Künstliche Intelligenz

Geist im Kosmos

Steht die Schaffung maschineller „künstlicher Intelligenz” oder eines „künstlichen Bewusstseins/Geistes” kurz bevor? Grundsätzlicher stellt sich die Frage, wie der menschliche Geist im Universum im Laufe der Evolutionsgeschichte entstehen konnte.

Künstliche Intelligenz
Zentrale Zukunftsfragen: Ist es prinzipiell möglich, künstliche Intelligenz durch den Bau hochkomplexer Systeme zu erschaffen? Und kann so ein künstliches Bewusstsein oder ein künstlicher Geist entstehen? Foto: Spectral via www.imago-images.de

Die heutigen informationstechnischen Systeme verfügen über erstaunliche Fähigkeiten: Mobiltelefone übersetzen aus einer Sprache in eine andere, empfehlen uns Bücher oder Filme, überwachen unsere Gesundheit und regeln unseren Tagesablauf. Die Fähigkeiten der kleinen Helfer sind denen von Menschen in vielen Bereichen überlegen; sie zeigen „intelligentes” Verhalten. Aber sind sie wirklich intelligent – oder simulieren sie nur Intelligenz? Ist es prinzipiell möglich, künstliche Intelligenz durch den Bau hochkomplexer Systeme zu erschaffen? Und kann so ein künstliches Bewusstsein oder ein künstlicher Geist entstehen? Mehrere Jahrzehnte wurden die Systeme der „künstlichen Intelligenz” so konstruiert, dass Wissen, repräsentiert durch Texte oder Zeichenfolgen, algorithmisch manipuliert und so neues Wissen gewonnen wurde. Schon Gottfried Wilhelm Leibniz  träumte von einem „zeichenbasierten Kalkül wie in der Algebra”, in dem jegliche Art von Deduktionen oder Inferenzen durchführt werden kann. Sein berühmtes „Calculemus!” aus einem Brief an Spener von 1687 drückt genau das aus.

Simulation oder Realität?

Aber selbst mit einem solchen Kalkül hält Leibniz intelligente Maschinen für nicht realisierbar. Er spricht in seinem Mühlengleichnis jeder mechanischen Apparatur, heute würde man sagen: jeder Rechenmaschine oder jedem Computer, Perzeption oder Bewusstsein ab: „Wenn wir so tun, als ob es eine Maschine gäbe, deren Struktur sie befähigte zu denken, zu fühlen, Wahrnehmung zu besitzen, dann könnten wir sie uns auch vergrößert, aber die gleichen Proportionen behaltend vorstellen, sodass man in sie eintreten könnte wie in eine Windmühle. Wenn wir dies annehmen, wird man bei der Besichtigung ihres Inneren nichts finden als Teile, die sich gegenseitig antreiben, aber niemals etwas, das Wahrnehmung erklärt. Also ist es in der einfachen Substanz und nicht in der Verbindung oder in der Maschine, wo wir sie [die Perzeption/das Bewusstsein] suchen müssen.” Leibniz lehnt damit jede materialistische Erklärung von Bewusstsein ab – eine Position, die heutzutage als „schwache KI” bekannt geworden ist. „Starke KI” bezeichnet die These, dass entsprechend programmierte Computer Intelligenz und Bewusstsein besitzen; hingegen sagt die These der „schwachen KI” aus, dass Maschinen Intelligenz und Bewusstsein bestenfalls simulieren können, ohne wirkliches Verständnis oder Bewusstsein zu zeigen.

Nullen und Einsen schaffen kein Bewusstsein

Diese Unterscheidung geht auf John R. Searle zurück, der sagt: „Nullen und Einsen anzuhäufen schafft aber noch kein Bewusstsein.” Aber viele der heutigen Systeme der KI arbeiten nach einem ganz anderen Paradigma, dem des Konnektionismus. Man versucht, die Funktionsweise des menschlichen Hirns durch „künstliche neuronale Netze” nachzubilden, bestehend aus einer großen Zahl künstlicher Neuronen, die untereinander Verbindungen aufweisen, die während eines „Trainingsprozesses” angepasst werden. Die Netze lernen so aus Daten und erzielen große Erfolge dabei, in riesigen Datenmengen Regelmäßigkeiten zu finden. Hier sind Computer dem Menschen ohne Zweifel überlegen. Im Konnektionismus werden in riesiger Zahl kleine Einheiten zusammengeschaltet, ohne dass wir die Funktionsweise des Gesamtsystems verstehen, ja vielleicht ohne dass wir sie prinzipiell verstehen können. Zeigen künstliche neuronale Netze intelligentes Verhalten? Und falls ja, wie entsteht es? Der französische Paläontologe und Theologe Pater Marie Joseph Pierre Teilhard de Chardin beobachtete in der Materie „eine ungeheure Anhäufung von Zentren, die sich gegenseitig abfangen und beherrschen, bis aus ihren Verbindungen immer kompliziertere Zentren höherer Ordnung erstehen”.

Kosmischer Drang zur Komplexität

Auch das Bewusstsein entsteht durch solche Korpuskulisation. Sobald ein Teilchen eine innere Struktur besitzt, spricht Teilhard von Bewusstsein. Es herrscht ein Wirbel, der die Materie zu immer größeren, organisierteren Korpuskeln anordnet, in denen das Bewusstsein wie eine psychische Temperatur entsteht. Korpuskel bilden durch Zusammenballung Zentren, die ihrerseits als Korpuskel in einer höheren Synthese dienen usw., dafür verwendet Teilhard die Bezeichnung Rekursionsgesetz von Bewusstsein und Komplexität. Es herrscht ein kosmischer Drang zu zunehmender Komplexität. Auch schon korpuskularen Einheiten vor der Entstehung des Lebens schreibt Teilhard Bewusstsein zu, nämlich wenn sie eine innere Struktur aufweisen. Mit dem Erreichen einer kritischen Schwelle der Konzentration, der Reflexion, des Ich-Bewusstseins beginnt schließlich mit der Entstehung des Menschen eine neue Art von Leben.

Entwicklung von Schwarmintelligenz

Die Entwicklung der Evolution in Richtung auf höhere Komplexität und höheres Bewusstsein durch Korpuskulisation findet sich auf primitiver Ebene wieder in der Konstruktion künstlicher neuronaler Netze. Warum sollten nicht sehr große Netze mit vielleicht 100 Milliarden Zellen, der vermuteten Größe des menschlichen Gehirns, sich in einer Weise organisieren können, die wir nicht verstehen und nicht verstehen können, die aber zu intelligentem Verhalten und künstlichem Bewusstsein führt? Ist diese Entwicklung von „Schwarmintelligenz” nicht nach dem Rekursionsgesetz unaufhaltbar? Wie steht Teilhard de Chardin zu der Frage? Er gibt eine negative Antwort, die aber letztendlich eine Antwort aus dem Glauben bleibt: Die Entstehung des Selbstbewusstseins im Menschen hält er für einen kosmisch einmaligen Vorgang, der nirgendwo sonst im Universum beobachtet werden kann, unumkehrbar und nicht wiederholbar ist. Teilhard fragt: „Können wir ernsthaft daran zweifeln, dass die Intelligenz entwicklungsgeschichtlich dem Menschen allein zu eigen wurde?” Teilhards Weltsicht ist panentheistisch: Gott umfasst die Welt, ein Außerhalb Gottes gibt es nicht.

Gott lenkt die Schöpfung nach seinem Plan

Nach der Auffassung des britischen Mathematikers und Philosophen Alfred North Whitehead wird Gott, da er den Kosmos umfasst, dieser sich aber entwickelt, von den Ereignissen der Welt beeinflusst und ändert sich mit der Zeit. Veränderungen der Welt haben Einfluss auf Gott, und umgekehrt beeinflusst Gott die Welt. Alle Entitäten, vom Elementarteilchen bis zum Menschen, haben Gefühle, Macht und Strebevermögen und sind damit (Mit-) Schöpfer in einem kontinuierlichen Schöpfungsprozess. Gott lenkt die Schöpfung nach seinem Plan, der in einer Steigerung der Harmonie besteht. Gott bestimmt Dinge und Vorgänge in der Welt nicht absolut, sondern bewegt sie dazu, sich in die gottgewollte Richtung zu entwickeln; er zwingt nicht, sondern wirbt und lockt. Als Reaktion auf Whiteheads „Prozesstheologie” hat Karl Rahner eine Auffassung der Evolutionstheorie entwickelt, die als „Theorie der aktiven Selbsttranszendenz” bekannt wurde: Durch seinen transzendentalen schöpferischen Einfluss ermöglicht Gott den Dingen die „aktive Selbstüberschreitung“ hin zu Neuem, das nicht schon keimhaft in ihnen angelegt war, also etwas hervorzubringen, das sie selbst wesenhaft überbietet.

Selbsttranszendenz der Materie

Rahner erklärt so die Entwicklung der Lebensformen zu höherer Stufe oder Komplexität (Materie, Leben, Bewusstsein, Geist) und das Auftreten des Menschen. Allerdings kann ein Wesen sich nur selbst überbieten, wenn Gott es dazu ermächtigt hat. Nach Auffassung des Konnektionismus entsteht durch Zusammenschalten von Neuronen zu einem Netz Intelligenz. In der Philosophie würde man von einer Emergenztheorie sprechen, der Auffassung, dass im Gehirn in einer riesigen Zahl aktiver Einheiten komplexe Information verarbeitet wird und aus dieser Komplexität auf höherer Ebene etwas Neues entsteht. Nach Rahners Auffassung wird Selbsttranszendenz der Materie jedoch erst durch den Urgrund Gott als „inneres Moment der Bewegung“ ermöglicht. Wir können also nicht mehr von Emergenz sprechen, die von vielen heutigen Philosophen ohnehin abgelehnt wird.

Bewusstsein als Grund

In letzter Konsequenz weitergedacht führt das zu einer Theorie der Entstehung von Geist und Bewusstsein, dem Panpsychismus, der das Bewusstsein als Grundelement des Kosmos ansieht. Nach der Auffassung Thomas Nagels bietet sich der Panpsychismus als Weg zur Erklärung des Geistes an, den auch Atheisten akzeptieren können, weil er ohne Metaphysik auskommt. Er postuliert zunächst vier Axiome: (1) Alles besteht aus Materie. (2) Geistige Zustände können nicht auf physikalische Eigenschaften reduziert werden. (3) Geistige Zustände sind Eigenschaften des Organismus, nicht einer Seele oder sogar ohne Träger. (4) Es gibt keine Emergenz, alle Eigenschaften eines Systems ergeben sich aus Eigenschaften seiner Komponenten oder der Weise, wie sie zusammengesetzt werden. Zusammengenommen können diese Postulate nur so erklärt werden, dass alle grundlegenden (also materiellen) Konstituenten des Universums bereits geistige Eigenschaften aufweisen. Aber ein schwerwiegender Einwand gegenüber dem Panpsychismus, das „Kombinationsproblem“, fragt, wie es durch Kombination einer großen Zahl geistiger Grundbausteine zu diesem höheren einheitlichen Bewusstsein und nicht nur zu einer Ansammlung vieler primitiver Gefühle kommen kann. Wir finden hier erneut das Hauptargument gegenüber dem Konnektionismus wieder: Eine Erklärung des menschlichen Bewusstseins ohne Emergenz oder aktive Transzendenz bleibt offen.

Gott gibt die Richtung der Evolution vor

Kann „Geist”, „Bewusstsein” oder „Intelligenz” wirklich aus elementaren Einheiten, wie Nullen und Einsen oder künstlichen Neuronen oder Geist-Partikeln, nur durch Kombination entstehen? In der Prozesstheologie spricht Gott in Beziehung mit allen Dingen der Welt ihre geistige Seite an – eine Lösung des Kombinationsproblems, die aber ein Handeln Gottes voraussetzt. Für Teilhard de Chardin („Gott lässt die Dinge sich machen“) gibt Gott die Richtung der Evolution durch Gesetze vor. Auch bei Rahner liegt die Ursache der Fähigkeit der Materie zu Komplexitätswachstum in Gott, die Materie trägt Gott als Urgrund in sich und er hebt oder treibt sie auf die nächste Ebene. Auch hier finden wir also eine religiöse Erklärung des Kombinationsproblems. Der grundlegende Einwand gegenüber dem Panpsychismus und seiner technischen Variante, dem Konnektionismus, kann wohl nur in einer religiösen Weltsicht entkräftet werden. Das Auftreten des Geistes ist ohne die Annahme eines göttlichen lenkenden oder treibenden oder lockenden Moments in der Welt nicht erklärbar.