Würzburg

Mehr Mensch werden

Für die Generation Y sind Freizeit und Urlaub wichtiger als Arbeit. Aus christlicher Sicht ist diese Einstellung genauso problematisch wie die Haltung früherer Generationen, für die Arbeit alles und "Workaholic" kein Schimpfwort war. Beiden Sichtweisen fehlt das rechte Maß. Die christliche Sicht auf die Arbeit ist anders.

Charlie Chaplin auf Zahnrädern
Charlie Chaplin auf Zahnrädern Foto: adobe stock

Bereits in der Schöpfungserzählung heißt es, dass Gott den Menschen erschaffen habe, „damit er die Erde bearbeite“. Dem Menschenpaar vertraut Gott die Aufgabe an, sich die Erde zu „unterwerfen“ und über alle Lebewesen „zu herrschen“, und zwar in einer verantwortungsvollen Weise. Schon vor dem Sündenfall gehört die Arbeit also zum Schöpfungsplan Gottes – sie ist weder Strafe noch Fluch! Sie wird (erst) Mühe und Last infolge der Sünde Adams und Evas.

Jesus war ein Arbeiter

Eine positive Sicht auf die Arbeit findet sich auch im Neuen Testament: Jesus selbst war ein Mann der Arbeit, denn er hat den größten Teil seines Lebens der körperlichen Arbeit in der Werkstatt Josefs gewidmet. Er lehrt in seiner Verkündigung, die Arbeit zu schätzen, zum Beispiel im Gleichnis des tüchtigen Dieners, der seine Talente vermehrt. Seine eigene Sendung beschreibt er so: „Mein Vater ist noch immer am Werk, und auch ich bin am Werk“ (Joh 5,17); und die seiner Jünger als Arbeiter in der Ernte des Herrn (Mt 9,37f.). Jesus arbeitet unermüdlich und vollbringt machtvolle Taten, um die Menschen von Krankheit, Leid und Tod zu befreien. Er mahnt jedoch auch, sich nicht von der Arbeit versklaven zu lassen, sondern „Schätze im Himmel“ zu erwerben.

Die Kirchenväter greifen diese Gedanken auf: Entgegen ihrer Zeit betrachten sie die Arbeit nicht als „opus servile“, sondern als „opus humanum“. Theodoret von Cyrrhus etwa schreibt: „Mit seiner Arbeit und seinem Fleiß hat der Mensch Anteil an der göttlichen Kunst und Weisheit, verschönert die Schöpfung und den Kosmos, den der Vater geordnet hat, und weckt jene gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Kräfte, die dem Gemeinwohl dienen und vor allem den Bedürftigsten zugute kommen.“ Lange Zeit war die Arbeit dann allerdings kein Thema, dem sich die Kirche besonders gewidmet hat. Erst mit dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft ändert sich das. Es stellt sich die Soziale Frage, also Probleme wie Armut, Hunger, schlechte Arbeitsbedingungen und Wohnungsnot, die mit der Industriellen Revolution und der modernen europäischen Bevölkerungsexplosion einhergehen.

Die Kirche antwortet mit den sogenannten Sozialenzykliken, in denen die Päpste auf soziale Herausforderungen der jeweiligen Zeit eingehen. Als „Mutter aller Sozialenzykliken“ erscheint im Jahr 1891 „Rerum novarum“. Sie ist das erste päpstliche Rundschreiben zur Arbeiterfrage und gilt als wegweisendes Dokument der katholischen Soziallehre. Papst Leo XIII. setzt sich darin mit den sozialen Verwerfungen des Sozialismus und des Liberalismus auseinander. Er beklagt die oft sklavenähnliche Lage der Arbeiterschaft, wendet sich aber gegen den Klassenkampf und plädiert für eine Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Leo XIII. verteidigt das Privateigentum, betont aber zugleich seine Sozialverpflichtung. Zudem fordert er staatlichen Schutz für Arbeitnehmer und gerechte Löhne.

Seither sind acht weitere Sozialenzykliken erschienen, in denen sich ebenfalls grundlegende Aussagen über die Arbeit finden. So befasst sich Papst Pius XI. 1931 in „Quadragesimo anno“ mit der Gesellschaftsordnung: Er entfaltet das Prinzip der Subsidiarität, nach dem das jeweils gesellschaftlich oder institutionell untergeordnete Glied alle Aufgaben möglichst eigenständig bewerkstelligen soll. Nur wenn die Aufgabe zu groß ist, soll die übergeordnete Instanz eingreifen. Zudem grenzt er Christentum und Sozialismus voneinander ab. Es sei „unmöglich, gleichzeitig guter Katholik und wirklicher Sozialist zu sein“.

Johannes Paul II. und der "dritte Weg"

Die erste von mehreren Sozialenzykliken Papst Johannes Pauls II. befasst sich mit dem Wert der menschlichen Arbeit und sucht einen „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus. „Laborem exercens“ analysiert 1981 soziale Fehlentwicklungen im brüchiger werdenden Kommunismus, aber auch im wirtschaftlich erfolgreichen Kapitalismus. Der Papst betont den Vorrang der Arbeit vor dem Kapital: „Die Arbeit ist ein Gut für den Menschen – für sein Menschsein –, weil er durch die Arbeit nicht nur die Natur umwandelt und seinen Bedürfnissen anpasst, sondern auch sich selbst als Mensch verwirklicht, ja gewissermaßen „mehr Mensch wird“.

1991 rechnet Johannes Paul II. in „Centesimus annus“ mit dem Kommunismus ab, kritisiert aber zugleich Auswüchse eines ungezügelten Kapitalismus. Erstmals in dieser Deutlichkeit wird die positive Rolle des Unternehmertums gewürdigt. Vertreter des Konzepts einer Sozialen Marktwirtschaft lesen das Dokument daher als Bestätigung ihrer Ideen. Die Sozialenzykliken sehen die menschliche Arbeit insgesamt positiv, wobei die negativen Auswüchse gebrandmarkt und Gerechtigkeit eingefordert wird. Die Lehrverkündigung der Päpste findet dann Niederschlag im 2004 herausgegebenen Kompendium der Soziallehre der Kirche.

Zentrale Aussagen darin sind: Die menschliche Arbeit hat zwei Bedeutungen, eine objektive und eine subjektive. Im objektiven Sinne ist die Arbeit die Gesamtheit der Tätigkeiten, Ressourcen, Werkzeuge und Techniken, derer der Mensch sich bedient, um zu produzieren. Sie stellt objektiv den zufälligen Aspekt der menschlichen Tätigkeit dar, dessen Bedingungen sich verändern können. Im subjektiven Sinne ist die Arbeit das Handeln des Menschen als dynamisches Wesen, das fähig ist, verschiedene Dinge zu tun, die zum Arbeitsprozess gehören und seiner personalen Berufung entsprechen. Subjektiv gestaltet die Arbeit sich stabil, weil sie nicht von dem, was der Mensch konkret tut, sondern allein von seiner Würde als personalem Wesen abhängig ist. Die subjektive Dimension der Arbeit hat daher Vorrang vor der objektiven Dimension, denn die Subjektivität verleiht der Arbeit die ihr eigene Würde. Die menschliche Arbeit geht nicht nur von der Person aus, sondern ist wesentlich auf sie ausgerichtet, das heißt Subjekt, Zweck und Ziel jeder Arbeit ist der Mensch. Einfach gesagt: Nicht der Mensch ist für die Arbeit, sondern die Arbeit für den Menschen da.

Darüber hinaus hat die Arbeit eine soziale Dimension, denn arbeiten ist heute mehr denn je ein Arbeiten mit anderen und für andere. Sie ist auch eine Pflicht des Menschen: Er muss arbeiten, weil der Schöpfer es ihm aufgetragen hat, und um seine Menschlichkeit zu entfalten. Die Arbeit ist moralische Verpflichtung der Familie, der Gesellschaft und der Nation gegenüber. Die Arbeit ist zwar nicht der einzige Daseinsgrund des Menschen, aber doch fundamental, so das Sozialkompendium.

Die Arbeit heiligen

Im 20. Jahrhundert entwickelt sich sozusagen eine „Theologie der Arbeit“, in der die „Heiligung der Arbeit“ im Mittelpunkt steht. Besonders der heilige Josemaría Escrivá hat dazu essentielle Gedanken formuliert. Am Anfang der Überlegungen des Gründers des Opus Dei steht die allgemeine Berufung zur Heiligkeit. Heiligkeit ist nicht etwas, wozu nur ein geistlicher Stand, sondern alle Menschen berufen sind. Doch wie können sie das, wenn sie nicht ins Kloster gehen oder Priester werden? Durch das, was sie täglich am meisten tun: arbeiten. Gott ruft die „Männer und Frauen der Welt“ dazu auf, „ihm gerade in den materiellen, weltlichen Aufgaben des menschlichen Lebens und aus ihnen heraus zu dienen. Im Labor, im Operationssaal eines Krankenhauses, in der Kaserne, auf dem Lehrstuhl einer Universität, in der Fabrik, in der Werkstatt, auf dem Acker, im Haushalt, in diesem ganzen unendlichen Feld der menschlichen Arbeit wartet Gott Tag für Tag auf uns“, heißt es in einer Ansprache aus dem Jahr 1967 mit dem programmatischen Titel „Die Welt leidenschaftlich lieben“.

Die Arbeit ist für die Weltchristen der Weg, sich mit Jesus Christus zu vereinigen. In ihm zeigt uns Gott selbst die Würde jeder Arbeit in ihrer oft alltäglichen Monotonie und Banalität: Die menschliche Arbeit ist ein Ort, in dem die Gottesliebe immer wieder neu aufscheint, ganz egal, wie „bedeutend“ sie ist. Escrivás Anliegen ist die Einheit von Arbeit und Kontemplation. Die Arbeit selbst soll Gebet sein. Kurz gesagt: Durch die Heiligung unserer täglichen Arbeit können wir uns und unsere Mitmenschen heiligen, also uns mit Gott verbinden und dadurch die Welt verwandeln.

Dass diese Theologie nichts exklusiv, sondern Lehre für alle Gläubigen ist, zeigen folgende Aussagen: In einer Eucharistiefeier 2006 am Fest des Hl. Josef des Arbeiters predigt Papst emeritus Benedikt XVI.: „Es ist notwendig, eine Spiritualität zu leben, die den Gläubigen hilft, sich durch ihre Arbeit zu heiligen, in Nachahmung des hl. Josef, der jeden Tag eigenhändig für die Bedürfnisse der Heiligen Familie sorgen musste und den die Kirche deshalb zum Patron der Arbeiter erklärt hat. Sein Zeugnis zeigt, dass der Mensch Subjekt und Protagonist der Arbeit ist.“ Und 2015 betont Papst Franziskus in einer Katechese: „Gebet und Arbeit können und müssen miteinander in Einklang stehen, wie der heilige Benedikt lehrt. Arbeitsmangel schadet auch dem Geist, ebenso wie der Mangel an Gebet auch der praktischen Tätigkeit schadet. Das Arbeiten […] ist der menschlichen Person zu eigen. Es bringt ihre Würde, als Abbild Gottes erschaffen zu sein, zum Ausdruck. Daher heißt es, dass die Arbeit heilig ist.“

Teilhabe am Schöpfungs- und Erlösungswerk

Zusammenfassend lässt sich daher sagen: Die Arbeit ist nicht alles – sie ist aber doch sehr viel. Aus christlicher Perspektive kommt ihr ein hoher Stellenwert zu. Die Arbeit ist nicht nur biblisch begründet, sondern auch Pflicht und Recht des Menschen. Theologisch gesehen ist sie Teilhabe am Schöpfungs- und Erlösungswerk Gottes, sozialethisch gesehen ein hohes Gut für den Menschen. Christen sollten die Arbeit wertschätzen und sich durch eine vorbildliche Arbeitsweise auszeichnen, indem sie die Arbeit heiligen – aus Liebe und zur größeren Ehre Gottes.