Leben in der Pandemie

Pfadfinder finden einen guten Weg

Die Katholische Pfadfinderschaft Europas zeigt, dass Jugendarbeit auch in Zeiten von Corona funktioniert.

Pfadfinder
Die Pandemie macht zwar vieles unmöglich. Dennoch liegen die Katholischen Pfadfinder Europas nicht auf der „faulen Haut“: im Gegenteil. Foto: Imago Images

Bei Minusgraden prasselt auf dem freien Platz vor der Kolpinghütte mitten im Steigerwald in der Feuerschale ein Lagerfeuer. Mehrere Familien aus ganz Franken haben sich zur kurzfristig angebotenen Jahresabschlussmesse der Katholischen Pfadfinderschaft Europas eingefunden. Das Feuer wärmt ebenso wie das Ambiente die Gemüter. Gerade noch rechtzeitig tauchen in der Dämmerung einige junge Männer auf, die nun ihr Ziel erreicht haben. 25 km einer abenteuerlichen Wanderung mit Karte und Kompass liegen hinter ihnen, auch so manch freundliche Begegnung in den Dörfern auf dem Weg.

Lagerfeuer
Die oft beschriebene Lagerfeuerromantik ist in Pandemiezeiten ebenfalls ein reduziertes Ereignis. Foto: photoauszeit.de/wu

„Familie first“

„Krise ist normal“, erklärt P. Tobias SJM in seiner Predigt. „Aber Familie first“! Der Pater hat dazu auch einen Tipp parat: Er regt an, sich in der Familie Zehn-Minuten-Gutscheine auszustellen, zu jeder Zeit einlösbar, und womit der große oder kleine Inhaber des Gutscheines sich wünschen kann, was zu zweit in den kostbaren zehn Minuten gemacht wird. Gegen 19 Uhr endet die Veranstaltung, so dass alle rechtzeitig vor der um 21 Uhr in Bayern beginnenden Ausgangssperre zu Hause sein können.

Viele Familien schauen mit großer Dankbarkeit auf ein ereignisreiches Jahr zurück, in dem trotz besonderer Umstände und regelmäßig wechselnder Vorschriften einfallsreich und fantasievoll die Jugendarbeit der Pfadfindergruppen fortgeführt und auch der Kontakt zu den Familien gehalten wurde. Im Frühjahr mussten zunächst alle Aktivitäten pausieren. Das war die Geburtsstunde der „Neuigkeiten aus dem Dschungel“: ein wöchentliches Heft für die Kinder der Wölflingsstufe im Alter von 7–11 Jahren, das drei Monate lang online verschickt wurde. Neben Rätseln und Witzen gab es Bastelideen, Themen zur Natur und zum religiösen Leben. Die Serie über das Wetter erklärte zum Beispiel, woher der Wind weht, und lud die Kinder zur Wetterbeobachtung ein. Selbst deutschlandweite Brieffreundschaften entstanden in dieser Zeit, angeregt und vermittelt durch die Autoren der Zeitschrift. Und im großen WKGN (Wölflingskrisengebetsnetz) machten schließlich etwa 100 Kinder mit.

Austausch am Bildschirm

Die Pfadfinderstufe stieg gleich auf Online-Treffen um, die Jugendlichen im Alter von 11–17 Jahren tauschten sich nun über den Bildschirm aus. Eine unschätzbar wertvolle Zeit, waren doch alle Kontakte zu Gleichaltrigen, die in dieser Altersphase so wichtig sind, wegen der Pandemie gleichsam über Nacht weggebrochen. „Es war spannend zu überlegen, was wir pfadfinderisch auf diesem Weg machen konnten – eine gute Herausforderung neben der Schule“, resümiert Valentin. „Unser Treffen blieb ein fester Punkt in der Woche und gab uns Struktur“, erinnert er sich.

Wiedersehen am Desinfektionsstand

Statt der geplanten Familienwanderung wurde im Mai nach dem wochenlangen Verbot der Gottesdienste eine „Stammesmesse“ in der Fränkischen Schweiz angeboten. Der Kurat, P. Markus SJM, reiste extra aus Österreich an, nachdem die Bedingungen des Grenzübertritts geklärt waren. Aufgrund des großen Interesses feierte er schließlich zwei Freiluftgottesdienste im malerischen Innenhof eines in Privatbesitz befindlichen Schlosses. Natürlich ging das nur mit vorheriger Anmeldung und passender Bestuhlung, bei der die vorgeschriebenen Abstände eingehalten wurden, sowie ausreichender Pause zwischen den beiden Gottesdiensten.

„Endlich sehen wir Euch mal wieder, zumindest aus der Ferne!“, freute sich Stefan, einer der Väter, beim Desinfektionsstand. Danach konnten jeweils zwei Familien gemeinsam noch etwas in der aufblühenden Natur unternehmen.

Sommerlager waren möglich

Mit zunehmenden Lockerungen wurden Gruppentreffen schließlich wieder möglich, und auch Sommerlager konnten unter Einhaltung der Vorschriften stattfinden. Aber schon im Herbst endete dieser leichte Hauch von Normalität, erneut wurden die Vorschriften strenger. Der Bayerische Jugendring rief jedoch dazu auf, die Jugendarbeit unbedingt fortzuführen. In Absprache mit dem Jugendring und der Corona-Hotline der Bayerischen Staatsregierung konnten die Leitungen der Pfadfinder festhalten, dass ihr Angebot als sogenannte außerschulische Bildung weiterhin zulässig war. So blieben die Pfadfinder und Pfadfinderinnen weiterhin aktiv, während die jüngeren Kinder, bei denen Gruppenstunden unter Einhaltung der vorgegebenen Abstände nicht leicht möglich sind, jetzt wieder pausierten.

Als auch die außerschulische Bildung verboten wurde, also Fahr- und Musikschulen sowie Büchereien schließen mussten, wurden die Pfadfinder von München als feste Spielgruppe eingestuft: ein Betreuungsangebot für Kinder und Jugendliche in festen Gruppen von maximal zehn Personen, selbstverständlich mit Desinfektionsmitteln, Masken und Anwesenheitslisten.

Die traditionelle Waldweihnacht mit Aufbau der großen Jurte, gemeinsamen Spielen, Tschai und Plätzchen konnte zwar in dieser Form nicht stattfinden. Aber unter dem Motto „Folgt dem Stern – auf dem Weg nach Bethlehem“ gab es im Freien einen Stationenweg mit Impulsen.

Familien unterwegs

Jeweils zwei Familien waren gemeinsam unterwegs, lauschten fasziniert der Geschichte, die ein Hirte am Feuer erzählte, schrieben Weihnachtskarten oder ließen Weihrauch als stilles Gebet zu den Klängen meditativer Musik aufsteigen. Gerne schmückten die Kleinsten einen Baum im winterlichen Wald mit Leckereien für die Tiere und folgten dem Weg zur Lichtung, bei der eine große Holzkrippe mit dem Licht von Bethlehem auf sie wartete und die abschließende Messe mit dem Kuraten stattfand.

Das erste Corona-Jahr war hart. Aber die Familien mit den Kindern und Jugendlichen blicken dennoch hoffnungsvoll in die Zukunft: Auch bei unterschiedlichen Beschränkungen kann und wird es mit katholischer Jugendarbeit weitergehen.

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