Muttertag

Trost gibt uns Geborgenheit

Das väterliche Narrativ erklärt nur die Welt, der mütterliche Trost ist lebensspendend. Vom Kern der Mütterlichkeit. Ein Muttertagsbillet.

Mutter und Töchter genießen den herrlichen Tag in den Allgäuer Bergen Junge Familie bei einem Spaziergang in traditionell
Trost spenden ist mehr als bloße Empathie, es ist eine Form der Liebe. Trost führt zurück in die Geborgenheit. Foto: Imago Images/Alexander Rochau

Hat die Gesellschaft verlernt oder vergessen, wie man tröstet und was Trost überhaupt heißt? Es sieht so aus. Der Diskurs der Begegnung in den (sozialen) Medien dreht sich um Hass, um Mobbing, um Stärkezeigen. Schon über Trost zu reden erscheint seltsam. Der Trostbedürftige gilt als Schwächling. Und dennoch bedarf jeder mal des Trostes. Trost gehört zum Leben, zum glücklichen Leben.

Die Klassiker haben sich darüber mehr Gedanken gemacht als die Zeitgenossen der vergangenen zwei Jahrhunderte. Schon in den Schriften Homers spielt Trost eine zentrale Rolle; für Seneca war es ein unverzichtbares Thema philosophischen Denkens; für Augustinus war es eine „übernatürliche Angelegenheit“, die weit über die Philosophie hinausging; für die mittelalterlich-christlichen Denker spiegelte sich darin Göttliches: Der Heilige Geist, der Tröster, heißt es bei Paulus oder beim Evangelisten Johannes und vom Trost ist in den Evangelien nicht selten die Rede, etwa in der Bergpredigt.

Mehr als bloße Empathie

Trost spenden ist mehr als bloße Empathie, es ist eine Form der Liebe. Trost führt zurück in die Geborgenheit. Er befreit aus der Enge existentieller Not und Trauer. Er schenkt Schutz. Er enthebt das Gemüt dem Gefühl von Schuld. Er entfaltet erlösende Kraft und befriedende Wirkung. Das sind keineswegs nur blasse Gedanken. Trost wirkt durch Taten, durch sinnliches Erleben. Das unausgesprochene Wort, die schweigende Präsenz, der verständnisvolle Blick, die sanfte Berührung, der leise Herzton der Mutter, vertraut aus neun Monaten Geborgenheit – all das vermittelt die Botschaft: Komm, hier ist Annahme, hier darfst Du ruhen, hier bist Du sicher, hier darfst Du sein wie Du bist, hier ist Leben.

Mütter spenden Trost

Mütter haben eine besondere Begabung, Trost zu spenden. Das mag an der emotionalen Bindung liegen, die schon in der Schwangerschaft heranreift. Das Kind hört die Stimme der Mutter, das Pochen des Herzens, es spürt Freude und Angst (wenn die Blutgefäße sich verengen und weniger Nahrung und Sauerstoff zum Kind gelangt). Natürlich können nach der Geburt auch Väter trösten, mit der tiefen Stimme und dem wiegenden, starken Arm. Aber Mütter vermitteln mehr Nähe durch den Hautkontakt beim Stillen, durch die glatten, weichen Wangen, durch die emotionale Symbiose von Leid, Glück und Zufriedenheit in den ersten Jahren des Kindes. Die Wissenschaft spricht von der Dyade, der Einheit zwischen Mutter und Kind. Das setzt sich – im Normalfall, den die Medienleute weder auf dem Schirm noch im Kopf haben – fort im instinkthaften Erkennen der Befindlichkeit des Schulkindes oder des pubertierenden Sohnes, der mit der Welt experimentiert oder der Tochter, die sich gerade selbst von der emotionalen Nabelschnur befreit. Die Experimente können schiefgehen und die Nabelschnur kann dicker sein als gedacht – in beiden Fällen braucht es Zuspruch und Trost.

Emotionale Mütterlichkeit

Das väterliche Narrativ erklärt nur die Welt, der mütterliche Trost ist lebensspendend. Natürlich brauchen die Kinder beides. Und wo ein Elternteil fehlt, kann der andere kompensierend wirken. Viel hängt vom Alter der Kinder oder Heranwachsenden ab. Es kommt aber nicht von ungefähr, dass in den allermeisten Kulturen dieser Welt die Mütter sich mehr um die emotionalen Bedürfnisse der Kinder kümmern. Väter tun sich da manchmal etwas schwerer, früher übrigens noch ungleich viel schwerer als heute. Die Erfahrung der mütterlichen Selbstlosigkeit jedenfalls ist für die Kinder von enormer Bedeutung. Sie spendet nicht nur momentanen Trost, sondern auch Vertrauen in das Leben. Die Stiftung dieser Grunderfahrung – die Psychologie spricht von Urvertrauen – ist, wie Robert Spaemann schrieb, „das Wichtigste, was Erziehung überhaupt zu leisten hat. Denn wer auf eine Erinnerung an eine heile Welt zurückgreifen kann, wird leichter mit der unheilen fertig“. Deshalb ist die selbstlose Liebe der Mutter auch die erste Erfahrung mit Gott.

Die Bedeutung des Urvertrauens

Die Stiftung des Urvertrauens ist nicht nur für das Kind elementar, sie ist es auch für die Gesellschaft. Trost spenden, die Erfahrung des Getröstet-Werdens verankert im Kind die Fähigkeit zur Empathie. Genau das fehlt der Gesellschaft heute. Empathie ist mehr als Mitleid und wahrer Trost weist auch über einen momentanen Schmerz hinaus. Die Kraft des Tröstens komme darin zum Tragen, schreibt der spanische Philosoph Rafael Alvira, dass der Tröstende dem anderen zutraut, den Schmerz zu überwinden und der Kern des Trostes liege eben genau in diesem Zu- und Vertrauen. Es ist ein Vertrauen ohne Rückversicherung. Dieses Vertrauen schafft existentielle Gemeinsamkeit, es formt ein zeitloses Fundament der Freundschaft, „es erfüllt“ (R. Alvira). „Trösten ist das Tiefste, was ein Mensch tun kann, und wer wahrhaft getröstet ist, erlebt Vollkommenheit“. Denn er vergisst den Schmerz nicht, er bewältigt ihn und wird so existentiell bestätigt.

Manchen mag das zu viel Interpretation von Mütterlichkeit sein. Sie sollten sich fragen, ob sie verstanden haben, was Liebe ist. Kein geringerer als Thomas von Aquin vergleicht die Mutterliebe mit der Gottesliebe, weil „die Mütter mehr daran denken, zu lieben als geliebt zu werden“. Daran darf man zum Muttertag auch mal erinnern.

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