Würzburg

„Ohne Familie geht nichts“

Warum Kitas und Grundschulen bald wieder geöffnet werden.

Bei der Wiedereröffnung der Kitas geht es nicht um das Wohl der Kinder
Bei der Wiedereröffnung der Kitas geht es nicht um das Wohl der Kinder, sondern um die Produktivität der Eltern. Foto: dpa

Deutschland ist, familienpolitisch gesehen, ein neokapitalistisches oder auch marxistisches Land. Beide Ideologien geben der Produktion Vorfahrt vor der Familie. Das ließ sich auch in der jüngsten Debatte des Bundestages und die medialen Einlassungen der Politik über die Wiedereröffnung von Kitas und Schulen beobachten. Die Grünen fordern ein „Corona-Elterngeld“, Familienministerin Franziska Giffey hält die Lage für die Eltern für „untragbar“ und die Linke will schlicht eine hundertprozentige Ersatzleistung für Eltern, die wegen geschlossener Kitas und Schulen ihre Kinder zuhause betreuen müssen und deshalb nicht ihrem Erwerbsberuf nachgehen können.

Eltern, die keinem Erwerbsberuf nachgehen, sondern auch vor Corona schon sich der Erziehung der Kinder widmeten, kommen in den Überlegungen und Forderungen nicht vor; entscheidend für das rot-rot-grüne Lager ist nicht die Erziehungsleistung der Eltern, sondern ihr Erwerbsberuf. Oder wie Marx und Engels es als Ziel forderten: „Die Pflege und Erziehung der Kinder wird öffentliche Angelegenheit“, die Erziehung „sämtlicher Kinder in Nationalanstalten und auf Nationalkosten“.

Ohne Eltern keine Kinder, ohne Kinder keine Zukunft

In diesem Kontext brachte der FDP-Abgeordnete Grigorios Aggelidis den überraschend klaren und auch die Beiträge der Union in den Schatten stellenden Beitrag, als er sagte: „Für uns ist jede Familie systemrelevant. Ohne Familien, ohne Eltern keine Kinder und ohne Kinder keine Zukunft. (hier verzeichnet das Protokoll des Bundestages Beifall bei der FDP) Das ist eine relativ einfache Gleichung. Es stimmt: Pflegeberufe, Ärzte, Polizisten und viele andere Berufsgruppen sind im Wirtschaftsleben und in der Aufrechterhaltung unserer gesellschaftlichen Ordnung und unserer Wirtschaft tatsächlich systemrelevant, aber eben so, wie ich es gesagt habe: Ohne Eltern, ohne Familien geht nichts. Sie müssen die Hauptlast tragen. Sie müssen arbeiten, lehren, betreuen – alles zusammen. Sie müssen – auch darauf haben Eltern und Familien Anrecht – ein Familienleben, eine Partnerschaft führen.“

Die Wirtschaft zielt auf die Erwerbsleistung der Eltern

Das hört man von Regierungsseite nicht. Und auch in den meisten Medien wird die Kita-Frage nur als Problem für die Eltern dargestellt, die von den Kindern daran gehindert werden, der heiligen Kuh namens Beruf Tribut zu zollen. Die WELT stellt Eltern vor, die darüber klagen, dass sie weder ihrem Kind noch dem Beruf gerecht werden könnten. Mehr noch: In einem Artikel in der ZEIT wird sogar suggeriert, dass Eltern eine Bedrohung für das Kindeswohl seien. Kinder nähmen schweren Schaden, wenn sie zu lange mit ihren Eltern alleine zuhause sind.

Mit anderen Worten: Vater, Mutter und Kinder gelten in linksliberalen Journalistenkreisen schon als Risikokonstellation. Es handelt sich in der Regel um jene Kreise, in denen Kinder ziemlich selten sind und die als repräsentativ gelten können für eine nachweisbare Zahl: 70 Prozent der Journalisten sind kinderlos. Eine ähnlich hohe Prozentzahl erreicht sonst nur noch ein Beruf, der allerdings mehr Kompetenz in Sachen Kindeswohl beanspruchen kann als Journalisten: Sozialarbeiter.

Systemrelevanz als Kriterium

Man darf jedenfalls damit rechnen, dass Kitas und Grundschulen bald wieder ihren Betrieb aufnehmen werden. Dafür werden die Funktionäre der Wirtschaftsverbände im Chor mit den Medien sorgen. Denn es geht nicht um das Kindeswohl, sondern um Produktion und Effizienz. Hinzu kommt, dass Kinder und Jugendliche kaum an Corona erkranken und das Statistische Bundesamt dagegen darauf hinweist, dass vor allem Ältere und Hochbetagte gefährdet sind. Aufs Ganze gesehen ist das nicht besonders beruhigend: Rund 18, 3 Millionen Menschen in Deutschland sind älter als 65 Jahre, fast sechs Millionen haben die Achtzig überschritten. Da diese Gruppen für die Produktion oder das System kaum relevant sind, kann man ohne prophetische Gaben voraussagen: Altenheime werden später geöffnet werden für Besuche als Kitas.

Lohnersatzanspruch endet

Der Druck zur Öffnung hat freilich neben der ideologischen Motivation in Politik und Medien und dem Interesse der Wirtschaft auch eine ganz reale, familiäre Ursache: Bei Kindern unter zwölf Jahren im eigenen Haushalt haben berufstätige Eltern oder Alleinerziehende einen Anspruch darauf, für die Pflege ihres kranken Kindes von der Arbeit freigestellt zu werden, bezahlt nach § 616 BGB oder notfalls unbezahlt nach § 45 SGB V. Eine unbezahlte Freistellung hunderttausender erwerbstätiger Eltern im Zuge des Corona-Stillstands überfordert viele Familien. Deshalb hat der Bundestag bei der Neufassung des Infektionsschutzgesetzes einen Lohnersatzanspruch für Eltern von Kindern unter zwölf Jahren geschaffen. Er beläuft sich auf 67 Prozent des Nettoeinkommens bis zu einem Maximalbetrag von 2016 Euro und wird für längstens sechs Wochen gezahlt.

Diese sechs Wochen nähern sich jetzt dem Ende. Und die Regierung Merkel, die nie viel übrig hatte für Ehe und Familie, entdeckt nun ihr Interesse für diese Bevölkerungsgruppe.

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