Würzburg

Spielend durch die Pandemie

Im Herbst steigt, umsomehr in Corona-Zeiten, die Sehnsucht nach einer gemütlichen Familienrunde. Gesellschaftspiele haben Hochkonjunktur.

Gesellschaftsspiele
Gesellschaftsspiele erfreuen sich einer großen Nachfrage.

Noch nie wurden in Deutschland so viele Gesellschaftsspiele verkauft wie in diesem Jahr. In Zeiten von Hyperindividualisierung und Digital Lifestyle ist es beruhigend zu sehen, dass Familienmitglieder und Freunde sich am heimischen Tisch einfinden, um einen gemeinsamen Abend zu verbringen. Wenn die Tage kürzer werden und der Frost die Blätter bunt färbt, steigt die Sehnsucht nach einer gemütlichen Runde, in der man mit Karten und Würfeln verweilt. Unser Autor stellt einige dieser Spiele vor.

Spiele für Kinder

Wo es weniger um strategische Überlegungen, als vielmehr um Fingerfertigkeit oder das Merkvermögen geht, haben Kinder beim Spielen oft die Nase vorne. „Riff Raff“ von Christoph Cantzler (Zoch) schaffte es vor Jahren auf die Nominierungsliste von „Spiel des Jahres“ und ist noch heute der ungeschlagene Hit, wenn es darum geht, die Balance zu halten: Ein Holzschiff mit hoher Takelage und tiefem Schwerpunkt hängt in den Wellen und muss wechselweise mit Fässern, Kisten und anderer Fracht beladen werden. Zu erspüren, an welcher Stelle das Gleichgewicht der Kräfte liegt, erfordert Geschick, Erfahrung und viel Geduld.

Beim „Tal der Wikinger“ von Wilfried und Marie Fort (Haba) gilt es nicht nur verschiedenfarbige Kegel umzustoßen, sondern auch zu überlegen, welche Figuren zum Zug kommen sollen. Auch bei „Speedy Roll“ von Urtis Sulinskas (Piatnik) sind Handfertigkeit und kluges Handeln gefragt: Als Eichhörnchen sammelt man mit einem Ball Vorräte für den Herbst, die dank Klettverschluss haften bleiben. Je nachdem, welche Früchte ergattert werden, kann man auf den unterschiedlich langen Pfaden den Gegner überholen. Diese beiden Veröffentlichungen beeindrucken durch ihre liebevolle Gestaltung – das eine wurde 2019, das andere 2020 zum Kinderspiel des Jahres gekürt.

Preisgewinner „Andor Junior“

Gewinner des deutschen Kinderspielpreises 2020 ist „Andor Junior“ von Inka und Markus Brand (Kosmos), die Einstiegs-Version des gleichnamigen Klassikers, bei dem es Abenteuer gemeinsam zu bestehen gilt. Da „Andor Junior“ ein kooperatives Spiel ist, unterstützen die erwachsenen Mitspieler die kleinen Helden und helfen, dass der böse Drachen nicht die Burg zerstört.

Brandneu kam das Reaktionsspiel „Polar Panic“ von Martin Anderssen (Amigo) auf den Markt, bei dem alle gleichzeitig nach Meeresbewohnern fischen, die in Eislöchern auftauchen. Um die Jagd im Wasser geht es auch bei „Grizzley – Lachsfang am Wasserfall“ von Anna Oppolzer (Amigo). Ein ausgeklügelter Mechanismus lässt den Fluss plättchenweise abwärts fließen, während Lachse in umgekehrter Richtung nach oben schwimmen und man versuchen muss, so viele wie möglich davon zu fangen, ohne vom Wasserfall mitgerissen zu werden.

Spiele für die Familie

Siedler von Catan“ von Klaus Teuber (Kosmos) kam vor 25 Jahren auf den Markt, revolutionierte damals die Spielewelt und wird derzeit in einer Jubiläumsbox mit vielen Erweiterungen zu einem günstigen Preis angeboten. Auf einer aus Sechsecken bestehenden Insel gilt es, die Bodenschätze zum Bau neuer Dörfer, Städte, Straßen und Schifffahrtsverbindungen einzusetzen.

Der Klassiker wurde mehr als 30 Millionen Mal verkauft, in über 40 Sprachen übersetzt und in über 70 Ländern verlegt. Um wirtschaftliche Macht geht es auch beim „Meister der Renaissance“ von Simone Luciani (Cranio Creations/Heidelbär), wobei hier der christliche Glaube eine Rolle spielt. Das eigene Unternehmen wird zunächst mit Waren aufgebaut, welche man über einen intelligenten Murmel-Mechanismus erwirbt und mit denen man sich dann Karten kauft, die weitere Zugriffsmöglichkeiten sichern. Neben Handel und Entwicklung darf man jedoch keinesfalls sein Glaubensleben vernachlässigen. „Meister der Renaissance“ ist ein gut durchdachtes, flottes Spiel, bei dem man gerne eine Revanche nach der nächsten fordert.

Industrie und Kirchenbau

My City“ von Reiner Kniza (Kosmos) lebt ebenfalls davon, mehrfach gespielt zu werden. Von Partie zu Partie kommen neue Regeln dazu, Materialien und Tableaus werden durch Bekleben verändert, neue Herausforderungen verlangen ständig andere Taktiken. „My City“ ist ein Legacy-Spiel, bei dem Entscheidungen den Gang der Kampagne beeinflussen. In 24 Sitzungen treten vier Spieler immer wieder gegeneinander an; auf dem Weg zur Metropole werden Bäume gefällt und Minen gegraben, nach Gold geschürft und Eisenbahnen gebaut, doch ist nicht nur die Industrielle Revolution bedeutsam, sondern auch der Bau von Kirchen.

Um die Gestaltung von Landschaften geht es auch in „Der Kartograph“ von Jordy Adan (Pegasus). Ähnlich wie in „My City“ muss man Vielecke in das bereits angelegte Terrain einfügen, hier allerdings nicht durch Papp-Marker, sondern mit einem Bleistift auf einem Papierblock. Das planerisch sehr herausfordernde Spiel ist etwas für Tüftler und kann auch in großen Gruppen gespielt werden.

Wer die Wahrscheinlichkeit im Kopf mühelos überschlägt, vor schaurigen Kreaturen keine Angst hat und Würfelspiele wie „Yahtzee“ liebt, kann es auch mit „Monster Expedition“ von Alexander Pfister (Amigo) versuchen. Abhängig davon, ob man zu Land, im Wasser oder der Luft auf die Pirsch geht, darf man andere Würfel benutzen und vermag unterschiedliche Ungeheuer zu jagen. Je erfolgreicher man dies tut, desto aussichtsreicher sind die Chancen, beim nächsten Mal ein noch exotischeres Exemplar zu fangen. Wer Spiele mit außerordentlichen Mechanismen sucht, wird bei Alexander Pfister immer aufs Neue überrascht. Nach Kennerspielen wie „Mombasa“, „Great Western Trails“, „Maracaibo“ und „CloudAge“ brachte der Erfolgsautor mit „Monster Expedition“ ein schnelles Familienspiel auf den Markt.

Für Kenner und Experten

Manche Menschen suchen beim Spiel vor allem die Unterhaltung, andere die Herausforderung. Umfangreiche Regeln, subtile Gestaltungsmöglichkeiten und das Entwickeln von verwinkelten Zugkombinationen sind Merkmale von Kennerspielen. „Die Crew“ von Thomas Sing (Kosmos) erscheint zunächst wie ein Skat-ähnliches Karten-Stich-Spiel, doch es weist Legacy-Elemente auf und wird von Runde zu Runde anspruchsvoller. Nach dem Aufbruch ins Weltall muss „Die Crew“ immer vertracktere Aufgaben lösen, die nicht nur die Triebwerke zum Glühen bringen, sondern auch alles, was sich unter der Schädeldecke befindet. Nach dem raschen Einstieg gilt es, eine harte Nuss nach der nächsten zu knacken. Für dieses komplexe Rätselvergnügen bekam „Die Crew“ 2020 den Spiel des Jahres Preis für Kennerspiele.

Mit auf der Auswahlliste waren auch das kommunikationsorientierte „The King's Dilemma“ von Lorenzo Silva (Heidelbär), wo Berater miteinander abwägen müssen, welche Unwägbarkeit für den Herrscher die geringsten Risiken bergen. Das grandiose „Paladine des Westfrankenreichs“ (Schwerkraft), ein Strategiespiel, bei dem man mit Rittern und Mönchen Eindringlingen wehrt (und welches bereits in der „Tagespost“ empfohlen wurde), landete ebenfalls auf der Nominierungsliste.

Postulanten ins Kloster schicken

Unser Favorit für das Kennerspiel 2021 ist „Monasterium“ von Arve D. Fühler (dlp). Das Spiel wird im November erscheinen, doch hatte ich bereits vor Veröffentlichung die Möglichkeit, es mir von dem Autor persönlich erklären zu lassen. Jeder Spieler leitet eine Domschule, von der aus er Postulanten in ein Kloster entsendet, die dort im Kreuzgang oder der Kapelle beten und verschiedenen Gewerken nachgehen. Ein äußert anmutiges Kennerspiel mit einem runden Regelsystem. Weitere Überraschungen, die kurz vor Weihnachten erscheinen, sind eine Erweiterung von „Orleans Stories“ (Dlp) sowie zwei Titel vom Marktführer Kosmos, nämlich das kommunikative Erwachsenenspiel „Greenville 1989“, wo es abzuschätzen gilt, wie der schauderhafte Alptraum des Mitspielers weitergeht, sowie das Handelsspiel „Anno 1800“.

Im Gegensatz zur digitalen Unterhaltung bleibt bei Brettspielen noch genügend Raum für Phantasie und Kommunikation. Kinder entdecken spielerisch die Welt und durch das gemeinsame Tun können Eltern an den Abenteuern ihrer Töchter und Söhne teilhaben. Während die Alten durch ein Spielbrett imaginäre Weiten entdecken, lernen die Jungen durch Regeln Grenzen kennen. Karten und Würfel bringen unterschiedliche Generationen zusammen. Das Weihnachtsfest bietet eine gute Gelegenheit, um Spiele zu verschenken.

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