Würzburg

Von Bäumen und Menschen

In der Klimaschutzdebatte prallen Extrempositionen unerbittlich aufeinander: Alles dem Klimaschutz unterwerfen, dabei die Problematik quasi-religiös überhöhen, um zusätzliche Motivation zu schaffen, den Planeten zu retten. Und: Weil menschliches Verhalten ohnehin keine Rolle spielt, allenfalls im "Weiter so!" technische Lösungen ins Auge fassen.

Schneemangel Feldberg
Der Klimawandel beschert Mensch und Natur im Südwesten bereits innerhalb der nächsten 50 Jahre heißere Sommer, mildere Winter und mehr Hochwasser. Foto: A2070 Rolf Haid (dpa)

Der Mensch beherrscht die Natur. Das war immer so – und ist auch Gottes Auftrag: „bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen“ (Gen 1, 28). Naturbeherrschung mit den technischen Mitteln unserer Zeit bedeutet, dem Klimawandel in Gestalt des Geo-Engineerings zu begegnen. Das kann etwa bedeuten, vom Menschen (und seinem Handeln) ausgestoßenes Kohlenstoffdioxid, das von der Natur nicht wieder aufgenommen werden kann, durch technologische Verfahren und Einrichtungen unterirdisch zu speichern. Eine gute Idee?

Zunächst: Die Idee der schöpferischen Neuordnung des Mensch-Natur-Verhältnisses ist bereits bei Francis Bacon, dem Vater der modernen Wissenschaftskultur, vorgedacht: Forschung ist für ihn nicht nur Nachvollzug des Gegebenen, sondern Neuschöpfung des Erwünschten. Die Tier- und Pflanzenzucht hat hier ihren Ursprung. Künstliche Kohlenstoffdioxidreservoire wären nur eine logische Weiterentwicklung. Doch Geo-Engineering ist nicht nur eine technologische Herausforderung, sondern vor allem ein ethisches Problem. Konrad Ott, Umweltethiker der Universität Greifwald, kommt zu dem Schluss, dass es darauf ankomme, die Dilemma-Situation zu vermeiden, die Geo-Engineering-Befürworter zur Grundlage ihrer konsequenzialistischen Moral des „geringeren Übels“ machen. Solange das nur durch Vermeidungsstrategien gelingen könne, sei vom Eingriff in das Klimasystem abzuraten. Das Risiko sei zu groß. Hier bezieht sich Ott explizit auf Hans Jonas und sorgt damit dafür, dass die warnenden Töne seiner verantwortungsethischen Philosophie in der aktuellen Debatte um Geo-Engineering gehört werden. Also: Nicht einfach „Weiter so!“

Was meint eigentlich, „die Natur leidet“?

Doch, was tun? Eine wichtige Frage, die angesichts des Leids der Natur, oft in personifizierter Form, gestellt wird. Da „ächzt“ die Erde und „schwitzt“ der Planet. Der Zugang über die Leidensfähigkeit der Natur stellt insbesondere ein zentrales Argument dar in der Tierschutzbewegung, die stellvertretend die Interessen von Teilen der nicht-humanen Natur vertritt, insbesondere das Recht auf körperliche Unversehrtheit, auf Freiheit von Schmerz und auf Leben, auf: größtes Glück für die größte Zahl an – Lebewesen. Doch der Versuch, im Rahmen dieses öko-utilitaristischen Denkens eine einheitliche Bemessungsgrundlage für den Umfang des Lebensrechts zu schaffen (handele es sich um menschliches oder nicht-menschliches Leben), kann schon von daher als gescheitert angesehen werden, dass der Mensch „Leid“ aus seiner Sicht definiert, ganz abgesehen davon, dass dem „animal rationale“ andere Umgangsformen mit Leid zur Verfügung stehen als dem animal: Menschen gewinnen Trost aus Sinnerwägungen und Kontextualisierungen des Leids – Tieren (und Pflanzen) ist dies hingegen nicht möglich.

Zwar kann (und sollte) die Perspektive des Leids dazu führen, den Umgang mit der Natur entsprechend (vom Menschen!) unterstellter Interessen der nicht-humanen Umwelt so zu gestalten, dass Leid minimiert wird, doch eine ausschließlich folgenorientierte Betrachtung, in der das zu vermeidende Leid die einzige Maßgabe der Ethik darstellt, weil eben gerade darin der Nutzen liegt, verfehlt nichts weniger als den Begriff der Moral selbst, denn praktische Rationalität erschöpft sich nicht in der Beachtung von körperlich spürbaren Konsequenzen einer Handlung, auch wenn diese immer eine gewisse Rolle spielen. Verantwortung haben Menschen nicht nur gegenüber dem Leidenden, sondern auch gegenüber Prinzipien der Moralität, die aus sich selbst heraus begründet sind (etwa die Achtung und der Schutz der Menschenwürde).

Ferner: Verantwortung kann nur im konkreten Fall übernommen werden. Eine vom Utilitarismus postulierte Totalverantwortung für „die Zukunft“, „die Erde“, „die Menschheit“ lähmt hingegen unser Handeln. Es ist Hauptanliegen der Kritik Robert Spaemanns, darauf hinzuweisen: „Das konsequentialistische Ethikverständnis, das sich selbst als verantwortungsethisch versteht, zerstört den Begriff der sittlichen Verantwortung durch Überdehnung. Die konkrete Verantwortung handelnder Menschen wird zu einer bloß instrumentellen Funktion im Rahmen einer stets fiktiv bleibenden Gesamtverantwortung.“

Noch weitergehend ist die völlige Aufhebung der Mensch-Natur-Differenz. Hier ist es nicht mal mehr nötig, ein Kriterium zu definieren, das Mensch und Natur aneinander bindet (wie die Fähigkeit, Leid zu erfahren und das Interesse, von dieser Leiderfahrung verschont zu bleiben). Nicht nur der Konsequenz nach, also hinsichtlich eines Schutzes der Natur um ihrer selbst willen, sondern bereits in der Wesensbestimmung herrscht Gleichförmigkeit: Mensch und Natur sind eins, der Mensch ist nicht nur körperlich, sondern auch geistig ein Teil der Natur.

Das Problem liegt auf der Hand: Wenn das Gerechtigkeitsprinzip auf Basis der Verantwortung zu einem Gleichheitsprinzip auf der Grundlage eines allumgreifenden Naturalismus wird, bei dem menschliches Leben, tierisches Leben und pflanzliches Leben im Zweifel nicht als hierarchisch gestufte Schutzgüter verstanden werden sollen, dann ist gerade jene menschliche Würde in Gefahr, die eigentlich – jetzt oder künftig – geschützt werden soll. Wer die vermeintliche „Hybris“ des anthropozentrischen Weltbildes überwinden will, läuft Gefahr, den Menschen zum Opfer einer naturalistischen Depotenzierung zu machen. Nicht die Natur wird dann moralisch und rechtlich aufgewertet, sondern der Mensch wird abgewertet. Interessanterweise hat die radikale Ökologiebewegung mit Abtreibungen grundsätzlich kein Problem. Umgekehrt wird die Lebensschutzbewegung dadurch zu desavouieren versucht, dass man darauf verweist, sie postuliere nicht zugleich eine vegane Ernährungsweise. So etwas geht nur, wenn man keinen Unterschied macht zwischen einem Menschen und der nicht-humanen Natur.

Herrschaft in konkreter Verantwortung

Der Mensch ist etwas ganz Besonderes. Das spüren wir, das wissen wir. Wie gehen wir mit dieser Erkenntnis um, wenn es um den Rest der Welt geht? Eine Möglichkeit besteht in der Stärkung der Rolle des Menschen als Mittel- und Bezugspunkt des Umwelt- und Klimaschutzes gemäß einer erhöhten Verantwortlichkeit im Sinne von Hans Jonas: Gerade weil der Mensch nicht aus seiner Haut kann, steht er in der Pflicht. Mit Jonas ist nicht an eine Freiheit und Kultur beendende „Wiedereingliederung“ des Menschen in die Natur zu denken, sondern an einen Prozess der Hinwendung zur Natur, der die Verantwortung gerade aus der überragenden Stellung des Menschen begründet. Die christliche Ethik hält daher zwar an der anthropozentrischen Perspektive fest, mit dem Menschen als zur Transzendenz hin orientierten Wesen, dessen Herrschaftsverhältnis zur Natur sich jedoch von „Unterwerfung“ zu Verantwortung weiterentwickelt.

Im Fokus derer, die den Unterschied zwischen Mensch und Natur einebnen wollen, steht gerade die Kritik des christlichen Menschenbilds der abbildlichen Geschöpflichkeit des Menschen, vor dem Hintergrund dessen, dass diese Vorstellung den Menschen ob seines engen Verhältnisses zum Schöpfer-Gott aus der Natur erhebt, ihn mit Geist und Geschichtlichkeit begnadet sieht und zum Herrscher über die nicht-humane Natur macht. Es gilt zu zeigen, dass hierbei eine Missinterpretation des schöpfungstheologischen Bildes der „Krone“ vorliegt, dass es nicht um uneingeschränkte Herrschaft geht, sondern um ein Symbol für die Pflicht zu einer verantwortlichen Sicht auf die Mitgeschöpfe, ohne dabei die nicht bloß graduellen, sondern prinzipiellen Unterschiede zwischen Mensch und Tier zu verwischen. Es braucht stattdessen neue Tugenden, die „biophile und ökologische Grundhaltungen“ ansprechen – „Lebensförderlichkeit, Friedensbereitschaft, Schonung im Umgang mit der Natur, Rücksichtnahme auf die Interessen künftiger Generationen sowie Zivilcourage und Wahrhaftigkeit“ – und damit „Antwortmöglichkeiten auf die Herausforderungen der Zukunft bereitstellen“, wie es Eberhard Schockenhoff ausdrückt.

Also: Christliche Verantwortung ist konkrete Sorge um den Nächsten aufgrund dessen Würde als Geschöpf Gottes, die sich unbedingt aus dem (Mit)Mensch-Sein ergibt. Der Grund für diese Auffassung findet sich schon am Anfang der Bibel. Als Gott Kain nach dem Mord an seinem Bruder Abel zur Rechenschaft zieht – die erste Stelle der Heiligen Schrift, wo überhaupt des Sittliche thematisiert wird –, hält Gott ihm nicht als Erstes das Verbrechen vor, sondern fragt ihn schlicht: „Wo ist dein Bruder Abel?“ (Gen 4, 9). Kain weist nicht die Tat von sich, sondern versucht die Frage Gottes zu delegitimieren, indem er ganz allgemein die Verantwortung für seinen Bruder mit der Gegenfrage zurückweist: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ (Gen 4, 9). Die sorglose Gleichgültigkeit des Kain, die aus diesen Worten spricht, legt im negativen Modus die Essenz der christlichen Verantwortung frei, denn genau dies ist ihr Kern: Sorge zu tragen und diese Sorge zur Pflicht zu erheben. Das Wort vom „Hüter meines Bruders“ begründet einen biblisch-christlichen Verantwortungsbegriff, der in liebenden Sorge seinen Kern hat und damit auf die Tugend der Liebe und das Dreifachgebot verweist: Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe. Verantwortung heißt demnach in der Tat, „Hüter meines Bruders“ (oder meiner Schwester) zu sein – ganz konkret. Das mag Generationen übergreifen, die Gattung jedoch übergreift es nur dann, soweit das Unterlassen eine negative Rückwirkung auf den Menschen hat – den Bruder, die Schwester. Umgekehrt fällt dem Menschen kein Zacken aus der „Krone“, wenn er im Rahmen dieses verantwortungsbewussten Anthropozentrismus‘ mehr auf die Schöpfung und die nicht-humanen Mitgeschöpfe achtet. Im Gegenteil: Es macht ihn zum „guten Verwalter“. Auch das ist Gottes Auftrag.