Würzburg

Deutschland, wir müssen reden!

In einem offenen Brief wendet sich Stefan Rehder an das deutsche Vaterland und legt die Finger in Wunden, die in der Krise deutlich werden.

Ein offener Brief an die Bundesrepublik
Lange haben die Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer zusammen mit der Bundesregierung eine bislang nicht gekannte Geschlossenheit und Einigkeit demonstriert. Sollte dieser Eindruck etwa täuschen? Foto: fotolia.de

Liebes Deutschland!

Wie Du dich im Kampf gegen die COVID-19-Pandemie schlägst, das kann sich sehen lassen. Grosso modo jedenfalls. Seit Wochen zeigst Du in beeindruckender Manier, was alles in Dir steckt. Überwiegend klaglos erträgst Du den „Lockdown“, der – auch wenn es inzwischen erste Lockerungen gibt – mit zahlreichen Einschränkungen verbunden ist.

Seit mehr als einem Monat verzichtest Du nicht bloß auf Versammlungen und Demonstrationen, den Besuch von Musikfestivals und Sportveranstaltungen, sondern sogar auf die gemeinsame Feier von Gottesdiensten und Andachten. Tapfer erträgst Du nicht bloß die Schließung von Museen und Galerien, Theater- und Opernhäusern, sondern auch die von Restaurants und Bistros, Biergärten und Straßencafés.

Selbst dass Deine Sterbenden sich von ihren Angehörigen oft nur via Skype verabschieden und bisweilen – einsam und verlassen – ihre Seelen in die Hände ihres Schöpfers zurückgeben müssen, nimmst Du widerstandslos hin. Du akzeptierst, dass der Zugang zu Begräbnissen derzeit nur der Kernfamilie gestattet ist.

Abstandsregeln mit preußischer Disziplin eingehalten

Mit nahezu preußischer Disziplin hälst Du Abstandsregeln ein, hustest und niest, wo es sich nicht verhindern lässt, in deine Armbeuge. Statt in Sporthallen, Fitnessstudios und Schwimmbädern stählst Du dich nun mit Workouts vor dem Fernseher, auf der Laufstrecke oder dem Drahtesel.

Seit Neuestem trägst Du sogar einen Mundschutz. Dessen Wirksamkeit ist wissenschaftlich zwar gar nicht erwiesen. Doch weil Du dir später nicht vorwerfen willst, etwas unterlassen zu haben, das hätte helfen können, nähst Du ihn dir – auch mangels Alternativen – in liebevoller Handarbeit und zahllosen Variationen selbst.

Sieht man einmal von den Hamsterkäufen zu Beginn der Pandemie ab, hast Du zudem bisher einen ziemlich kühlen Kopf bewahrt. In Windeseile hast Du eine Vielzahl von einschneidenden Maßnahmen ergriffen, um eine Überlastung Deines Gesundheitssystems zu vermeiden und die Ausbreitung des Virus, für das es bislang keinen Impfstoff gibt, in den Griff zu bekommen. Du hast die vergleichsweise üppigen Intensivkapazitäten Deiner Kliniken und Krankenhäuser beinah verdoppelt und viel Geld und Mühe darauf verwandt, auf leergefegten Weltmärkten nach der benötigten Schutzkleidung zu fahnden. Viele Deiner Unternehmer haben ein bemerkenswertes Engagement und eine erstaunliche Kreativität an den Tag gelegt, um über Nacht und auf eigene Faust dringend benötigte Güter wie Desinfektionsmittel, Atemschutzmasken oder Beatmungsmaschinen herstellen zu können.

Mustergültige Solidarität

Überhaupt ist die Solidarität, die Du derzeit auf verschiedenen Feldern vorlebst, geradezu mustergültig. Und weil Du in der Krise zugleich eine neue, ungewohnte Bescheidenheit offenbarst – steht Dir übrigens ziemlich gut – seien einige dieser Gesten hier auch memoriert: Da sind die vielen Menschen, die für Alte und andere besonders gefährdete Personengruppen den Einkauf erledigen, um sie nicht der Gefahr auszusetzen, sich mit dem Virus zu infizieren. Da sind die Medizinstudenten, die in den Gesundheitsämtern und Krankenhäusern aushelfen, statt für ihren Erfolg zu büffeln. Und nicht zuletzt sind da die Schüler und Studenten, die als Erntehelfer, die Saisonarbeiter aus Osteuropa, die nicht ins Land dürfen, zu ersetzen suchen oder sich als Tutoren um lernschwache Schüler kümmern.

Damit nicht genug. Statt in Selbstmitleid und Lethargie zu versinken, zollst Du den Angehörigen systemrelevanter Berufsgruppen bereitwillig Anerkennung und Respekt. Deine Künstler veranstalten Webkonzerte, um andere aufzuheitern und ihnen Freunde zu bereiten. Zahllose neue Talente veranstalten Balkonkonzerte. Andere zünden, wenn es dunkel wird, Kerzen an und stellen sie in die Fenster, um wieder anderen zu zeigen: An euch wird gedacht, ihr seid nicht allein. Mehr noch: Frei von primitivem Stolz und hochmütiger Selbstzufriedenheit schaust Du voll Mitleid und Anteilnahme auch auf Deine europäischen Nachbarn wie Italien, Frankreich und Spanien, die das Virus noch unvorbereiteter angetroffen hat als Dich. In Deinen Krankenhäusern und Kliniken behandelst Du längst auch ihre Bürgerinnen und Bürger.

Liebes Deutschland, Du kannst Krise! Das beweisen auch Deine Politiker. Lange haben die Ministerpräsidenten Deiner 16 Bundesländer zusammen mit der Bundesregierung an einem Strang gezogen und eine bislang nicht gekannte Geschlossenheit und Einigkeit demonstriert. Auch auf das sonst übliche Parteiengezänk hast Du lange verzichtet. Falls dieser Eindruck täuscht, dann hast Du es jedenfalls gekonnt kaschiert.

An Kritikern fehlt es auch diesmal nicht

Natürlich fehlt es Dir auch diesmal nicht an Kritikern. An eigen Fleisch und Blut, das Dir vorhält, Du hättest den Start gründlich versaut und Dir mit Wonne Taiwan und Singapur unter die Nase reibt. Staaten, die 2003 schon einmal von einem ähnlichen Virus heimgesucht wurden. In Deinen Sozialen Netzwerken wimmelt es von Feierabend-Virologen und Hobby-Epidemiologen. Menschen, die nun, da Du längst aus den Startblöcken heraus bist und dem Virus ein phänomenales Rennen lieferst, selbstverständlich ganz genau wissen, was Du alles total falsch gemacht hast, und was Du stattdessen wann und wie hättest tun müssen. Und das ohne genaue Daten. Menschen, die bis vor kurzem zufrieden damit waren, zwischen zwei Fernsehserien schnell mal den Bundeshaushalt und die Fußballnationalmannschaft richtig aufzustellen, oder auch die Europäische Union und den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk gescheit zu reformieren. Weil, Du weißt schon, einer muss den Job ja machen. Und wie reagierst Du, Deutschland? Mit geradezu beneidenswertem Gleichmut erträgst Du – einst bevorzugter Hort von Dichtern und Denkern – das peinliche Mimikry Deiner Richter und Henker.

Respekt! All das ist ziemlich nobel und geradezu grandios, Deutschland. Aber ehrlich gesagt auch ziemlich irritierend. Wie kann es sein, Deutschland, dass Du im Kampf gegen das Virus SARS-CoV-2 einerseits alles dafür tust, um vulnerable Personen vor einer Ansteckung mit dem Virus zu schützen, andererseits aber zusiehst, wie Jahr für Jahr hunderttausende wehrlose Menschen auf Verlangen Dritter vor ihrer Geburt getötet werden? Wie kann es sein, dass Du Deine ganze Wirtschaft herunterfährst, damit aus Pflege- und Seniorenheimen keine Sterbebunker werden, aber keinen Finger krümmst, damit der Mutterleib nicht für Hunderttausende zur Todeszelle wird?

Wie soll jemand verstehen können, Deutschland, dass Du mit deiner einen Hand Milliarden Schulden aufnimmst, um Dein Gesundheitssystem fit für den Kampf um das Leben von COVID-19-Kranken zu machen, während Du mit deiner anderen Millionen ausgibst, um schwangeren Müttern, die sich ihrer Kinder entledigen wollen, die Kosten vorgeburtlicher Kindstötungen zu erstatten? Wie, Deutschland, soll jemand nachvollziehen können, dass Du zum Schutz der Alten und durch Vorerkrankungen Geschwächten in der Corona-Krise Auflage auf Auflage schichtest, während Du die wenigen, die Du ungeborenen Kindern angedeihen ließest, nun eine nach der anderen abschichtest?

Sollen Bürger ihre beruflichen Existenzen aufs Spiel setzen?

Vermutlich meinst Du es gut, Deutschland. Und vielleicht hast Du es einfach nur nicht zu Ende gedacht. Wie kannst Du – Hand aufs Herz – erwarten, dass sich Deine Bürger zu Hütern des Lebens ihrer Brüder und Schwestern aufschwingen und dabei ihre eigenen beruflichen Existenzen bereitwillig aufs Spiel setzen, wenn Du Eltern, die ihre Kinder töten, unter die Arme greifst, statt ihnen in diese zu fallen?

Wie erklärst Du, Deutschland, dass Du offenbar willens und bereit bist, eine Rezession und die Vernichtung ganzer Unternehmen und Betriebe in Kauf zu nehmen, um Menschen vor einer Virusinfektion zu schützen, die in den allermeisten Fällen (rund 80 Prozent) einen milden und mitunter sogar asymptomen Verlauf nimmt, aber mitansiehst, wie das Leben der vulnerabelsten Exemplare der Spezies Mensch so mitleids- wie rücksichtslos vernichtet wird.

Apropos sehen, Deutschland. Ist nur eine Frage. Kann es sein, dass es Deinen Regierenden in Wahrheit gar nicht um den Schutz der Vulnerablen geht? Kann es sein, dass sie Dir stattdessen nur nicht Bilder zumuten wollen, die Du aus Italien kennt? Kann es sein, dass sie fürchten, dass Du, wenn Du sie noch einmal zu Gesicht bekämest, diesmal aufgenommen in Deinen eigenen Krankenhäusern und Kliniken, Du richtig wütend würdest? Kann es sein, dass sie es für möglich halten, dass dann Schluss mit lustig wäre? Ende Gelände? Dass sie Dir eine Revolution zutrauten, die sie womöglich hinwegfegt? Kann das sein, Deutschland?

Deutschland, du hast ein Problem

Wie auch immer es sich verhält: Du hast ein Problem, Deutschland. Und zwar ein ernstes. So oder so. Denn entweder halten Dich deine Regierenden gerade so etwas von zum Narren, oder aber Du bist bei dem, was Du tust und für richtig hälst, völlig inkonsistent. Denn wenn Gesundheit und Leben derart hohe Güter sind, dass Du zu derart großen Opfern bereit bist, Deutschland, dann müssen diese Güter alle genießen können, und nicht bloß Deine COVID-19-Gefährdeten.

Wie Du längst weißt, Deutschland, führen aus einer Krise immer zwei Wege hinaus. Einer nach unten und einer nach oben. Du hast noch Luft nach oben, Deutschland. Warum nutzt Du sie nicht einfach?

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