisation eingehegt werde. Zu diesen müssten heute auch subtile Formen von Fremdbestimmung hinzugezählt werden, etwa Manipulationstechniken wie das "Nutching" oder das "Framing". Fremdbestimmt handele der Mensch jedoch nicht nur dort, wo er dem Einfluss Dritter folge, so Böhr: "Fremdbestimmt handele ich auch, wenn ich ganz unbedacht und unüberlegt meinen Leidenschaften folge." 

Gleichwohl seien Freiheit und echte Selbstbestimmung keine "Illusion". Ihre Verwirklichung setze jedoch ein "hohes Maß an Reflexion" voraus. Echte Selbstbestimmung zeige sich in der Fähigkeit, "den eigenen Willen überlegt und aus eigenem Antrieb zu lenken". Dafür brauche es allerdings einen Maßstab. Dieser Maßstab sei die "praktische Vernunft". Diese treibe den Willen nach den allgemeinen Regeln der Sittlichkeit an und sorge    wo ihr gefolgt werde   dafür, dass unser Handeln nicht durch subjektive Bedürfnisse und Neigungen bestimmt werde. 
Wirkliche Freiheit gebe es daher nur in der "Selbstbindung" an das Sittengesetz, welche Böhr mit Johannes Paul II. als "Selbstherrschaft" bezeichnete. Echte Selbstbestimmung sei daher immer eingebettet in eine in Freiheit gewollte Selbstbindung an das moralische Gesetz. Moral sei nichts, das jeder für sich "im stillen Kämmerlein" entdecken könne, sondern Moral sei das, was den Menschen über die allgemeine Menschenvernunft mit allen anderen Menschen verbinde. 

Selbsttötung ist ausgeschlossen

Laut Böhr ist der Mensch selbst "Ausdruck der Sittlichkeit". Das schließe jede Form der Tötung, auch der Selbsttötung, aus. "Denn wenn der Mensch   das Subjekt der Sittlichkeit  sich selbst tötet, dann tötet er zugleich die Sittlichkeit, deren Repräsentant er ist." Daher lege, wer Hand an den Menschen lege, Hand an die Sittlichkeit selbst. 
Von einem solchem Denken habe sich das Verfassungsrecht mittlerweile weit entfernt. Selbstbestimmung werde heute als Selbstverwirklichung verstanden und "weil es viel schöner klingt" mit dem "Fremdwort Autonomie" umschrieben, so Böhr. Wer aber meine, alles tun und lassen zu können, wonach ihm gerade der Sinn stehe, öffne der Fremdbestimmung "Tür und Tor". 

Abschließend ging Böhr auf das Urteil des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar ein, mit dem dieser das vom Deutschen Bundestag Ende 2015 erlassene "Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung" für verfassungswidrig und den  217 StGB für nichtig erklärte. Dabei sparte der Philosoph nicht mit Kritik. "Anders als es im Wortlaut an einer Stelle behauptet", baue "das Urteil nämlich gar nicht auf den Begriff der Menschenwürde auf, sondern auf dem der Selbstbestimmung". Mit ihm würde der absolute Begriff der Menschenwürde erstmals inhaltlich gebunden an einen relativen Begriff wie den der Selbstbestimmung. Böhr: "Der Begriff der Würde wird funktionalisiert und überwölbt vom Begriff der Selbstbestimmung. Man kann auch sagen, er wird degradiert." Das sei "ein außerordentlich fragiles Unterfangen". 

Wann handelt der Mensch selbstbestimmt?

"Das Recht, sich selbst das Leben zu nehmen, stellt sicher, dass der Einzelne über sich entsprechend dem eigenen Selbstbild autonom bestimmen und damit seine Persönlichkeit wahren kann. (...) Die Selbstbestimmung über das eigene Lebensende gehört zum  ureigensten Bereich der Personalität  des Menschen, in dem er frei ist, seine Maßstäbe zu wählen und nach ihnen zu entscheiden. Dieses Recht besteht in jeder Phase menschlicher Existenz. (...) Der mit freiem Willen handelnde Suizident entscheidet sich als Subjekt für den eigenen Tod", zitierte Böhr Kernsätze des Urteils und fragte: "Wann kann ich mir denn sicher sein, tatsächlich selbstbestimmt zu handeln, also unabhängig von Einflüsterungen und Erwartungen Dritter, gesellschaftlichen Vorgaben oder sanftem Druck oder Nutching oder Framing, Beeinflussungen, die mir oft gar nicht bewusst werden?" 

Dass nun der Staat prüfen solle, ob die Willensbekundung eines Suizidwilligen tatsächlich frei erfolge, nannte der Philosoph ein "Unding". Dies sei bereits schon aus praktischen Erwägungen heraus ein "heilloses Unterfangen". Wo der Staat dieser Pflicht nachkommen wolle, müsse er "tausende Eventualitäten ausschließen. Wie soll das gehen?", fragte Böhr. Dem Gericht hielt Böhr auch einen Mangel an konsistentem Denken vor. Er habe sich bei der Lektüre der Urteilsbegründung des Eindrucks nicht erwehren können, dass diese so "zurechtgebogen" worden sei, "dass man ein erwünschtes Ziel, nämlich die Rechtmäßigkeit des sogenannten assistierten Suizids meint begründen zu können". 

„Das Gericht hat den Suizid gehypt“

Der Salzburger Facharzt für Psychiatrie, Christian Spaemann, ging später noch weiter. Mit seinem Urteil, in dem der Suizid "heroisiert" und "gehypt" werde, habe das Bundesverfassungsgericht die Niederlande und Kanada "überholt". Zwar könnten sich Ärzte auch nach dem Urteil der Karlsruher Richter noch weigern, Suizidhilfe zu leisten. Gleichwohl würde es "den Ärztestand unterminieren". Die logische Folge sei die "Aktive Euthanasie". "Der Paragraf 216 StGB", das Verbot der Tötung auf Verlangen, "wird fallen", zeigte sich Spaemann überzeugt. 
Spaemann berichtete, als junger Arzt habe er in einem Münchner Krankenhaus jahrelang die Patienten behandelt, die in der Nacht zuvor einen Suizidversuch unternommen hätten. Der Suizid als Ausdruck eines "selbstbestimmten Sterbens" sei eine "Fiktion". Vielmehr seien Suizidversuche "massiv kontextabhängig". Auch seien sich alle Psychiater einig, dass man Selbstbestimmung nicht einfach unterstellt werden dürfe. 

Noch zwei weitere Vorträge hörten die rund 70 Teilnehmer der Fachtagung. Unter der Überschrift "Bindung beginnt im Mutterleib" referierte die Bindungsanalytikerin und Krisenbegleiterin Silke Nixdorff den Stand der Pränatalen Psychologie und zeigte die Bedeutung der Mutter-Kind-Bindung auf. Der Oberarzt und Abteilungsleiter für Molekulare Pädiatrie am Universitätsklinikum Erlangen, Professor Holm Schneider, informierte über "das Wagnis vorgeburtlicher Therapie" und stellte das Für und Wider von Heilversuchen im Mutterleib dar. 


Kurz gefasst 

Auf der Fachtagung des Bundesverbands Lebensrecht übten Referenten massive Kritik an dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidhilfe und warfen den Richtern vor, den Suizid heroisiert und den Begriff der Menschenwürde funktionalisiert und degradiert zu haben.

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