Zürich

Kinder oder Kühe?

Zwischen dem rücksichtslosen und mitleidslosen Umgang des Menschen mit dem Mitgeschöpf Tier und der Gleichsetzung von Mensch und Tier als gleichwertige Lebewesen gibt es einen vernünftigen Mittelweg.

Kinder und Kühe
Was unterscheidet Menschen und Tiere und gibt es ein ethisches Dilemma? Foto: A2070 Rolf Haid (dpa)

Auf die Frage, ob ein Bauer zuerst seine Kinder oder seine Kühe aus dem brennenden Stall retten solle, antwortete die Tierethikerin Angela Martin kürzlich im Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung": "Das ist ein ethisches Dilemma. Idealerweise rettet er alle." Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für theoretische Philosophie der Universität Basel forscht mit ihrem Team zur Frage, was zu tun ist, "wenn die grundlegenden Interessen von Menschen und Tieren in Konflikt stehen". Dabei hält Martini das Leben von Mensch und Tier für prinzipiell gleich schützenswert. Was den Durchschnittsschweizer schockiert, ist an geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten eine etablierte Meinung. Wie konnte es dazu kommen?

Tiere als "treue Gefährten"

Ein Herz für Tiere ist eine gute Sache. Tiere sind nicht nur nützlich. Sie sind auch schön und manche von ihnen dem Menschen sogar "treue" Gefährten. Die rationalistische Tradition seit Ren Descartes hat tierisches Leben abgewertet. Tiere seien nur Maschinen, die keinen Schmerz empfänden; eine Vorstellung, die bis in die skandalöse Massentierhaltung der Gegenwart nachwirkt. Dem wäre schon mit Aristoteles entgegenzuhalten, dass auch tierisches Leben mehr ist als komplex organisierte Materie. Auch Tiere haben ein Innen als Bezugspunkt ihrer sinnlichen Erfahrungen und eine   wenn auch schwer bestimmbare Form von Bewusstsein. Dennoch scheint der Abstand zwischen Mensch und Tier unüberbrückbar.

Tiere reflektieren weder über den Sinn ihrer Existenz, noch erforschen sie die Welt durch Wissenschaft. Auch Religion, ein bewusster Bezug zur Transzendenz, ist Tieren offenbar fremd. Sie leben in ihrer begrenzten Umwelt, während der Mensch diese auch transzendieren kann, weil er, wie Josef Pieper in Erinnerung rief,  offen ist für das Allgesamt der Dinge.

Sprache als Unterschied

Der Schweizer Philosoph Dominik Perler, der an der Humboldt-Universität in Berlin lehrt, sieht den Unterschied zwischen Mensch und Tier in der Sprache gegeben. Diese sei, wie er in einem Interview mit der Zeitung "Die Welt" ausführt, Ausdruck der Fähigkeit, Gedanken zu formen und sie auf logisch-konsistente Weise miteinander zu verknüpfen. Wer Sprache besitze, könne über Abwesendes und Zukünftiges reden, ergänzt Perler. "Wir sind nicht mehr gebunden an Reize von außen." Das erweitere den Horizont enorm und versetze uns in die Lage, Pläne zu schmieden und Ziele zu setzen, was Tiere nicht täten.

Nicht zuletzt setzen auch Freiheit und Liebe wenn man sie nicht als Gefühl, sondern als überlegte freie Entscheidung versteht   Denken und geistige Erkenntnis voraus. Perler nennt zwei Bedingungen für Freiheit: "die Möglichkeit, zwischen Optionen zu wählen, und die Fähigkeit, Gründe für das eigene Handeln zu liefern". Bei der Wahl-Möglichkeit von Tieren ist der Philosoph skeptisch. Die Fähigkeit, Gründe zu liefern, spricht Perler Tieren ab. "Ohne Sprache keine Gedanken, ohne Gedanken keine Gründe und ohne Gründe keine Freiheit."

Perler betont gleichwohl, dass die empirische Verhaltensforschung immer dafür offen bleiben muss, irgendwann ein Tier zu entdecken, das eine Fähigkeit besitzt, die man bislang nur dem Menschen zuschrieb. So verlangt es die wissenschaftliche Methode. Solange allerdings nichts über tierische Proteste gegen das Artensterben oder Gewerkschaften im Bienenstock bekannt wird, ist meines Erachtens große Skepsis geboten gegenüber Martins "animalistischer" Dilemma-These.

Grundrechte für Tiere?

Martin forscht in Basel allerdings unter Gleichgesinnten. Assistent Nico Müller ist Vorstandspräsident des Vereins "Animal Rights Switzerland", der für Tiere Grundrechte wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit anstrebt. Und Lehrstuhlinhaber Markus Wild vertritt die Ansicht, dass es kein Kriterium gäbe, "das alle Menschen gegenüber Tieren auszeichnet". Wenn Kleinkinder und Menschen mit schweren Behinderungen Grundrechte hätten, dann sollten diese auch für gewisse Tiere gelten, argumentiert der Professor.

Demgegenüber antwortet Dominik Perler auf die Frage, ob Babys sprachuntaugliche Primaten seien: "Keineswegs, sie entwickeln sich ja." Menschenbabys seien im Vergleich zu Tierbabys im Rückstand. "Aber das Potenzial zur Sprache macht ein Menschenbaby einzigartig." Wale könnten sich zwar über große Distanzen verständigen, doch fehle ihnen zur Sprachfähigkeit die "Systematizität und Produktivität: die Fähigkeit, aus einem Repertoire von Signalen etwas neu zusammenzusetzen". Demgegenüber würden schon Kleinkinder, die nur wenige Wörter beherrschten, immer neue Sätze daraus bilden. Auch bei geistig schwer behinderten Menschen lässt sich, wie mir scheint, ähnlich argumentieren. Denn defekte und fehlende Eigenschaften sind nicht dasselbe.

Schwester der Gender Studies

Wilds "Tierphilosophie" kann der Forschungsdisziplin der Human-Animal Studies zugerechnet werden. Diese versteht sich als Schwester der Gender Studies und sieht sich "in der Tradition der feministischen Wissenschaftskritik der 1970er Jahre", wie Mieke Roscher, Deutschlands erste Human-Animal-Professorin mit Lehrstuhl in Kassel sagt. Ist es da ein Zufall, dass Wild gerne über "Animal Mainstreaming" spricht? Und dass 2014 in Basel eine internationale Forschungstagung unter dem Titel "The Animal Turn and the Law" ernsthaft die Frage aufwarf, ob Tiere die neuen Frauen seien? Hier geht es um Antispeziesismus  um den Kampf gegen die Ungleichbehandlung von Tieren aufgrund der Tatsache, dass sie keine Menschen sind.

Peter Singer hat den von ihm popularisierten Begriff "Speziesismus" mit anderen Formen der Diskriminierung wie Rassismus, Sexismus oder Klassismus in Verbindung gebracht. Für die postmodernen Antispeziesisten gilt die Trennlinie zwischen Mensch und Tier genau wie diejenige zwischen den Geschlechtern als eine durch Machtverhältnisse bestimmte sprachliche Konstruktion. Das Ziel lautet, den christlich-abendländischen Anthropozentrismus zu überwinden, dem zufolge allein der Mensch um seiner selbst willen erschaffen worden ist.

Holzwege der Moderne

Bestimmt hat die Moderne in vielerlei Hinsicht Holzwege eingeschlagen. Sie setzte den Menschen als absolutes Subjekt in einen Gegensatz zu Umwelt und Natur, von denen er doch ein Teil ist. Andererseits fragt sich, ob der aufkommende anthropologische "Animalismus" nicht ein ebenso falsches Gegenextrem darstellt. Gerade aus der Sicht des Tierschutzes wäre auch zu fragen, was es Tieren bringt, wenn wir den Menschen zum Fressfeind anderer Arten degradieren. Die theologische Lehre vom Menschen als der Krone der Schöpfung schließt nämlich eine Verantwortung gegenüber der ganzen Schöpfung ein. So "widerspricht" es laut dem katholischen Weltkatechismus "der Würde des Menschen, Tiere nutzlos leiden zu lassen und zu töten". Dabei kann mit "Nutzen" kein beliebiges subjektives Interesse gemeint sein, weil ansonsten faktisch auch der grausamste Umgang mit Tieren zu rechtfertigen wäre.

Wenn "Menschenwürde" etwas meint, was den Menschen objektiv auszeichnet, dann kann sie, wie Robert Spaemann einmal formuliert hat, "nur die Fähigkeit des Menschen meinen, Ehrfurcht zu haben vor dem, was über ihm, was neben ihm und was unter ihm ist (,,,)". Menschenwürde meine mit anderen Worten die "Fähigkeit, sich sozusagen selbst von außen zu sehen, den eigenen Standpunkt zugunsten eines übersubjektiven zu relativieren". Diese Würde in der Vernunftnatur zu sehen, ist laut Spaemann dann richtig, "wenn Vernunft nicht nur instrumentelle Intelligenz meint, sondern das Vermögen, das, was ist, als es selbst und nicht nur als Bestandteil der eigenen Umwelt aufzufassen".

Der Mensch gibt den Tieren Namen

Der Mensch gebe den Dingen und Lebewesen Namen, während die Katze die Maus nicht "Maus" nenne, sondern fresse. Laut Spaemann verstehen zwar auch wir nicht wirklich, wie einer Katze zumute ist, aber "wir sehen, dass sie nicht nur ein Gegenstand ist, den wir sehen, sondern dass wir auch umgekehrt von ihr gesehen werden und dass hinter diesem Blick ein für immer verborgenes Geheimnis liegt, das sich in diesem Blick nur ankündigt". Spaemann zufolge kann darum Schmerzzufügung beziehungsweise artwidrige Tierhaltung durch keinen anderen Nutzen des Menschen als dem der Vermeidung vergleichbarer Schmerzen oder der Lebensrettung gerechtfertigt werden.

Wirtschaftliche Vor- und Nachteile dürften hier gar keine Rolle spielen und wissenschaftliche Forschungsinteressen nur insoweit, als sie unmittelbar auf Lebensrettung oder auf Vermeidung vergleichbarer Schmerzen gerichtet seien. Auch Fleischkonsum wäre demnach, wie wir daraus ableiten können, an die Bedingung geknüpft, dass Tiere artgerecht gehalten und auf eine angst- und schmerzfreie Weise getötet werden. Die Frage des richtigen Umgangs mit Tieren bleibt eine schwierige. Dennoch scheinen zwei prinzipielle Erkenntnisse naheliegend: Wem tierisches Leid gleichgültig ist, ist ein abgestumpfter Mensch. Wer aber ein Dilemma sieht, wo entweder Kinder oder Kühe aus einem brennenden Stall zu retten wären, scheint bei der Frage, wer eigentlich der Mensch ist, ziemlich im Dunkeln zu tappen.

Der Autor ist Leiter des Fachbereichs Werte und Gesellschaft bei der Stiftung Zukunft CH.

 

Kurz gefasst

Massentierhaltung, Kükenschreddern, Tierversuche   der Gebrauch von Tieren stößt immer mehr Menschen ab. Manche, die dagegen opponieren, setzen Tiere mit Menschen gleich: Einige halten Tiere gar   zumindest in gewissen Entwicklungsstadien   für schützenswerter. Dabei gibt es durchaus eine ganze Reihe kategorialer Unterschiede zwischen Mensch und Tier. Was folgt daraus für den Umgang des Menschen mit seinen tierischen Mitgeschöpfen? Ein Debattenbeitrag.

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