Erfurt/Paderborn

Kommentar um "5 vor 12": Systemrelevante Kritik

Die Entscheidung über die Fortführung einer medizinisch indizierten und bereits begonnenen Behandlung darf nicht davon abhängig gemacht werden, dass neu ankommende Patienten, noch stärker von dieser profitieren könnten.

Coronavirus: Ethisches Dilemma Triage-Modell
Das Gute darf nicht auf Kosten des Gerechten verwirklicht werden: Katholische Moraltheologen hatten das in Deutschland vorgestellte Triage-Modell kritisiert. Im Bild: Helfer in Schutzanzügen stehen an einer Zufahrt zum Universitätsklinikum Magdeburg. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert (ZB)

Die Kritik, die katholische Moraltheologen an den vergangene Woche vorgestellten „klinisch-ethischen Empfehlungen“ medizinischer Fachgesellschaften bei „Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und der Intensivmedizin im Kontext der COVID-19-Pandemie“, vorbringen, ist gerechtfertigt und bringt den wohl einzigen Schwachpunkt der ansonsten richtigen Empfehlungen ans Tageslicht.

Verführerisch, aber falsch

Die Entscheidung über die Fortführung einer medizinisch indizierten und bereits begonnenen Behandlung darf nicht davon abhängig gemacht werden, dass neu ankommende Patienten, noch stärker von dieser profitieren könnten. Der dahinterstehende Gedanke, dass solche Patienten weniger lang beatmet werden müssen, wodurch ein Beatmungsplatz im Ergebnis früher geräumt und schneller anderen Bedürftigen zur Verfügung gestellt werden kann und in Summe mehr Patienten eine Behandlung erhalten, ist verführerisch, aber falsch.

In derart tragischen Situationen, in denen die Ressourcen ohnehin nicht für alle reichen, darf es nicht allein darum gehen, nur möglichst viele Menschen retten zu wollen. Und es stimmt auch nicht, dass dabei nicht selektiert würde. Vielmehr würden auf diese Weise im Ergebnis die Fittesten ausgewählt. Vor allem aber würde ein solches Vorgehen das Vertrauen in die Medizin und die sie verwaltenden Ärzte nachhaltig belastet und womöglich ganz zerstört. Denn Patienten könnten in einem solchen Fall nicht mehr sicher sein, dass Ärzte für sie dass ihnen Mögliche tun, sondern träten stattdessen in Konkurrenz zu Patienten, die eine bessere Prognosen aufwiesen.

Offene Wunde, die noch verschlossen werden kann

„Eine Kommentierung ist ausdrücklich erwünscht“, schreiben die Autoren um den Münchner Medizinethiker Georg Marckmann im Vorwort ihrer Handlungsempfehlungen. Sie können und sollten dankbar sein, dass katholische Moraltheologen nun den Finger in eine offene Wunde gelegt haben, die noch verschlossen werden kann. Wer hätte gedacht, dass sich zu den systemrelevanten Personengruppen in der COVID-19-Pandemie nun auch katholische Moraltheologen gesellten?

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