Würzburg

"Wir erschaffen uns selbst"

In Serien unterschiedlicher Genres setzt derzeit der Online-Streaming- Anbieter Netflix teils auf subtile Art, teils ganz offen die sexuelle Vielfalt der LGTB-Agenda durch.

Fimszene aus "Sense8" mit Jamie Clayton und Freema Agyeman
Mitten in der "Gay Pride"-Welt lebt die lesbische Trans-Frau Nomi Marks (Jamie Clayton, rechts) in einer Beziehung mit einer Frau, Amanita (Freema Agyeman). Foto: Netflix

Wird im Suchfeld des Online-Serienanbieters Netflix das Akronym „LGBT“ (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, also „lesbisch, homosexuell, bisexuell, transsexuell“) eingegeben, so erscheinen Dutzende Vorschläge an Filmen und Serien. Besonders erfolgreich scheint unter ihnen die Serie „Pose“ zu sein. Nachdem sie in den Vereinigten Staaten im Juni 2018 veröffentlicht wurde, und Ende Januar 2019 in Deutschland startete, wird nun gerade eine zweite „Pose“-Staffel im Heimatmarkt USA ins Netz gestellt. Eine dritte Staffel befindet sich offenbar bereits in der Produktion. Im Mittelpunkt der ersten, aus acht Folgen mit etwa je einer Stunde Dauer bestehenden Staffel stehen afroamerikanische „Trans-Frauen“ und Homosexuelle, die in einer schrillen Welt Anerkennung suchen. Angesiedelt ist sie Mitte der 1980er Jahre, da die sogenannte „Ballroom-Kultur“ auflebt: In einem Club werden regelmäßig „Bälle“ veranstaltet, wobei darunter eher bunte Modenschauen zu verstehen sind. Daran nehmen verschiedene „Häuser“ teil – jedes Haus ist eine zusammengewürfelte, von einer Trans-Frau geleitete „Familie“.

Die Serie wurde von der Kritik hoch gelobt. Außerdem erhielt „Pose“ zwei „Golden Globes“-Nominierungen. Auch die deutschen Online-Filmmagazine überschlugen sich mit Beifall. „moviepilot“ schrieb beispielsweise: „Pose“ habe Schlagzeilen damit gemacht, „dass transsexuelle und transidente Menschen vor und hinter der Kamera an der Entstehung der Serie beteiligt sind. Im Hinblick darauf, dass transidente Figuren hier auch wirklich von Transgender-Menschen dargestellt werden, wird ‚Pose‘ zu der authentischsten Serie über dieses Thema.“ In einem Nebenstrang geht es zwar um den Aufstieg von Donald Trump – der einzige weiße Heterosexuelle unter den Protagonisten arbeitet bei „Trump Enterprises“, und er verliebt sich ausgerechnet in eine „Transfrau“. Die Themen, um die „Pose“ kreist, sind jedoch die für die LGBT-Subkultur in den achtziger Jahren besonders aktuellen Fragen: Aids, volle Anerkennung durch die Gesellschaft, eine transsexuelle Medizin mitsamt Geschlechtsumwandlungen spielen die wichtigste Rolle in „Pose“.

Die gefeierte Serie spricht nicht jeden an

Auch wenn der „Deutschlandfunk“ der Serie bescheinigt, „ein beeindruckendes Bild der gesellschaftlichen Extreme in einer überdrehten Stadt, einem überdrehten Land“ zu zeichnen, womit „die Serie brandaktuell (ist) und auch die derzeitige Lage der gespaltenen Vereinigten Staaten von Amerika (kommentiert)“, spricht „Pose“ lediglich einen bestimmten Bereich der Gesellschaft an. Außerhalb der LGBT-Community wirken die schrillen Wettbewerbe im „Ballroom“ wohl zu grell und absonderlich. Die Botschaft – „Wir erschaffen uns selbst“, heißt es ausdrücklich in „Pose“ – kann somit kaum in die Mitte der Gesellschaft gelangen.

Um zu suggerieren, „sexuelle Vielfalt“ gehöre zur Normalität, reicht ein spezielles Milieu – etwa die Subkultur, in der „Pose“ angesiedelt ist – selbstverständlich nicht. Dafür ist es erforderlich, dass Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen in den verschiedenen Genres eine Rolle spielen. Deshalb werden LGBT-affine Themen zunehmend in Filme und Serien eingebaut, die für ein allgemeines Publikum bestimmt sind. Dies gilt insbesondere auch für die Online-Serienplattform „Netflix“. Auffällig ist freilich der vermehrte Auftritt von homosexuellen und transidenten Menschen vor allem in neueren Serien sowie in den aktuellen Staffeln von Serien, deren ältere Kapitel ohne solche Inhalte auskamen. Sogar in der neuesten Staffel der zurzeit beliebtesten Netflix-Serie „Stranger Things“ (DT vom 11. Juli), die vom Angriff eines Monsters in einer kleinen Stadt der Vereinigten Staaten in den achtziger Jahren handelt, und Kinder und Jugendliche als Protagonisten hat, gibt es eine solche Andeutung, als sich der etwa 18-jährige Steve Harrington (Joe Keery) darüber wundert, dass ihre gleichaltrige ehemalige Schülerin Robin (Maya Hawke) Interesse an einem Mädchen zeigt. Obwohl Robin nicht ausdrücklich sagt, sie sei lesbisch, wird dies aus dem Zusammenhang und aus dem nun endlich verstehenden Gesichtsausdruck Steves allzu deutlich.

Expliziter wird es in der kürzlich gestarteten Serie „What/If“, einem von „Ein unmoralisches Angebot“ („Indecent Proposal”, Adrian Lyne 1993) inspirierter Thriller mit Renée Zellweger in der Hauptrolle einer Risikokapitalanlegerin, einer Femme fatale, die einem jungen Ehepaar mit seinem Bio-Tech-Start-up mit 80 Millionen Dollar unter der Bedingung unter die Arme greifen möchte, dass sie mit dem Ehemann eine Nacht verbringt. Zu den Nebenfiguren der als „moderne Geschichte von Schuld und Sühne“ beworbenen, allerdings sehr unterschiedlich aufgenommenen Serie gehört auch ein Homo-Paar, dessen „Hochzeit“ in ziemlich ausführlicher Länge und mit rührseligen Erklärungen einer „Liebe in guten wie in schlechten Zeiten“ wiedergegeben wird.

Beiläufigkeit als Zeichen der Akzeptanz

Zwar kommen solche Homo- oder Lesbenpaare als Nebenfiguren inzwischen in vielen Spielfilmen vor. Einen weiteren Schritt macht aber die Netflix-Serie „3%“ in ihrer zweiten und dritten Staffel. Bei der brasilianischen Serie handelt es sich um eine dystopische Zukunftsvision: Die Welt liegt in Trümmern, aber die jeweils 20-Jährigen haben jedes Jahr die Chance, an einem Auswahlverfahren teilzunehmen. Drei Prozent von ihnen können sich einer privilegierten Gesellschaft auf einer Insel anschließen. Abgesehen davon, dass in einer Rückblende von zwei Frauen und einem Mann erzählt wird, die nicht nur ein wichtiges Projekt, sondern auch zu dritt das Bett teilten, und dass die dritte Staffel damit endet, dass sich zwei Protagonistinnen als lesbisches Paar zusammenfinden, taucht hier an mehreren Stellen ein Transsexueller auf, der mit einer der Hauptfiguren in dieser Ensemble-Serie befreundet ist. Auch wenn er als junger Mann zu erkennen ist, kleidet er sich – bei aller Schwierigkeit, in der Zukunftsvision zwischen männlicher und weiblicher Kleidung zu unterscheiden – eindeutig als Frau. Er hört auf „sie“ beziehungsweise wird als „sie“ angeredet. Ob es sich dabei um „Cross-Dressing“, Transvestitismus oder echte Transsexualität handelt, bleibt deshalb offen, weil diese Figur wenige Auftritte hat. Diese Beiläufigkeit spricht indes eher für die Akzeptanz dieser „sexuellen Orientierung“ als für das Gegenteil. Sie braucht nicht thematisiert zu werden: Der sich als junge Frau fühlende junge Mann gehört schlicht und einfach zur „Normalität“.

Gar nicht beiläufig ist freilich die Rolle, die ein Transgender in der dritten Staffel der amerikanischen Netflix-Serie „Designated Survivor“ (DT vom 25.04.2018) spielt. In der Serie geht es um den Wohnungsbauminister der Vereinigten Staaten, der als nach einem verheerenden Terroranschlag als einziges überlebendes Regierungsmitglied als neuer US-Präsident vereidigt wird. In der kürzlich veröffentlichten dritten Staffel tritt erstmals der Schwager des Präsidenten auf, der sich als Trans-Frau Sasha Booker (Jamie Clayton) herausstellt. In „Designated Survivor“ nimmt Sasha als „Schwester“ der verstorbenen Ehefrau des US-Präsidenten eine bedeutende Rolle ein. Dass die mittlerweile 13-jährige Tochter des Präsidenten eine innige Zuneigung zu ihrer „Tante“ entwickelt, darf keineswegs als zufällig, sondern muss als bewusst vom Drehbuch eingefügtes Element angesehen werden. Darüber hinaus steht Sasha Booker teilweise im Mittelpunkt der Handlung, als es um den Wahlkampf geht: Wenn sie bei den Wahlkampf-Kundgebungen an der Seite des Präsidenten erscheint, könnte dies zu Einbußen bei „konservativen“ potenziellen Wählern führen. Andererseits würde Sasha, wenn sie in die erste Linie tritt, insbesondere bei der LGTB-Community, aber auch bei anderen Minderheiten die Kandidatur des amtierenden Präsidenten fördern.

Hinzu kommt, dass in der dritten Staffel von „Designated Survivor“ auch noch das von einem jungen Wahlkampfberater und einem Bodyguard des Präsidenten gebildete Homo-Paar sowie ein Fall von aktiver Sterbehilfe eine gewisse Rolle spielen. Weil auch diese Elemente in den ersten Staffeln gar nicht vorhanden waren, kann daraus geschlossen werden, dass in letzter Zeit eine gewisse Umorientierung in solchen moralischen Fragen stattgefunden haben muss.

Eine weitere Wendung in Sachen "sexuelle Vielfalt"

Der Eindruck wird noch verstärkt bei „Sense8“, einer von den Wachowskis (die 1999 mit „Matrix“ weltweit bekannt wurden) entwickelte Science-Fiction-Serie, die in zwei Staffeln (2015, 2018) von acht Menschen erzählt, die in unterschiedlichen Städten in aller Welt (San Francisco, London, Berlin, Mexiko City, Seoul, Nairobi, Mumbai und Chicago) leben und nach einer gewaltsamen Vision mental miteinander verbunden sind. Dadurch können sie plötzlich miteinander kommunizieren, und auch ihre dunkelsten Geheimnisse teilen. Die Acht wollen herausfinden, warum dies geschehen ist und was es für die Zukunft der Menschheit bedeutet, werden aber von einer Organisation gejagt, die sie chirurgischen Experimenten unterziehen will.

Eine von den acht Protagonisten ist Nomi Marks, eine wie in „Designated Survivor“ ebenfalls von Jamie Clayton dargestellte Trans-Frau, die in einer „lesbischen“ Beziehung zu einer Frau lebt – was schon eine weitere Wendung in Sachen „sexuelle Vielfalt“ bedeutet: die homosexuelle/lesbische Trans-Frau.

Mit seinen neuen Serien beziehungsweise mit den neuen Staffeln bereits eingeführter und bei vielen Zuschauern beliebter Serien scheint der Online-Streamingdienst Netflix zurzeit teilweise in eher subtiler Form, teilweise jedoch auch offen-aggressiv eine eigene Agenda nach den Vorstellungen der LGTB-Community durchsetzen zu wollen: „Wir erschaffen uns selbst“.