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Dokument des Grauens

Das Wissenschaftsmagazin „MIT Technology Review“ hat Auszüge aus der unveröffentlichten Arbeit des chinesischen Biophysikers He Jiankui publiziert, der im vergangenen Jahr die Geburt zweier Zwillingsmädchen verkündete, deren Erbgut er manipuliert haben will.
Genetisch veränderte Babys in China
Foto: Mark Schiefelbein (AP) | Das Wissenschaftsmagazin „MIT Technology Review“ hat erstmals Auszüge aus der bisher nicht publizierten Arbeit Hes veröffentlicht.

Vor etwas mehr als einem Jahr, genauer am 25. November 2018, schockierte der chinesische Biophysiker He Jiankui die Welt mit der Nachricht von der Geburt zweier Zwillingsmädchen, deren Erbgut er mittels der CRISPR/Cas-Technologie genetisch modifiziert habe, um sie HIV-resistent zu machen.

Der Schock war so gewaltig, dass sich zunächst kaum jemand darüber wunderte, wie He die Welt von seinem Humanexperiment in Kenntnis setzte. Nämlich nicht, wie in der Wissenschaft üblich, durch eine bei einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift eingereichten Publikation, die vor ihrer Veröffentlichung im sogenannten Peer-Review-Verfahren von Fachkollegen begutachtet worden war. Auch nicht durch eine Pressekonferenz, auf der (Fach-)Journalisten kritische Nachfragen hätten stellen können. Sondern durch eine Videobotschaft, die He über den Internet-Video-Kanal „YouTube“ verbreiten ließ und in der er den Eindruck eines erfolgreich verlaufenen Keimbahneingriffs erweckte.

„Nature“ und „JAMA“ lehnten Veröffentlichung ab

Nun hat das Wissenschaftsmagazin „MIT Technology Review“ erstmals Auszüge aus der bisher nicht publizierten Arbeit Hes veröffentlicht. Wie der renommierte Wissenschaftsjournalist Antonio Regalado schreibt, habe eine nicht näher genannte „Quelle“ dem Magazin Anfang des Jahres eine Kopie eines unveröffentlichten Manuskripts zugeleitet, das den Titel „Geburt von Zwillingen nach der Genom-Editierung für HIV-Resistenz“ trage und einen Umfang von 4.699 Wörtern habe. In dem offenbar zur Veröffentlichung gedachten Manuskript beschreibe He den Verlauf des Humanexperiments. Die Fachzeitschriften „Nature“ und „JAMA“, bei denen He diese oder eine andere Version des Manuskriptes eingereicht haben soll, hätten eine Veröffentlichung der Arbeit jedoch abgelehnt.

Wissenschaftler fällen vernichtende Urteile

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Nach Ansicht des Magazins, das vier Wissenschaftler um eine Beurteilung von Hes Manuskript bat, liefere die Arbeit keinen Beleg dafür, dass das Humanexperiment geglückt sei. Im Gegenteil. Viel spreche dafür, dass das Experiment als Fehlschlag betrachtet werden müsse. Es sei völlig unklar, ob die beiden Zwillingsmädchen durch den Keimbahneingriff gegen HIV immun geworden seien. Dazu muss man wissen: Es gibt Menschen, die durch eine natürliche Mutation eines Gens CCR5 immun gegen HIV sind. Diese Mutation wollte He in den Embryonen durch das Umschreiben der Erbinformation in den Embryonen künstlich herbeiführen. Doch das misslang offenbar.

Nach Ansicht der Forscher besitzen die Mädchen nun eine Mutation, die nur in Teilen der Mutation entspricht, die Millionen Menschen von Natur aus besitzen. Niemand könne wissen, ob die bisher unbekannte Variante denselben Schutz biete oder auch welche Schäden sie womöglich verursache. Zudem sei die Bearbeitung des betreffenden Gens nur bei einem der beiden Mädchen vollständig erfolgt. Bei dem anderen sei sie unvollständig geblieben, weshalb dieses „bestenfalls partiell resistent“ gegen HIV sein könne. Der Genforscher Fyodor Urnov von der Universität von Kalifornien in Berkeley spricht gar von einer „ungeheuerlichen Fehlinterpretation“ der Daten, die „nur als absichtliche Falschdarstellung bezeichnet“ werden könne. Auch sei es technisch unmöglich festzustellen, dass ein Embryo, in dessen Keimbahn eingegriffen wurde, keine unerwünschten Mutationen aufwiese, sofern nicht jede seiner Zelle untersucht werde, wozu der Embryo zerstört werden müsse.

Unkontrollierbare Technologie

Der Magazin-Beitrag, der Auszüge aus Hes Manuskript, Kommentare der begutachtenden Wissenschaftler sowie Erläuterungen des Autors über viele Seiten hinweg kombiniert, kann als ein „Dokument des Grauens“ bezeichnet werden, das zeigt, dass der Einsatz der CRISPR/Cas-Technologie beim Menschen schon allein aus technischen Gründen bisher nicht verantwortet werden kann. Denn die Genscheren, die dabei zum Einsatz kommen, sind einfach nicht vollständig kontrollierbar.

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