Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Familienbilder

Väter abwesend, Jungs in der Krise

Teil 2 des Interviews mit Warren Farrell: Der Männerforscher über die Unverzichtbarkeit von Vätern und gleichgeschlechtliche Eltern.
Vater liest Sohn vor
Foto: IMAGO/Kate Bagler (www.imago-images.de) | Tut Kindern gut: Väter zu haben, die sich mit ihnen beschäftigen.

Herr Farrell, sind Sie selbst jemand, der Risiken eingeht?

Ich habe selber sehr viel riskiert – nicht physisch, aber intellektuell, als ich mich von einer sehr lukrativen Karriere als großer Verfechter des Feminismus verabschiedet habe.  Ich wurde fünfzig bis sechzig Mal pro Jahr zu Vorträgen eingeladen, und das reduzierte sich auf null, bestenfalls einen Vortrag pro Jahr, als ich anfing, auch ein Wort für Männer und Jungs einzulegen.

So viel zum Thema Patriarchat…

Ja, genau. Alle Einladungen zu großen TV Shows – ich war mehrfach bei Oprah Winfrey – wurden in dem Moment storniert, in dem ich sagte, dass ich auch für Jungs und Männer einstehe. Ich habe dann nie wieder was von den Produzenten gehört. Aber physisch bin ich kein großer Freund von Risiken. Es ist darüber hinaus auch so, dass wir Männer, sobald wir heiraten und nochmal mehr, wenn wir Kinder bekommen, unser Risikoverhalten deutlich ändern: Es wird uns bewusst, dass unsere Frauen, unsere Kinder uns verlieren, wenn uns etwas passiert. Die Mutter hat keine Unterstützung mehr. Wenn ein Vater fühlt, dass er für seine Frau und Kinder wichtig ist, dann sinkt die Risikobereitschaft dramatisch. Wenn der Vater jedoch das Gefühl hat, dass er nicht geliebt und wertgeschätzt wird, dass er keine Rolle zu spielen hat bei der Erziehung der Kinder, dann bleibt auch seine Risikobereitschaft höher.

Lesen Sie auch:

Das bedeutet aber doch, dass Männer sehr wohl eine Rolle in der Familie spielen sollten, dass Väter wichtig sind?

Ja. Die Kinder, die bei weitem am besten zurecht kommen im Leben sind diejenigen, die beide Elternteile in ihren Familien haben, in denen beide Elternteile auch eine aktive Rolle in der Erziehung der Kinder spielen. Ich habe bei meinen Recherchen festgestellt, dass Krisen für Jungs vor allem dort vorkommen, wo Väter abwesend sind. Das hat mich ja zu der Frage geführt: Was machen Väter, das sie so wichtig sein lässt? Und bin auf die Dinge gestoßen, die ich schon erwähnt habe. Ich habe jedoch auch die ungeheure Kraft der biologischen Verbindung feststellen können. Meine Frau hat in ihrer früheren Ehe eine Tochter adoptiert. Eines Abends saßen wir mit einem Freund zum Abendessen, der von seiner Farm erzählte. Dort war ein Entenpaar gestorben, das zwölf Küken hatte – und eine Henne hatte ohne viel Federlesens die Aufzucht der Entenküken übernommen. Eines Tages, als diese Entlein groß genug waren, um aus der Scheune zu watscheln, machten sie sich auf den Weg zum Teich und hüpften rein. Die Henne war ihnen gefolgt und ist vollkommen ausgerastet, als die Entlein in den Teich gehüpft sind – weil sie natürlich Angst hatte, sie würden ertrinken. Wir haben herzlich über die aufgeregte Henne gelacht, aber die Adoptivtochter sagte: „So fühle ich mich jeden Tag. Wie ein Entenküken, das von einer Henne großgezogen wird.“

Das klingt natürlich hart.

Hinzu kommt: Bei Scheidungen sehe ich oft, dass ein Elternteil schlecht über den anderen redet. Oft sind das die Frauen – in 80 Prozent der Fälle. Die Mutter mag dann denken, sie hat nur über ihren ehemaligen Partner schlecht geredet, aber das Kind schaut in den Spiegel, sieht die physische Ähnlichkeit mit seinem Vater und hört, dass dieser unzuverlässig ist, dass er sich nicht kümmert, dass er lügt. Und ihm wird klar, dass es ja zur Hälfte die Gene des Vaters geerbt hat, und fragt sich, ob diese Eigenschaften auch dazu gehören, und nicht nur sein Äußeres. Das schlechte Reden über einen Ex-Partner bei seinem Kind ist eine Form von Missbrauch, weil es auch immer ein schlechtes Reden über sein Kind ist.

Aus all dem muss man schlussfolgern, dass Scheidungen für Kinder eine noch größere Katastrophe sind als wir ohnehin schon wussten – richtig?

So ist es. Daher habe ich mich auch damit beschäftigt, was zu diesen hohen Scheidungsraten, die wir sehen, führt. Ich habe festgestellt, dass der größte Faktor hier die Unfähigkeit von Menschen ist, Kritik von denjenigen anzunehmen, die sie lieben, ohne gleich in eine Verteidigungshaltung zu wechseln. In meinen Workshops versuche ich also, Eltern beizubringen, diese Kritik zu ertragen, ohne sich verteidigen zu wollen. Das ist sehr schwierig, denn aus unserer Entwicklungsgeschichte heraus haben wir gelernt, dass Kritiker potentielle Feinde sind. Die Verteidigungshaltung ist daher eine natürliche, automatische Reaktion. Aber was für das Überleben zweckmäßig ist, funktioniert eben nicht in der Liebe.

Was kann man da tun?

Ich leite Paare daher dazu an, ein paar Stunden jede Woche darauf zu verwenden, den wichtigsten Anliegen des Partners zuzuhören. Sie müssen dafür einen liebevollen Rahmen schaffen, der so viel Sicherheit bietet, dass Kritik ohne Verteidigungsreaktion angenommen werden kann. Wenn ein Kind mitbekommt, dass Eltern auf diese Art und Weise Konflikte lösen, dann hat es eine Weise gelernt, mit Konflikten umzugehen, die kaum jemand anderes hat. Die Macht des guten Beispiels ist enorm. Es ist also ein enorm wichtiges Geschenk an unsere Kinder, vorzuleben, dass man das, was einen beschäftigt und umtreibt, mit dem Partner auf eine Weise besprechen kann, bei der er zuhört, ohne sich angegriffen zu fühlen. Das Kind lernt dabei, wie Unstimmigkeiten friedfertig gelöst werden können.

Aus Scheidungen resultieren alleinerziehende Eltern – dass die Abwesenheit eines Elternteils für Kinder problematisch ist, haben wir schon besprochen. Nun gibt es ja noch andere, neue Konstellationen von Eltern…

Für Kinder in solchen Familien ist es einerseits wichtig zu sehen, dass ihre Familiensituation – zwei Väter, zwei Mütter – etwas ist, das es gibt. Es gehört nun zur gesellschaftlichen Realität dazu. Es gibt jedoch einen sehr schmalen Grat, den man beachten muss: Das ist der Balanceakt zwischen die Realität erkennen einerseits, und diese gutheißen oder dafür zu werben andererseits. Wenn Menschen einem Verhalten folgen, das in der jeweiligen Kultur nicht weit verbreitet ist, wenn sie also von einer kulturellen Norm abweichen, dann ist das oft eine sehr selektive, sehr gut gebildete Gruppe von Menschen. Sie stecken wesentlich mehr Energie in diesen Teil ihres Lebens als andere das könnten. Was die Folgen für die Kinder betrifft, ist die Datenlage hier nicht so einheitlich. Es sind gemischte Daten: Je nachdem, welches Lager die Studie durchgeführt hat, scheinen die Fragen  so konzipiert zu werden, dass die Ergebnisse passen. Die liberalen Denker, die gleichgeschlechtliche Elternschaft für eine gute Sache halten, präsentieren Daten, die die Unbedenklichkeit für die Kinder untermauern – und umgekehrt.

Und was meinen Sie persönlich?

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass eine gleichgeschlechtliche Elternschaft weniger gut ist für Kinder als ein Elternpaar aus biologischem Vater und Mutter. Als Menschheit haben wir damit sehr lange Erfahrung, gleichgeschlechtliche Elternschaft ist etwas völlig Neues. Wenn ein Elternteil vom anderen Geschlecht fehlt, ist das zunächst einmal ein Defizit.  Es muss möglich sein, Vätern oder Müttern in gleichgeschlechtlichen Beziehungen, die Kinder großziehen, Wege aufzuzeigen, wie das trotz dieses Defizits gelingen kann – im Interesse der Kinder. Das heißt aber nicht, dass man diese Form der Elternschaft für gleichwertig hält.

Seit Jahrzehnten arbeitet der amerikanische Politikwissenschaftler und Dozent Warren Farrell zum Verhältnis von Männern und Frauen, zunächst in der feministischen Bewegung, später als Pionier der Männerbewegung. Er wurde von der Financial Times of London zu einem der 100 weltweit führenden Vordenker gewählt. Farrell gründete mehr als 300 Männer- und Frauengruppen und berät seit über 30 Jahren Paare und Psychologen in der Paarkommunikation. Der Autor hat zwei Töchter und lebt mit seiner Frau in Kalifornien.

 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Cornelia Kaminski

Weitere Artikel

Männer und Frauen scheinen in ihrem Wahlverhalten auseinanderzudriften. Doch entscheidet die Lebenssituation, wo frau ihr Kreuzchen setzt.
19.04.2024, 11 Uhr
Anna-Lena Bioly

Kirche