Würzburg

Leitartikel: Selbsterniedrigung des Menschen

Ein neues Kapitel in der Geschichte der ethischen Verwahrlosung: Mensch-Tier-Wesen sollen als Inkubatoren für menschliche Organe erschaffen werden von stefan rehder

In einem biologischen Labor werden menschliche Eizellen untersucht.
In einem biologischen Labor werden menschliche Eizellen untersucht. Foto: Waltraud Grubitzsch (dpa-Zentralbild)

Es stimmt schon. Bei der geplanten Erschaffung von Mensch-Tier-Mischwesen geht es nicht darum, die Welt mit einer neuen Spezies zu bevölkern. Anders als bei anderen Mensch-Tier-Mischwesen-Experimenten soll hier auch nicht menschliches Erbgut mit tierischem verschmolzen werden. Stattdessen wollen die Forscher induzierte pluripotente Stammzellen (reprogrammierte Körperzellen) des Menschen,in genetisch veränderte Tiere einbringen.

Nur macht dies das Vorhaben des japanischen Stammzellforscher Hiromitsu Nakauchi noch nicht zu einem moralisch akzeptablen. Menschliche Organe in Tieren zu züchten, um bei Bedarf auf sie zurückgreifen zu können, ist nicht bloß eine unappetitliche Vorstellung, sondern zeugt auch von einer bemerkenswerten ethischen Verwahrlosung.

Mehr noch als die Tierwürde, die Kritiker der bevorstehenden Experimente sogleich in Anschlag brachten, verletzt das Vorhaben die Menschenwürde. Der Gedanke, lebendige Wesen als Inkubatoren für menschliche Organe zu gebrauchen, um in ihnen Rohstofflager für den eigenen Reparaturbetrieb anlegen und bei Bedarf ausbeuten zu können, ist das Werk einer bloß instrumentellen Vernunft, die des Menschen unwürdig ist.

Einem Schwein eine Herzklappe zu entnehmen und einem Menschen einzusetzen hat denn auch ein ganze andere Qualität, als ein menschliches Organ in einem Schwein zu züchten. Auch wenn für das Schwein das Ergebnis in beiden Fällen das Gleiche ist, so handelt es sich doch aus menschlicher Perspektive um zwei völlig verschiedene Handlungen: nämlich um den rechten und um den unrechten Gebrauch von Gütern der Natur.

Bei seiner Rede im Deutschen Bundestag erklärte der damalige Papst Benedikt XVI., es gäbe auch eine „Ökologie des Menschen“ und führte aus: „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“

Zu der von Benedikt XVI. angemahnten Annahme der menschlichen Natur zählt sicher auch die prinzipielle Akzeptanz der Sterblichkeit des Leibes. Was selbstverständlich nicht bedeutet, dass sich der Mensch nicht gegen das Sterben des Leibes wehren dürfe, weshalb er sich der Medizin – einschließlich der Organtransplantation – auch grundsätzlich bedienen darf. Nur eben nicht um jeden Preis.

Falls es einen Nenner gibt, unter den sich zahlreiche verschiedene (bio)ethische Probleme subsumieren lassen, dann ist es die irrige Auffassung, alles sei bloß Kultur und daher von Menschen auch veränderbar. Ein derart radikaler Ansatz gibt sich nicht mehr mit dem in der Vernunftnatur des Menschen angelegten Vermögen zufrieden, etwa durch technische Innovationen Fähigkeiten wie beispielsweise das Fliegen zu erwerben, die der Mensch naturhaft nicht besitzt. Dieser Ansatz gipfelt schließlich in der Ablehnung oder gar der Zerstörung der eigenen Natur.

Denn wenn alles nur Kultur ist (einschließlich der „Vorstellung“ von Gut und Böse), dann gibt es – außer den Naturgesetzen – nichts mehr, das noch respektiert werden müsste. Sitte, Moral und Recht sind dann nur kulturelle Konstrukte, auf die sich Menschen bestimmter Epochen geeinigt haben. Nichts hindert Menschen anderer Epochen daran, anderes zu vereinbaren. Das Menschenrecht auf Leben kann dann genauso durch ein Frauenrecht auf Abtreibung ersetzt werden, wie Organe zur Lebensverlängerung in Mensch-Tier-Mischwesen gezüchtet werden oder die DNA des Menschen verändert werden kann.

„Die Macht des Menschen aus sich zu machen, was ihm beliebt, bedeutet die Macht einiger weniger, aus anderen zu machen, was ihnen beliebt“, schrieb der Schriftsteller Clive Staples Lewis in seinem Buch „Die Abschaffung des Menschen“. Es wird Zeit, sich dagegen zu wehren.