München

Wie ich lernte, das Virus zu lieben

In der Krise ist vor der nächsten. Was also tun? Ein vorausschauender Debattenbeitrag.

SARS-CoV-2 Viruszelle
Mikroskopischer Blick auf eine SARS-CoV-2 Viruszelle. (Foto: AdobeStock) Foto: (328390997)

Virusepidemien haben Schreckliches angerichtet: Millionen Tote durch die Spanische Grippe 1917 nach dem ersten Weltkrieg und später das Schwere Akute Atemwegssyndrom (SARS) 2002/2003 und Ebola 2014. Kein Wunder also, dass wir Viren als unsere Feinde betrachten und alles versuchen, um diesen Feind endgültig zu besiegen und aus der Welt zu schaffen. Immer häufiger begegnet uns dieser Wunsch in kriegerisch-militärischem Chargon, gespeist von spektakulären, apokalyptischen Hollywood Produktionen, die den heroischen – natürlich am Ende immer erfolgreichen – Kampf gegen zerstörerische Virus-Pandemien in immer schnellerer Folge auf die Leinwand bringen.

In der Tat, Viren sind gefährlich. Ganz speziell dann, wenn die Menschen Schwächen zeigen: die allgemeine Erschöpfung nach dem ersten Weltkrieg, Unterversorgung in Westafrika während der Ebola-Epidemie und jetzt grenzwertige Krankenhauskapazitäten in Gebieten von Italien und dem Iran und knappes Krankenhauspersonal in Deutschland. Welch eine alptraumartige Vorstellung, sollte der COVID-19 die vielen Flüchtlingslager dieser Welt erreichen!

„Man kann nicht alle Übertragungen aufhalten.“
Christian Drosten, Virologe

„Man kann nicht alle Übertragungen aufhalten“, muss Christian Drosten, der berühmte Direktor des Instituts für Virologie an der Charite in Berlin eingestehen, „also konzentrieren wir uns auf den Kern der Sache“, fordert er. Was ist der Kern der Sache? Ist es die Notwendigkeit von drastischen Sofortmaßnahmen oder die Notwendigkeit nachhaltiger Verbesserungen in unseren Versorgungssystemen, um für die jährlich wiederkehrenden Virusepidemien besser gewappnet zu sein? Müssen wir im Kern nicht einfach lernen, mit Viren zu leben, also als freie Bürger vernünftig mit einem weiteren Lebensrisiko umzugehen!

Lebensrisiken

Vielleicht sollten wie uns einmal die Situation im Straßenverkehr als ein Beispiel vornehmen. Es gibt viele Tote im Straßenverkehr. Weniger als die 3 275 Menschen im Jahr 2018 aber immer noch 3 059 Menschen in Deutschland im Jahr 2019. Jedes Mal, wenn wir uns vor die Haustüre begeben, sind wir dem Risiko ausgesetzt, einen Verkehrsunfall zu erleiden. Um dieses Risiko schnell und ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen, würden sich ein genereller Verzicht aufs Auto oder zumindest Fahrverbote und alternativ Ausgangssperren anbieten. Keine Frage, leere Straßen wären das beste Mittel gegen Verkehrsunfälle!

Wir haben uns aber anders entschieden: um ein Höchstmaß an Sicherheit im Straßenverkehr zu erzielen, setzen wir auf ein versöhnliches Miteinander auf den Straßen, auf Vorsorge und Verhütung von Unfällen. Es gibt Tempolimits, wir konstruieren Fahrzeuge mit verbesserter aktiver und passiver Sicherheit, bessere Straßen, Fahrradwege und Unterführungen für die Fußgänger. Alle diese Maßnahmen zusammen reduzieren nachweislich die Zahl der Verkehrstoten. Das fortbestehende Risiko, dennoch auf den Straßen einen Unfall zu erleiden, nehmen wir nunmehr billigend in Kauf. Schließlich ist der Verkehr zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Versorgung der Bevölkerung und des sozialen Lebens von ausschlaggebender Bedeutung.

Immunsystem als Lebensversicherung

Kritisch sollte man also den ängstlichen Versuch beurteilen, das – in Tat für manche tödliche – Risiko einer Virusinfektion durch komplette Isolation im Rahmen von Quarantäne-Maßnahmen in den Griff zu bekommen. Möglich und notwendig sind natürlich Schutzmaßnahmen, welche die Gefahren von Virusinfektionen eindämmen. Aber gleichzeitig sollte ein einvernehmliches, weil unvermeidliches Zusammenleben mit den Keimen das Ziel unserer Bemühungen sein. Wichtige Grundlage hierfür ist unser Immunsystem. Unser Immunsystem ist eine wunderbare Lebensversicherung! Ohne sie können wir nicht mit Viren, Bakterien und Parasiten auf dieser Erde zusammenleben. Das Immunsystem lernt ständig im Zusammenleben mit Erregern. Ständig, ohne dass wir es bemerken, werden wir gegen Viren immun, also auf natürliche Art und Weise geimpft. Hierzu produzieren unsere B-Lymphozyten Antikörper und entwickeln über die Jahre ein ausgefeiltes Immungedächtnis, eine Bibliothek, in der alle Erreger, denen wir einmal begegnet sind, gespeichert werden. Sollten einzelne davon wieder einmal des Weges kommen, sind wir gefeit, effektiv und dauerhaft vor ihnen geschützt! Sinnvoll unterstützt wird die „stille Feiung“ durch Schutzimpfungen.

Verzweifelte Einsamkeit

Aber wir sollten uns auch mit der Tatsache vertraut machen, dass im fortgeschrittenen Alter, das wir dank moderner Medizin erreichen, die Immunabwehr schwächer wird. Im Alter ist das Immunsystem nicht mehr so kompetent wie in unserer Jugend. Das liegt zum einen daran, dass das Knochenmark mit fortschreitendem Alter eine zunehmend geringere Anzahl von B-Lymphozyten bereitstellt.

Außerdem sind die B-Zellen beim Menschen über 60 Jahre weniger anpassungsfähig und produzieren weniger spezifische Antikörper gegen Antigene, die das Virus auf seiner Hülle immer neu bildet. Es ist deshalb ein vollständig natürlicher Vorgang, dass man im fortgeschrittenen Alter anfälliger wird und an einer Virusinfektion versterben kann! An der Tatsache, dass am COVID-19 alte Menschen versterben können, trägt kein Regierungsverantwortlichen irgendwelche Schuld. Selbst noch so ausgefeilte Quarantäne-Maßnahmen würden nichts daran ändern können, dass viele von uns im Alter an einer Virusinfektion versterben werden. Im Gegenteil sind solche Maßnahmen geeignet, dem alten Menschen unnötig verzweifelte Einsamkeit zu bescheren. Den Immunkompetenten verwehrt die Quarantäne den Erwerb der natürlichen Immunität.

Lebenslange Wegbegleiter

Viren, Bakterien und Parasiten sind unsere lebenslangen Wegbegleiter. Wir sollten versuchen, einvernehmlich mit ihnen zu leben. Ja, sie werden uns überleben! Die Mehrheit in unserem Körper machen nicht die Körperzellen, sondern die Bakterien aus. Selbstverständlich können diese Bakterien uns sehr gefährlich werden: Wenn sie in unsere Blutbahn geraten, kommt es zu einer Blutvergiftung und ohne die Hilfe von Antibiotika können wir eine solche septische Infektion nicht überleben. Aber andererseits sind wir auf unsere Bakterien, das Mikrobiom, angewiesen. Bakterien trainieren unser Immunsystem, helfen bei der Aufnahme von Einfachzuckern durch Aufspaltung von ansonsten unverdaulichen Nahrungsbestandteilen. Störungen der Darmflora durch natürliche Einflüsse oder Antibiotika werden in einen Zusammenhang mit fast alle Volkskrankheiten wie Diabetes, Übergewicht, Allergien, Reizdarm, ja Depressionen gebracht. Kaum einer bezweifelt trotz aller Risiken und Gefahren, die von Bakterien ausgehen können, den Nutzen des Mikrobioms für den Menschen. Die Forderung nach einer Darmsterilisation gehört definitiv der Vergangenheit an. Ganz im Gegenteil zeigen Stuhltransplantationen mittlerweile bei einigen Krankheiten wie der pseudomembranösen Kolitis erste Erfolge. Der zunehmend gelassene Umgang mit Bakterien sollte Vorbild für unsere Beziehung zu den Viren sein.

Solidarität mit Alten und Schwachen

Wie also soll und kann unsere Beziehung mit den Viren aussehen? Zunächst muss klar sein, dass wir jedes Jahr aufs Neue mit neuen oder zumindest veränderten Viren in Kontakt kommen werden. Das ist Teil der Natur und unseres natürlichen Lebensrisikos. Für ein einvernehmliches Miteinander mit den Viren bedarf es keiner staatlichen Zwangsmaßnahmen. Einfache Schutzmaßnahmen wie Händewaschen und vom potenziellen Virusträger Abstand halten sind für den ansonsten Gesunden ausreichend und drängen sich jedem vernünftigen Menschen ohne weitere Erklärung auf. Die Mehrheit der Bevölkerung kann so jedes Jahr jede Infektionswelle weitgehend unbeschadet überstehen und stärkt immer aufs Neue das Immunsystem durch den Kontakt mit dem Virus. Aus Solidarität mit den Alten und Schwachen müssen wir die Schwachstellen unseres Gesundheitssystems nüchtern analysieren und dann angemessen angehen: ausreichende Ausstattung der Krankenhäuser auch für Krisenfälle speziell mit Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit, Anwerbung und Anstellung von mehr Pflegekräften und Ärzten mittels besserer Bezahlung und verbesserten Arbeitsbedingungen. Auf diese Weise würden die Milliarden, die panikartige Sofortmaßnahmen verschlingen, so eingesetzt, dass sie eine nachhaltige Wirkung erzielen könnten!

„Angst essen Seele auf“

Ja, ein nicht geringer Teil der derzeitig weltweiten Einschränkungen und Zerstörungen im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben werden weniger durch das COVID-19 Virus als durch unsere Angst verursacht. „Angst essen Seele auf“, titelte treffend Rainer Maria Fassbender schon im Jahr 1974. Wie ein roter Faden zieht sich die Ermahnung „Fürchtet Euch nicht!“ durch die Bibel. Angst macht den Menschen manipulierbar, liefert anderen die Erlaubnis, seine Freiheit einzuschränken. Mit Angst schränken wir selbst unsere Freiheit ein. Furchtlos Risiken im Leben anzupacken und gleichzeitig bescheiden seine Grenzen anzuerkennen, ist Voraussetzung für eine gedeihliche Beziehung des Menschen mit den Viren und der Natur im Allgemeinen.

Der Autor ist Professor an der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München und in nationalen und Internationalen Gremien zu Fragen der Bioethik tätig.

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