Wissenschaft

Der Tod der Wissenschaft

Naturwissenschaftler gewinnen ihre Gegenstände durch Abstraktion. Das ist gut und richtig. Allerdings dürfen die dabei gewonnenen Teilwahrheiten ihnen nicht den Blick auf das Ganze verstellen.

Selbstbildnis Leonardo da Vincis, Rötelzeichnung um 1512.
Leonardo da Vinci, Schöpfer des Bildes der Mona Lisa. Foto: IN

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“ Wer – und sei es auch nur annähernd – die vier Grundrechenarten beherrscht, dem wird dieser Satz, der für gewöhnlich dem griechischen Philosophen Aristoteles zugeschrieben wird, ein gewisses Unbehagen bereiten. Dennoch ist er wahr. Denn niemand, der noch bei Verstand ist, wird zum Beispiel behaupten wollen, Leonardo da Vincis Mona Lisa, die im Louvre hinter Panzerglas bestaunt werden kann, sei nichts anderes als eine Ansammlung verschiedener Farbpigmente unterschiedlicher Wellenlänge, die sich auf einem 76,8 x 53 cm großem Stück Pappelholz verteilt finden. Und doch wird ein Naturwissenschaftler, der sich daran machte, das Kunstwerk mit seinen wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen, nicht viel anderes feststellen können.

Ausschnitt aus dem Gemälde der Mona Lisa von Leonardo Da Vinci,
Ausschnitt aus dem Gemälde der Mona Lisa von Leonardo Da Vinci, das im Pariser Louvre hängt. Foto: dpa

Wissensgewinn durch Abstraktion

Dass dies so ist, liegt daran, dass alle Naturwissenschaften ihre Gegenstände erst durch Abstraktion gewinnen. Nur wer vom Ganzen absieht und sich stattdessen seinen Teilen zuwendet, kann überhaupt auf die Idee kommen, diese näher bestimmen zu wollen. Dagegen ist freilich überhaupt nichts einzuwenden.

Selbst im Fall des Porträts der Mona Lisa, das vermutlich kein Objekt darstellt, das Naturwissenschaftler besonders begeistert, wäre deren naturwissenschaftliche Erforschung nicht nur legitim, sondern auch der Erkenntnis förderlich. So könnte uns zum Beispiel eine Analyse der Farbpigmente Aufschluss darüber geben, woraus die von Leronardo da Vinci (1452 -1519) benutzten Farben gewonnen wurden. Ein Vergleich mit den Analysen anderer Gemälde aus dieser Epoche erlaubte zumindest Spekulationen darüber, ob es Standards für die Herstellung von Farben gab, und falls ja auch darüber, ob die von da Vinci benutzten diesen entsprachen, oder ob das Genie auch bei ihrer Herstellung über besondere Fähigkeiten verfügte.

Wissen aus Erfahrung

So bemerkenswert und erhellend die Erkenntnisse auch sein mögen, die Wissenschaftler über das Porträt der Mona Lisa und seinen Schöpfer in Erfahrung bringen können, wenn sie ihm mit naturwissenschaftlichen Methoden zu Leibe rücken – über das im Fall der Mona Lisa Entscheidende können sie keine Aussagen machen. Denn nichts von dem, was Naturwissenschaftler mit ihren Methoden messen können, verrät uns, dass es sich bei dem von ihnen untersuchten Gegenstand um das Porträt einer Frau handelt und von einem Genie gemalt wurde.

Natürlich wissen wir, dass es sich bei der Mona Lisa um ein Gemälde handelt. Und dass Gemälde nur deshalb existieren, weil sie von jemandem gemalt wurden, wissen wir auch. Aber beides wissen wir aus Erfahrung und nicht, weil wir Naturwissenschaft betrieben hätten.

Respekt vor dem Schöpfer

Auch dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Problematisch würde es erst, wo Naturwissenschaftler darauf beständen, die Mona Lisa sei „nichts anderes“ als eine Ansammlung verschiedener Farbpigmenten unterschiedlicher Wellenlänge auf einem mehr als fünfhundert Jahre alten Stück Pappelholz. Sei es, weil sie mit ihren Methoden nichts anderes feststellen können, und diese für allein maßgeblich hielten. Sei es, weil sie das Gemälde gar nicht erforschten, um es verstehen und in der Folge näher bestimmen zu können, sondern um herauszufinden, was sie mit ihm „anstellen“ oder wie sie es gewinnbringend verwerten können.

Vielleicht wird der eine oder andere einwenden wollen, das Beispiel sei doch sehr konstruiert. In Wirklichkeit käme kein Naturwissenschaftler auf die Idee, die Mona Lisa derart unterzubestimmen. Auch werde kein Naturwissenschaftler ein hinter Panzerglas im Louvre geparktes Kunstwerk beforschen wollen, schon gar nicht mit der Absicht, sich dessen Farbpigmente zu bemächtigen. Das verböte ihm bereits der Respekt vor dessen Schöpfer.

Lebendige Kunstwerke

Nun ja. Mit menschlichen Embryonen, lebendigen Kunstwerken, verfahren Forscher exakt so. Und nicht wenige behaupten allen Ernstes, diese wahren Meisterwerke seien „nichts anderes“ als eine Ansammlung von Zellen, oder noch despektierlicher, ein „Zellhaufen“.

Natürlich sind sie das auch. Und ein Naturwissenschaftler mag mit seinem Methodenbesteck womöglich auch gar nichts anderes als diese Teilwahrheit feststellen können. Nur gibt ihm dies nicht das Recht, das, was er aus Erfahrung weiß (oder wissen könnte), einfach auszublenden. Und aus Erfahrung weiß jeder, dass sich ein menschlicher Embryo – unter normalen Bedingungen – stets zu nichts anderem entwickelt als zu einem ausgewachsenen Menschen.

Kein menschlicher Embryo ist je als Pappelbaum oder Papagei geendet. Aus keinem wurde jemals ein Lamm oder ein Löwe. Menschliche Embryonen sind – darüber gibt es keinen vernünftigen Zweifel – Menschen im Frühstadium ihrer Entwicklung. Menschen, die sich den Naturwissenschaften zuwenden oder Künstlern Modell für deren Kunst stehen können. Wie also ist es um den Respekt gegenüber den frühen Formen, unter denen sie uns erscheinen, bestellt?

„Daran erkenn ich den gelehrten Herrn“

Man fühlt sich an Goethes Faust erinnert, genauer an Mephistopheles‘ Einlassungen im ersten Akt des zweiten Teils der Tragödie, in dem es heißt: „Daran erkenn ich den gelehrten Herrn! / Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern, / Was ihr nicht fasst, das fehlt euch ganz und gar, / Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr, / Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht, / Was ihr nicht münzt, das meint ihr, gelte nicht.“

Hinzu kommt, dass die Naturwissenschaften keineswegs genötigt sind, Objekte, die sich ihnen methodisch entziehen, notwendig unterzubestimmen. Dies gilt nicht einmal für jene, die in Ermangelung anderer Erfahrungen nichts weiter wüssten, als das, was sie mit ihren eigenen Methoden feststellen können. Selbst im Falle der Mona Lisa könnte sich ein Naturwissenschaftler, der noch nie ein Gemälde gesehen hat, damit begnügen, die Eigenschaften des Gegenstandes, den er untersucht hat, so detailliert wie möglich zu beschreiben und zu dem Schluss kommen, mehr als das, was er hier zutage gefördert habe, könne er eben mit den derzeit verfügbaren Methoden seiner Profession nicht feststellen. Genauso so funktioniert seriöse Wissenschaft.

Selbstverdinglichung des Menschen

Und auch über den frühen Embryo kann ein Naturwissenschaftler nicht viel mehr sagen, als dass er aus Zellen besteht. Ihn jedoch als „Zellhaufen“ zu bezeichnen, stellt eine unzulässige Abklassifizierung und Verdinglichung dar. Eine negative Wertung, hinter der – unausgesprochen – die unwissenschaftliche Behauptung steckt, dieser sei „nichts anderes“ als ein Zellhaufen.

In seiner im vergangenen Jahr erschienenen Aufsatzsammlung „Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie“ warnt der Heidelberger Philosoph und Psychologe Thomas Fuchs eindringlich vor einer „Selbstverdinglichung“ des Menschen. Fassten wir uns selbst „als Objekte“ auf, lieferten wir uns „der Herrschaft derer aus“, die uns „zu manipulieren und sozialtechnologisch zu beherrschen“ suchten. „Denn“, zitiert Fuchs Clive Staples Lewis, „die Macht des Menschen, aus sich zu machen, was ihm beliebt, bedeutet (...) die Macht einiger weniger, aus anderen zu machen, was ihnen beliebt.“

Eine bessere Wissenschaft

Dieser Gefahr gilt es zu wehren. Nicht durch Verzicht auf Wissenschaft, sondern durch bessere Wissenschaft. Oder um es mit Romano Guardini (1885-1968), einem Weisen des vergangenen Jahrhunderts, zu sagen: „Wahrheit leuchtet nur dann auf, wenn der Mensch der Wirklichkeit jeweils so gegenübertritt, wie sie selbst verlangt. Je höher das Wirkliche steht, desto größer ist die Anforderung, die es an den erkennenden Geist stellt: desto größer aber auch die Versuchung, sie auf die Ebene der tiefer stehenden Dinge herunterzuziehen, weil er es dann bequemer hat. So ist es zum Beispiel sehr verlockend, das Lebendige chemisch, oder den Geist biologisch zu denken, denn man spart Arbeit und gewinnt den Schein strenger Wissenschaft; in Wahrheit war man geistig träge, hat dem Erkenntnisgewinn Gewalt angetan und das Eigentümliche des Gegenstandes verloren.“

Kurz gefasst

Es gibt Dinge, über die Naturwissenschaftler keine Aussagen machen können. Versuchen sie es dennoch, führt dies notwendig in den Szientismus oder den Reduktionismus. Szientismus und Reduktionismus aber verstellen den Blick auf das Ganze und sind der Tod seriöser Wissenschaft.

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