Würzburg

Kommentar: Unsere krank-gesunde Zukunft

Ein neuer nichtinvasiver Bluttests, soll auf Einzelgenerkrankungen screenen. Es zeigt sich einmal mehr: die Alternative einer eugenischen Gesellschaft wird auf vielen Gebieten neue Formen des Wirtschaftens und des Zusammenlebens erfordern.

Debatte um pränatale Diagnostik
In der Realität gibt es überhaupt keine gesunde DNA. Die gibt es ausschließlich in der Theorie, nämlich lediglich als ideale Referenz-DNA. Im Bild: Mit einer Spezialpipette entnimmt eine Gentechnik-Expertin für einen Vaterschaftstest eine winzige Menge Flüssigkeit aus einem Probe... Foto: Boris Roessler (dpa)

Die Politik tut gut daran, die Herausforderung anzunehmen, vor die sie die Entwicklung der nichtinvasiven pränatalen Diagnostik (NIPD) stellt. Dass nach den Bluttests, mit denen Eltern nach Trisomonien ihres ungeborenen Kindes Ausschau halten können, nun ein weiterer Test erhältlich ist, mit dem im mütterlichen Blut nach einer Reihe monogenetischer Erkrankungen des Kindes gefahndet werden kann, zeigt, dass die eingehende Beschäftigung mit der NIPD keinen Aufschub duldet.

Zumal Mukoviszidose, spinale Muskelatrophie und Thalassämien nicht die einzigen Krankheiten sind, die durch Mutationen eines einzelnen Gens hervorgerufen werden. Wissenschaftler haben bisher mehr als 3.500 Genmutationen charakterisiert, die ursächlich an der Entstehung von Krankheiten beteiligt sein sollen. Hinzu kommt: Schätzungen zufolge schlummern in jedem Mensch im Mittel vier bis fünf krankheitsverursachende Mutationen, die er im ungünstigsten Fall auf seine Nachkommen vererbt.

Es gibt keine gesunde DNA

Anders formuliert: In der Realität gibt es überhaupt keine gesunde DNA. Die gibt es ausschließlich in der Theorie, nämlich lediglich als ideale Referenz-DNA. Jede reale DNA weißt ihr gegenüber zahlreiche Abweichungen auf. Sie lassen sich – aufgrund der explosionsartigen Entwicklung, welche die genetische Diagnostik genommen hat –, heute von dem finden, der danach sucht. Deswegen hat auch der Arzt, Theologe und Bestseller-Autor Manfred Lütz Recht, wenn er sagt: „Gesund ist, wer nicht ausreichend untersucht wurde.“

Angesichts dieser Lage gibt es für Staat und Gesellschaft genau zwei Möglichkeiten: Sie können an der Utopie des Gesunden und Perfekten festhalten und so geradewegs wie unaufhaltsam in eine eugenische Gesellschaft marschieren, in der „Gesundheit“ – oder genauer: was dafür aktuell jeweils gehalten wird – zur Pflicht des Einzelnen wird, die keine Abweichungen duldet. Oder sie können anfangen, es für normal zu erachten, krank-gesund zu sein und dabei auch der Solidarität anderer zu bedürfen.

Human oder inhuman: Staat und Gesellschaft haben die Wahl

In beiden Fällen wird nur wenig bleiben können, wie es ist. Denn eine eugenische Gesellschaft ist eine durch und durch inhumane, die, weil sie einer Utopie folgt, den Einzelnen – und zwar jeden – so notwendig wie chronisch überfordern wird. Ihre Alternative wird auf vielen Gebieten neue Formen des Wirtschaftens und des Zusammenlebens erfordern. Denn, wo das Imperfekte als das gilt, was es in Wahrheit ist, – nämlich die Norm in einer aus der Ordnung gefallenen Schöpfung – kann es weder statthaft sein, dass die Therapie einer monogenetischen Erkrankungen wie der spinalen Muskelatrophie sechsstellige Summen pro Jahr verschlingt, noch dass alle Angehörigen eines Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf einer Vollzeiterwerbstätigkeit nachgehen müssen, um ihre Existenz zu sichern.