Würzburg

Das Jesuskind ist kein Cyborg

Die Streitigkeiten um die menschliche Natur Christi, welche die Theologen der Antike in Atem hielten, spielen in unserer postchristlichen Welt kaum mehr eine Rolle. Und doch mischen ganz ähnliche Probleme heute Politik und Gesellschaft auf. Die alten Deutungsfragen um das Menschsein treten in säkularisierter Form wieder auf den Plan.

Kind mit Code.
Kind mit Code, Genforschung und Experimenten. Klon von DNA und menschlichem Genom. genome. Foto: Adobe Stock

Nach wie vor sind Darstellungen des Jesuskindes in der Krippe ein fester Bestandteil des kirchlichen und häuslichen Weihnachtsschmucks und werden in allen erdenklichen künstlerischen Stilen und Materialien gefertigt. Jede Region und jede Epoche kennt ihre traditionelle Krippe. Zu den berühmtesten Krippenfiguren zählen die provenzalischen „Santons“ aus bunt bemaltem Ton. Viele von ihnen stellen Figuren aus der Provence dar und haben keinen direkten Bezug zur biblischen Weihnachtsgeschichte. So gibt es zum Beispiel den Richter, den Briefträger, die alte Frau in provenzalischer Tracht, den Blinden mit dem Kind als Führer. Das Weihnachtsgeschehen und seine Botschaft wird so ins alltägliche Leben der Provence hineingeholt – ein Beispiel gelungener Inkulturation des Evangeliums, das an alle Menschen „guten Willens“ gerichtet ist.

Wichtigkeit der Menschwerdung Gottes und ihre Deutung

In den letzten Jahren hat sich auch der politische Diskurs des Krippenmotivs bemächtigt. Zu Weihnachten 2018 beispielsweise wurde in der apulischen Kleinstadt Acquaviva delle Fonti auf dem Hauptplatz vor der Kirche die Heilige Familie als ein Flüchtlingspaar mit Kind dargestellt, das in einem Meer aus Plastikflaschen unterzugehen droht.

Unterschiedliche Deutungen und Vereinnahmungen des Jesuskindes beziehungsweise der zentralen biblischen Aussage der Menschwerdung Gottes sind aber nicht erst ein Phänomen der jüngeren Vergangenheit. Sie sind so alt wie das Ereignis selbst, das die Philosophin Alma von Stockhausen als „Angelpunkt der Weltgeschichte“ bezeichnet. Weil das Gottesbild das Menschenbild eines Volkes prägt und die Kultur im Kult ihren Ursprung hat, kann die unerhörte Kunde der Menschwerdung Gottes und ihre Deutung an Wichtigkeit kaum überschätzt werden.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Schilderung eines Theologieprofessors, dessen Vorlesung ich vor mehr als zehn Jahren besuchte. Der bekannte Spezialist für die Theologie der Kirchenväter traf in einem Frauenkloster auf eine Weihnachtskrippe, die Jesus mit den Augen eines Asiaten, den Lippen eines Afrikaners, der Hautfarbe eines Indios und den Haaren eines Skandinaviers darstellte. Der Dominikanerpater bewertete diese Darstellung im Kreis seiner Studenten zwar als gut gemeint, doch sei sie nicht nur in ästhetischer, sondern auch theologischer Hinsicht durchaus problematisch.

Jesus wurde als ausschließlich als Jude geboren

Ausgehend von diesem Multiethno-Jesuskind erläuterte der Professor eine christologische Irrlehre, die in der Antike die Theologen beschäftigte: Gemäß dem christlichen Dogma hat der Sohn Gottes, als er in Jesus von Nazareth Mensch wurde, die menschliche Natur nämlich nicht als abstrakt-allgemeines Idealbild angenommen, wie manche Theologen vor dem Hintergrund der Ideenlehre Platons meinten, sondern ganz konkret und individuell: Jesus wurde nicht zugleich als Peruaner, Chinese, Nigerianer und Schwede geboren, sondern einzig und allein als Jude. Und – so würde ich heute noch ergänzen – als Junge, nicht etwa zugleich als Mädchen oder gar geschlechtslos.

Die christologischen Streitigkeiten der Antike spielen in unserer postchristlichen Welt kaum mehr eine Rolle. Und doch mischen heute ganz ähnliche Probleme Politik und Gesellschaft auf. Dabei geht es zwar nicht mehr um die Menschheit Christi, aber um den Menschen schlechthin. Die alten Deutungsfragen um das Humane treten in säkularisierter Form wieder auf den Plan.

„Da (...) alle Menschen im ideellen Sinne gleich sind, ist jede Form faktischer Ungleichheit zu beseitigen. Das Resultat: Menschen werden nicht als reale Menschen behandelt, sondern als Konstruktionen, als Sinnbilder oder Verkörperungen einer abstrakten Menschlichkeit.“
Alexander Grau, Philosoph

Der Philosoph Alexander Grau spricht beispielsweise von einem menschenfeindlichen „linken Hyperhumanismus“, in dessen Zentrum der Gleichheitsgedanke stehe: „Da (...) alle Menschen im ideellen Sinne gleich sind, ist jede Form faktischer Ungleichheit zu beseitigen. Das Resultat: Menschen werden nicht als reale Menschen behandelt, sondern als Konstruktionen, als Sinnbilder oder Verkörperungen einer abstrakten Menschlichkeit.“ Die Folge: Alle Unterschiede werden als Diskriminierung diskreditiert und bekämpft. Differenzen sollen dekonstruiert und Grenzen niedergerissen werden. Das angestrebte Ziel ist der Einheitsmensch in einer unterschiedslosen Einheitskultur.

Bei dieser humanistischen „Irrlehre“ geht es Grau zufolge um einen „Kampf gegen das Eigene und das Einzigartige“. Ein krasser Gegensatz zum christlichen Humanismus, wie mir scheint: Durch den Glauben an die konkrete Menschwerdung Gottes hat jede individuelle menschliche Existenz eine ungeahnte Aufwertung erfahren. Wie sich dies in der westlichen Welt über die Jahrhunderte kulturell auswirkte, hat Larry Siedentop in seinem monumentalen Werk „Die Erfindung des Individuums – Der Liberalismus und die westliche Welt“ (2016) eindrücklich aufgezeigt.

Göttliche Gnade setzt Natur voraus und vervollkommnet sie

Als Kernbegriff der christlichen Anthropologie hat sich, ebenfalls aus der christologischen Debatte heraus, der Personenbegriff etabliert. Dieser beinhaltet eine Absage an den Kollektivismus, aber auch an jede Form von Nominalismus und Hyperindividualismus. Auch wenn das wahrhaft Wirkliche immer individuell ist, sind doch alle Menschen durch eine gemeinsame Artnatur verbunden, die im Leibe von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Die Person ist nach der berühmten Definition des Boethius eine „individuelle Substanz rationaler Natur“, wobei der Terminus „rational“ auf die sinnengebundene, diskursive Erkenntnisweise des Menschen hinweist, den Leib also als konstitutiv für das Personsein mit einschließt. Im Gegensatz zum Gnostizismus, der im cartesianischen Dualismus in der Moderne fortlebt, hat das Christentum niemals die materielle Wirklichkeit zugunsten immaterieller beziehungsweise göttlicher Wirklichkeit negiert und das menschliche Individuum nie auf einen autonomen Geist reduziert.

Die antiken und mittelalterlichen Gnostiker verwarfen aufgrund ihrer radikalen Zweiteilung des Wirklichen in einen guten Geist und eine böse Materie die Lehre von der Menschwerdung. Ihrer doketischen Lehre zufolge hatte Gott in Jesus nur einen Scheinleib angenommen. Die Materie und ihre Ordnung inklusive Sexualität und Fortpflanzung galt ihnen als Trick des Demiurgen, um den Geist in der Materie gefangen zu halten.

Ganz anders das Christentum: Seiner Lehre zufolge steht die göttliche Gnade nicht im Gegensatz zur Natur, die Gnade hebt diese nicht auf, sondern setzt sie voraus und vervollkommnet sie. Die Schöpfungsordnung bleibt auch nach der Menschwerdung Gottes in Kraft und das Kommen Gottes als Mensch wird als die Bestätigung der natürlichen Ordnung gesehen. Diese erstrahlt – nach ihrer Entstellung durch die Ursünde – in der Menschheit des neuen Adam in ursprünglicher Schönheit wieder.

Starke Gegenposition zu Widersacher des Christentums gefragt

Es beruht daher auf einem Missverständnis, den christlichen Heilsuniversalismus so zu deuten, als wäre in Christus die menschliche Natur – und was aus ihrer kulturellen Entwicklung in Raum und Zeit folgt – einfach aufgehoben. Wenn Paulus im Galaterbrief (3, 28) schreibt, dass es keine Juden und Griechen, und auch keine Männer und Frauen mehr gäbe, sondern dass wir in Christus alle eins seien, so ist dieses Wort zuallererst auf die Gnade und die Berufung zum Heil zu beziehen. Gnostizistisch angehauchte links-feministische Paulus-Interpretationen, die dem Völkerapostel die Aufhebung der Geschlechtsunterschiede unterstellen, gehen am Wesentlichen vorbei.

In Zeiten, in denen der scheinbar ewige Widersacher des Christentums, der Gnostizismus, im Gewand von Gender-Theorie und Transhumanismus eine Renaissance erlebt, sind starke Gegenpositionen gefragt, welche die Würde des menschlichen Leibes und die diesem durch die Seele eingeprägte Ordnung hochhalten und verteidigen. Inwieweit christologische Standpunkte in der Auseinandersetzung mit dem „gnostischen Liberalismus“ (Robert P. George) unserer Tage von Bedeutung sein können, hängt natürlich vom Glauben ab.

Christen jedenfalls tun gut daran, sich zu erinnern, dass der Apostel Johannes im Prolog seines Evangeliums ganz bewusst alle Mühe darauf verwendet, die konkret-fleischliche Art der Menschwerdung Gottes unmissverständlich herauszustreichen. „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ (Joh 1, 14)

Der materialistisch-hedonistische Körperkult unserer Kultur darf uns nicht über deren Leibvergessenheit hinwegsehen lassen. Schönheitschirurgie, Geschlechtsumwandlungen, künstliche Fortpflanzung, Leihmutterschaft und Upgrades fürs Gehirn messen der Leiblichkeit keine Würde bei, sondern erniedrigen sie zur Manipuliermasse egoistischer Wünsche respektive zur Bühne, auf der sich der vollständig autonom gedachte Geist nach Belieben inszeniert.

Wer ist der Mensch?

Die Gegenwartskultur orientiert sich immer stärker an dem von Julian Huxley, dem Vordenker des Transhumanismus, postulierten Ideal, das Säugetier in uns zu überwinden, um immer mehr „Mensch“ zu werden. Dem setzt der Philosoph Fabrice Hadjadj treffend entgegen: „Um weiter an den Menschen glauben zu können, muss man daran glauben, dass er von Gott erschaffen wurde. Und dass Gott Mensch geworden ist.“ Das Christentum verehre den Menschen als Gottheit, rufe ihm aber – wahrscheinlich gerade deswegen, wie mir scheint – auch permanent die Bedingungen der einfachen menschlichen Existenz in Erinnerung.

Der Humanismus, der Europa frei und menschenfreundlich gemacht hat, funktioniert nicht mehr. Transhumanismus ist Posthumanismus und darum nur Scheinhumanismus. Wir reden unentwegt von Menschenrechten und kreieren immer neue. Doch wissen wir, wie Rémi Brague sagt, gar nicht mehr, wer der Mensch eigentlich ist. Sinnleere und tiefe Verzweiflung, die durch allerlei Aktivismus überspielt werden, zeichnen das Lebensgefühl vieler Menschen auf dem alten Kontinent.

Wir sind Meister im Bedienen glatter und kühler Bildschirmoberflächen, doch schrecken wir davor zurück, unser Menschsein bejahend zu umfangen. Ausdruck davon ist die steigende Zahl von Menschen, die kinderlos bleiben. Dabei konfrontieren uns gerade Kinder, wie Hadjadj sagt, „mit der Zukunft, den höchsten und letzten Dingen“: „Mit einem Kind feiert man Geburtstag. Es fördert (...) dieses tiefe Bewusstsein: Es ist gut, dass es uns gibt.“

Tröstlich zu wissen: das Jesuskind ist aus Feisch und Blut

Ist unsere Welt noch in der Verfassung, die Weihnachtsbotschaft in ihrer berührenden Konkretheit zu vernehmen? „Und sie (Maria) gebar ihren erstgeborenen Sohn, hüllte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe.“ (Lk 2, 7) Das ist das volle menschliche Leben, das – so lehrt es ebenfalls der christliche Glaube – durch die leibliche Auferstehung zur Ewigkeit berufen ist. Etwas Genialeres kann sich auch das Silicon Valley nicht ausdenken, das davon träumt, dem Menschen durch ein Upload seines Gehirns „Unsterblichkeit“ in einer Cloud zu verschaffen.

Angesichts solcher Allmachtsphantasien, die laut dem Juristen Grégor Puppinck einem „desinkarnierten Machtwillen“ einspringen, gelte es, „das exakte Gegenteil zu schützen und zu kultivieren: die inkarnierte Liebe“. Dabei ist es tröstlich zu wissen: Auch das Jesuskind ist weder virtuell noch ein Cyborg, sondern wie wir – wie Gott selbst – aus Fleisch und Blut.

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