Mailand

Auswege aus Europas pandemischem Nihilismus

Vor fünfzig Jahren trennte die Kirche sich von dem Philosophen Emanuele Severino. Die Erinnerung an ihn gibt Anlass, es wieder mit Theologie statt Trivialitäten zu versuchen

Labyrinth
Bei der Suche nach Auswegen aus Europas pandemischem Nihilismus kann die Philosophie von Emanuele Severino helfen.

Im Januar dieses Jahres ist mit Emanuele Severino(1929–2020) der wohl wichtigste italienische Gegenwartsphilosoph gestorben – ein Philosoph, der in seiner Heimat niemals nur ein Geheimtip für Akademiker, sondern eine tatsächlich öffentliche Figur war, eine Figur, auf die der Reisende aus dem Ausland schon im Bahnhofsbuchhandel stoßen und über die ihn sogar sein Hotelier ins Gespräch verwickeln konnte. Severino hat dabei eine etwas komplizierte Laufbahn absolviert: In Pavia Schüler von Gustavo Bontadini (1903–1990), einem der namhaftesten Neuscholastiker seiner Generation, seit 1954 dann selbst Professor an der Katholischen Universität in Mailand, geriet er in den 60er Jahren in Konflikt mit der Kirche – in einen Konflikt freilich, der ganz und gar nichts mit den Standardquerelen selbstbewusster Zeitgeistlichkeit mit dem Lehramt zu tun hatte, sondern auf einer Ebene spielte, mit deren Relevanz schon keiner mehr rechnen wollte: auf der Ebene der Metaphysik.

Was ist mit dem „Sein“ gemeint?

In der Tat hatte Severino nichts Geringeres als eine Kontroverse um die Grundbegriffe des abendländischen Denkens überhaupt provoziert, eine Auseinandersetzung, die im Kern um die Frage ging, was mit dem „Sein“ alleine gemeint sein kann. Bereits in einem stattlichen, frühen Hauptwerk aus den 50er Jahren, dann 1964 nochmals in einer Programmschrift, die den Titel „Ritornare a Parmenide“ – „Zurück zu Parmenides“ trug, hatte sich Severino mit viel Verve zu dem uralten „eleatischen“ Seinsdenken bekannt und allen späteren Ontologien, so auch dem für die Scholastik so wichtigen Aristotelismus, eine klare Absage erteilt. In dem entstehenden Streit ging es – vereinfachend gesprochen – vor allem um die Frage, in welchem Sinne man sagen kann, dass es „ein Werden gibt“. Mit dem Vorsokratiker Parmenides (ca. 540–480 v. Chr.), dem Gründer eben der Schule des alten, süditalienischen Elea, bestreitet Severino, dass es möglich ist, dem Werden Seinsqualität zu verleihen: Sein wird nicht, Sein ist; das Werden seinerseits ist nicht, es scheint am Sein, ohne dabei selbst zu sein – es spiegelt sich nur in der Einheit von Denken und Sein, die wir als Menschen sind.

Ist der Mensch nicht sterblich?

Das klingt tatsächlich „von weit hergeholt“ und ist es auch, weil es eine 2 500-jährige Tradition, die an das Werden zu glauben entschlossen war, zurücknimmt. Es klingt zunächst auch „abstrakt“ und ungreifbar, wird aber sofort konkret, wenn man die eleatische These ausbuchstabiert und dann zum Beispiel zu sagen genötigt ist: Es gibt keine Schöpfung, da damit ein Werden des Seins aus dem Nichts gedacht werden müsste – was unmöglich ist. Es gibt auch keine Auferstehung, die man nur denken kann, wenn man ein Nichtseinkönnen des Seienden voraussetzt – was widersprüchlich ist. Der Mensch schließlich, insofern er ist, ist nicht sterblich – er gehört in das Licht des Seins, das nicht verlöschen kann. 1970, vor fünfzig Jahren also, endete aufgrund von Thesen wie diesen Severinos Engagement an der Cattolica in Mailand. Er ging nach Venedig, das unverhofft ein neues Elea wurde.

Fünfzig Jahre später freilich gibt es dringenden Anlass, auf Severino zurückzukommen – auch aus Sicht der Theologie. Damit ist nicht gemeint, dass die Theologie „eleatisch“ zu werden hätte – sie hat gute Gründe, dies nach wie vor nicht zu tun, auch wenn es für Fundamentaltheologen gewiss keine schlechte Übung wäre, mit ähnlich hohem intellektuellem Aufwand, wie ihn Severino entfaltet, klarzumachen, was eigentlich gegen einen „theologischen Eleatismus“ spricht.

Europas Entscheidung für den Nihilismus

Aktuell geht es um etwas anderes: um das, was Severino im Auge hatte, wenn er davon sprach, dass Europa im Zeichen seines Glaubens an das Werden jedwede Chance auf eine tragende Seinsgewissheit längst verspielt hat. Europa, das das Werden für seiend hält, hatte sich nach Severino in der Tiefe bereits für den „Nihilismus“ entschieden, als es diesen Ausdruck, den erst Friedrich H. Jacobi erfand, noch gar nicht gab. Europa glaubt nämlich – so Severino – seit Jahrtausenden an das heimliche, schließlich manifest werdende Nichtsein aller Dinge, an ihre Flüchtigkeit und Vergänglichkeit, und sucht darum verzweifelt, sie und sich aus dem Meer des Nichts zu „retten“. Die Sache beginnt bei den Griechen, die – seit Äschylus – den Menschen als primär „sterblich“, nicht als ewigen Zeugen des Seins und seiner Wahrheit, verstehen.

Die Sache wird durch das Christentum nicht besser, das eben im Sinne der „creatio ex nihilo“ alles Sein als „geworden“ und mithin als wesentlich „nichtig“ ansieht. Der permanent lauernden „Gefahr“ der Vernichtung entzieht sich die Neuzeit dann zunehmend dadurch, dass sie auf neue „Sicherungsinstrumente“ setzt: Der Staat soll uns, so lehrt es Thomas Hobbes, vor dem „Krieg aller gegen alle“ schützen; eine auf Wissenschaft gegründete Technik soll uns, so Francis Bacon, zu Herren der Natur machen und gegen alle Gefahr von ihrer Seite sicherstellen.

Der Staat als Geburt onotologischer Angst

Der neue „souveräne“ Staat wie auch die Technik, mit denen Europa „glänzt“, sind entsprechend Geburten einer ontologischen Angst, ihr Zweck ist immer die „Rettung“ von Sein, das sich, wie es scheint, nicht selbst helfen kann, sodass der Mensch mit Hand anlegen – mit „manipulieren“ muss. Wir retten heute „das Klima“ mit Windrädern, Wärmedämmern und Elektroautos – mit technischen Mitteln also, die die drohende Apokalypse abhalten sollen – der Staat sichert uns zugleich gegen Armut, Fake News und Seuchen. Wir „digitalisieren“ nicht nur die menschliche Kommunikation, sondern auch alle Bildung und Kunst, ja – in Corona-Zeiten zumal – die Heilige Messe, die wir auf der Festplatte gegen die da draußen wütende „Realpräsenz“ des Virus „sichern“.

Der Staat wiederum schafft Geld aus dem Nichts, um „Existenzen“ zu retten, ja er greift mit Maske, Abstand und Grundrechtseinschränkungen in das wirkliche Leben ein, um ein mögliches Sterben zu bannen – er kommt im „Ausnahmezustand“ eigentlich erst zu sich selbst, auf seine „Retterfunktion“ zurück. Für den großen Sprung nach vorne schließlich, mit dem der Mensch auf eigene Faust „der Evolution nachhelfen“ soll, planen „Transhumanisten“ den auf pharmakologischem Wege physisch und moralisch „optimierten“ Menschen, der am Ende gar durch ein „Mind-Upload“ seine Sterblichkeit abstreifen soll. Und selbst viele, die an diese „allerletzten“ Erfolge, von denen unter anderem das Silicon Valley träumen mag, nicht recht glauben wollen, glauben doch an die Spritze, die eines Tages ganz sicher „das Virus“ und also das Nichts besiegt haben wird – sei es gleich um den Preis der genetischen Manipulation des alten, des bisherigen Menschen, der eben nur mit Hilfe technischer Selbstoptimierung der letzten Vernichtung zu entgehen vermag.

Severinos „Philosophie der Zukunft“

Severino hat Thesen wie die hier komprimiert vorgetragenen in den letzten Jahrzehnten in verschiedenen Büchern zur Wissenschaft, zur Technik, zum Kapitalismus, ja auch zur „Philosophie der Zukunft“ entfaltet, die alle eine enorme zeitkritische Potenz aufweisen. Das eigentlich Aufrüttelnde an diesen Büchern ist dabei gar nicht nur die Kritik, sondern die unausweichliche Frage, die sie stellen: Von welchem Standpunkt aus blickt ihr „modernen Menschen“ denn eigentlich auf die Dinge? Worauf verlasst ihr euch wirklich, wenn ihr glaubt, dem Nichts ins Auge zu sehen und euch vor ihm retten zu müssen? Ist – um bei „Corona“ zu bleiben – wirklich der Immunitätsausweis, die „App“ und die Spritze die letzte Antwort, die ihr zu geben wisst?

Habt ihr, wenn dem so ist, denn ganz vergessen, dass die Würde des Menschen auf etwas Unantastbares zeigt, das niemand herbei- und auch nicht wegspritzen kann? Habt ihr vergessen, dass das Nichts nur als der Affe des Seins, nicht aber als dessen wirklicher Feind „dasein“ kann? Und merkt ihr nicht, was für ein gewaltiger Unterschied es ist, ob ihr von Angst getrieben nach Sicherung ruft oder aus der Gewissheit des Seins – eures Seins – heraus handelt, dabei Sein aufscheinen lasst und bezeugt, so dass die Schatten dem Licht, die eingebildeten „Möglichkeiten“ der wahrhaften Wirklichkeit weichen? Weiß denn nicht schon ein Kind, was die Differenz zwischen dem politischen „Furchtappell“ und der Liebe ist, die den wegisolierten Alten eben nicht seinen einsamen, aber sterilen Tod sterben lässt?

Der Blick auf die vermeintliche Allmacht des Nichts

Severino spricht in diesem Kontext davon, dass der Grundton der menschlichen Existenz im Zeichen des Nichts immer die Angst, im Zeichen des Seins aber rein die Freude ist, in der sich das Sein selbst bejaht und die deshalb „ewig“ gegründet ist. Auf welcher Seite wir stehen, entscheidet sich mit der Perspektive, die wir einzunehmen vermögen.

Fünfzig Jahre, nachdem sich die Kirche aus wie gesagt durchaus nachvollziehbaren Gründen von Severino getrennt hat, kann dieser nach dem Gesagten mindestens zwei Fragen provozieren, mit denen sich auseinanderzusetzen der Kirche und der Theologie nur guttun kann. Die erste Frage wäre: Aus welcher Perspektive genau schaut ihr auf die vermeintliche Allmacht des Nichts, die Menschen immer und so auch heute in Angst und Schrecken versetzt? Die Antwort, die darauf Priester geben, die die Kommunion mit Maske und Gummihandschuh, dafür ohne Spendeformel reichen, dürfte so wenig überzeugend sein, wie es der Anblick eines Spenders für Desinfektionsmittel im Weihwasserbecken sein kann. Die Antwort kann vielmehr nur in dem Mut bestehen, den christlichen Glauben wieder in seine Urdimension zu setzen, in der er das große Ganze im Blick hat, in der er auch ohne weiteres metaphysisch ist und wieder Theologie im eigentlichen Sinne betreibt, statt mancherlei Trivialitäten, auch sanitäre, für Weisheit zu halten.

Seinsgewissheit setzt die Erfahrung der Wahrheit voraus

Die andere, nochmals tiefer zielende Frage aber ist: Woher gewinnt denn ihr die Gewissheit des Seins, derer es nicht nur im Denken, sondern auch für ein Handeln bedarf, das etwas anderes erstrebt als nur das, ein braves Glied der Bürgergemeinde zu sein? Seinsgewissheit stammt nicht aus behördlicher Anerkennung oder sonst einem äußeren Zuspruch: Seinsgewissheit setzt die Erfahrung der Wahrheit, das Sehen in ihrem Licht und die Freude an ihrem Sich-Offenbaren voraus. Christliche Theologie hat dies auch lange gewusst und täte gut daran, sich darauf – vielleicht sogar in Erinnerung an Severino – erneut zu besinnen. Die Anzeichen, dass ihr das gelingen mag, scheinen einstweilen spärlich gesät.

Kurz gefasst

Die Neuzeit sucht sich der Gefahr der Vernichtung durch „Sicherungsinstrumente“ zu entziehen: Der Staat soll die Menschen vor dem „Krieg aller gegen alle“ schützen, Wissenschaft und Technik sollen sie zu Herren der Natur machen und gegen deren Bedrohungen absichern. Der „souveräne“ Staat wie auch die Technik sind letztlich Geburten einer ontologischen Angst, der mit sanitären Weisheiten allein nicht beizukommen ist. Dem pandemischen Nihilismus kann auch praktisch nur eine unzerstörbare Seinsgewissheit entgegengesetzt werden, wie sie der christliche Glaube durchaus kennt.

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