Bremen

Zehn Gebote für eine Kriminellenkarriere

Nachdenken über die Elternkompetenz ist wichtiger denn je. Fundstücke für die Familie – Eine lose Reihe, Teil 1.

Angriff auf Schüler
Manchmal beginnt der Einstieg in eine kriminelle Karriere schon früh. Erziehungskompetenz kann das verhindern. Foto: Oliver Berg (dpa)

Im Bremer Gerichtsgebäude hing in den achtziger Jahren in der Abteilung Jugendgericht lange Zeit ein Aushang mit zehn Geboten, die sich in den neunziger Jahren auch auf dem „Schwarzen Brett“ der Polizeidirektion der amerikanischen Stadt Houston in Texas wiederfanden. Beide Behörden rieten den Eltern mit Ironie, aber aufgrund ihrer Erfahrungen vor Gericht und auf der Wache, was sie tun sollten, wenn sie ihre Kinder zu Kriminellen erziehen wollten.

Wir zitieren die „Gebote“:

1. Geben Sie Ihrem Kind vom zartesten Alter an alles, was es will. Es wächst dann in der Überzeugung auf, dass die ganze Welt ihm gehört und ihm alles schuldig ist.

2. Wenn das Kind flucht und mit Ausdrücken um sich wirft, lachen Sie. Es wird sich dann besonders schlau vorkommen.

3. Behelligen Sie Ihr Kind keinesfalls mit geistigen Werten. Warten Sie, bis es 20 Jahre alt ist, es wird sich dann schon „selber entscheiden“ – und die Unterscheidung zwischen Gut und Böse verloren haben.

4. Sagen Sie ihm nie: „Das ist schlecht“. Es könnte sonst einen Schuldkomplex bekommen. Dank dieses Feingefühls wird es später, wenn es zum Beispiel nach einem Auto- oder Warendiebstahl festgenommen wird, glauben, es werde von der bösen Gesellschaft verfolgt.

5. Räumen Sie immer sein Zimmer auf, lesen Sie alles auf, was es fallenlässt – Bücher, Schuhe, Kleider und tun Sie es an seinen Platz. So lernt Ihr Kind am besten, stets die anderen verantwortlich zu machen. Und es wird tief überzeugt sein, dass die anderen auch immer verantwortlich sind.

6. Lassen Sie es alles lesen, was es will und ihm in die Finger kommt. Achten Sie zwar darauf, alles Essgeschirr zu sterilisieren, aber lassen Sie ihm die Freiheit, seinen Geist aus der Mülltonne zu nähren.

7. Streiten Sie sich oft vor Ihrem Kind. Es wird dann nicht schockiert sein, wenn Ihre Familie auseinanderfällt oder seine eigene Ehe – falls es dazu kommt – nicht hält.

8. Geben Sie ihm alles, was es will: Speisen, Getränke, Komfort. Sorgen Sie dafür, dass jeder kleinste Wunsch befriedigt wird. Ablehnung könnte zu gefährlichen Frustrationen führen.

9. Geben Sie ihm immer Recht und rechtfertigen Sie es stets gegenüber Nachbarn, Lehrer und der Polizei. Denn die sind ja alle gegen Ihr Kind!

10. Geben Sie ihm alles Geld, das es verlangt, es soll sich ja keins selbst verdienen. Wie schrecklich wäre es für Ihr Kind, wenn es begreifen müsste, dass man Geld auch verdienen muss.

Erziehung kann scheitern

Dem Dekalog für die Erziehung folgten dann noch zwei Ratschläge für die Eltern selbst, wenn diese ihre Kinder tatsächlich nach diesen zehn Regeln erziehen: „Sollte Ihr Kind eines Tages ein Taugenichts geworden sein, dann sagen Sie einfach: Dafür kann ich nichts.“ Und „bereiten Sie sich schon mal auf ein Leben mit viel Leid vor – Sie werden es bekommen“.

Die damals offensichtlich auch genervten Ordnungshüter (Richter und Polizisten) meinten natürlich genau das Gegenteil als Prävention vor einer kriminellen Karriere. Sie setzten auch völlig zu Recht ihre Hoffnung auf die Eltern als Primärerzieher der Kinder. In diesem Sinn hatten die Regeln vor dreißig und vierzig Jahren sicher auch eine stärkere Berechtigung als heute, da die Miterzieher (Schule, Medien, Straße, Peer-Group) deutlich mehr Einfluss ausüben als früher. Auch die beste Erziehung kann zeitweise scheitern. Wer aber heute diese „Gebote“ befolgt, der potenziert den Einfluss der Außenwelt erheblich. Man kann sogar sagen: Nie war es für Eltern so wichtig wie heute, sich Gedanken zu machen über Erziehungsfragen und die Stärkung der Elternkompetenz.

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