Saarbrücken

Mehr Mutterliebe zulassen!

Ein gesellschaftliches Defizit wird manifest. Eine kleine Bücherlese verbunden mit einem Appell.

Mutter mit Kind
Mütterliche Liebe und Zuwendung sind wichtig für die Entwicklung eines Kindes. Foto: Marcus Führer (dpa)
Hans Sachs: Die Mutterlieblose Gesellschaft
Hans Sachs: Die Mutterlieblose Gesellschaft. Gera 2020, ISBN 978-3-946964-39-1, 25,90. Foto: Garamond

Der schweizer Philosoph und Gesellschaftskritiker Dieter Thomä hält Elternsein für eine „riskante Lebensform“. Noch riskanter ist offensichtlich das Muttersein. Kaum einem Beruf schlägt soviel Missachtung in Politik und Medien entgegen, angefangen bei der Ausbeutung der Erziehungsleistung und des Familienmanagements bis hin zur gesellschaftlichen Ächtung ihrer Haus-Arbeit, Stichwort Herdprämie. Dagegen wenden sich seit einiger Zeit nicht nur Mütter als Autoren, sondern zunehmend auch Therapeuten und Ärzte. Sie erleben es hautnah, die Mütter kommen zu ihnen in die Praxis.

Gegen das Mobbing der Gesellschaft

Katharina Pommer zum Beispiel ist Familientherapeutin mit Schwerpunkt Bindungstherapie und zeigt in ihrem Buch „Stop Mom shaming“, wie sich, so der Untertitel, „Mütter gegen Besserwisserei, ungebetene Ratschläge und ungerechtfertigte Kritik zur Wehr setzen“ können. Gegen das gesellschaftliche Mobbing setzt sie Gelassenheit und Selbstbewusstsein. Viele Mütter stünden unter großem innerlichen Druck, der sich auf ihren Gesundheitszustand, ihre Psyche und ihren Selbstwert auswirke. Hier setzt auch Karella Easwaran an. Sie beobachtet in ihrem Buch („Das Geheimnis ausgeglichener Mütter – Starke Mütter, starke Familien, starke Gesellschaft“) das „unglaubliche Engagement“ der Mütter, ihren unermüdlichen Einsatz 24 Stunden rund um die Uhr, oft ohne Rücksicht auf sich selbst. Diese permanenten Herausforderungen führten zu „schlaflosen Nächten, Missverständnissen in der Partnerschaft, Probleme bei der Arbeit oder in der Betreuung der Kinder“. Das wiederum führe zu dauernden Sorgen und Ängsten und lasse die Mütter „chronisch ermüden. Über die Jahre hinweg stelle ich schließlich fest, wie fatal sich die Belastung der Mütter auf die Familien auswirken kann. Häufig dauert die Situation so lange an, bis die Mutter krank wird und damit ein körperliches oder psychisches Alarmsignal sendet – dann endlich kommt Hilfe. Sie kommt aber oft viel zu spät.“

Die Belastung nimmt zu

Die enorme Belastung der Mütter und ihr Stress hätten, so beide Autorinnen, in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Das hänge auch mit der Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen zusammen. Berufsausbildung, Studium und Berufseinstieg nehmen bei Frauen heute mehr Zeit in Anspruch, sie bekommen oft später Kinder. In der Tat ist das Durchschnittsalter bei der ersten Geburt seit Jahrzehnten ständig gestiegen und liegt heute bei 30,1 Jahren. Dadurch verdichtet sich die Zeitspanne von Karriereplanung, Heirat und Familiengründung, was viele Paare unter Druck setzt. Gleichzeitig seien die Erwartungen, konstatiert die Kinder- und Jugendärztin Easwaran, an eine gelungene Eltern- und Partnerschaft gestiegen. „Mit angemessener Anerkennung und Unterstützung aus ihrem Umfeld können Mütter nicht immer rechnen. Im Gegenteil: Auch wenn ihre Lebenspartner, Eltern und Arbeitgeber es eigentlich gut meinen, müssen sich Mütter nicht selten Aussprüche anhören, die sie erniedrigen und klein machen. Sie werden als chaotisch und labil bezeichnet, als gehetzt und unorganisiert. ,Sie hat nichts im Griff‘, heißt es schnell, wenn sich ihr Kind im Supermarkt vor Trotz mal schreiend auf den Boden wirft, oder wenn das Kind wieder einmal krank ist und sie deshalb nicht zur Arbeit kommen kann.“

„Wir können jederzeit entscheiden und einüben, ob wir die Welt mit einem optimistischen oder pessimistischen Blick betrachten wollen.“ Karella Easwaran

Die Sensibilität für den übergroßen Stress der Mütter und dessen Auswirkung auf ihre Gesundheit kommt erst langsam im gesellschaftlichen Bewusstsein an, zum Beispiel beim Thema postnatale Depression oder der leichteren Form des „Baby-Blues“. Tatsächlich ist für Mütter die Gefahr auszubrennen höher als für Spitzenmanager. Die Folgen von chronischem Stress reichen von Erschöpfungszuständen bis hin zu Depressionen, Burn-out und langfristig Demenz. Easwaran hat zur Stresslinderung in ihrem Fachstudium Geist–Körper–Medizin an der Universität Harvard/ USA eine Methode entwickelt. Sie heißt „beneficial thinking“. Sie geht davon aus, dass „wir in der Lage sind, unsere Denkgewohnheiten zu verändern. Wir können jederzeit entscheiden und einüben, ob wir die Welt mit einem optimistischen oder pessimistischen Blick betrachten wollen. Genau hier setzt das Beneficial Thinking an. Durch bestimmte Übungen verändern wir die Art und Weise, wie wir in unserem Mittelhirn die einlaufenden Informationen interpretieren. Erlernte Denkweisen, die nicht vorteilhaft sind, werden immer schwächer und verschwinden mit der Zeit; neues, vorteilhaftes und vorwärts gewandtes Denken ersetzt das alte. Das passiert nicht über Nacht. Es braucht ungefähr drei Monate, bis eine neue Gewohnheit zuverlässig eingeübt ist.“

Fremdbetreuung verursacht Verhaltenstörungen

Einen anderen Ansatz verfolgen die Psychotherapeuten Christa Meves und Hans Sachs. Die bekannte und nach wie vor aktive Grande Dame der Mutter- und Kinderseelen geht von der engen Beziehung zwischen Mutter und Kleinstkind aus. Diese Beziehung ist für beide eine entscheidende Größe. Meves schreibt: „Die Fremdbetreuung im Baby- und Kleinkindalter verursacht fast immer Verhaltensstörungen, mag die Krippe noch so gut sein.“ Negative Auswirkungen durch Nicht-Bindung der Kinder sind „kein alleiniges Argument warnender Fachleute. Heute haben wir durch die Hirn- und Hormonforschung einen total verfestigten Zuwachs an Wissen über die Entfaltungsbedingungen des Menschen bekommen.“

Christina Meves: Mütter heute
Christina Meves: Mütter. Stein a. Rhein/CH 2020, ISBN 9783717112167, ? 2,–. Foto: fe-Medien

Die Schlussfolgerung liege auf der Hand: Familie dürfe in keinem Staatswesen vernachlässigt werden. „Und eine negative Einstellung zur Frau als Mutter darf deshalb auch nicht von einer schweigenden Mehrheit gutgeheißen werden.“ Kinder, so schreibt sie in ihrem neu aufgelegten Büchlein „Mütter heute“, das im FE-Verlag schon für zwei Euro zu haben ist, „bedürfen der selbstlosen Liebe der Mütter mit starken Vätern an ihrer Seite. Doch dieses instinktive Wissen um warmherzige Liebe für ihre Kinder ist bei gesunden Frauen ohnehin schon von Natur aus in ihnen vorhanden. Wir brauchen nur unseren natürlichen Impulsen nachzugehen, dann verhalten wir uns auch, wie sich das unser Schöpfer gedacht hat, als er die Menschen schuf, und mit seinem Segen belohnt, wenn das von wissenden, verantwortungsbewussten Gesellschaften verwirklicht wird.“

Ohne Mütter lässt sich nicht leben

Die unzureichende, ja, gefährlich falsche Mainstream-Einstellung hierzulande habe sie im 96. Lebensjahr „noch einmal dazu gebracht, nun angesichts der allgemein sichtbar werdenden Minderungen gesunder Lebensentfaltung allen noch einmal die Wahrheit zuzurufen: Wer die Mütter entwertet, beraubt und vergisst, zerstört das Gedeihen der gesamten Gesellschaft! Von allen sollten die Mütter geachtet und dankbar respektiert werden, denn ohne ihre Anerkennung geht es nicht! Nur so können sie in fröhlicher Opferbereitschaft gelebte Liebe und Wärme ausstrahlen. Ohne Mütter lässt sich nicht leben, ohne ihre Unermüdlichkeit gibt es keine Zukunft!“

Der an der Universität Saarbrücken lehrende Frauenarzt und Psychotherapeut Hans Sachs hat in seinem jüngsten Buch „Die mutterlieblose Gesellschaft – eine Notwehr“ auch untersucht, warum Politik und Gesellschaft die doch bekannten Erkenntnisse über die Folgen mangelnder Bindung so eklatant verdrängen. Natürlich tragen die von den meisten Medien gedankenlos unterstützten Ideologien wie Genderismus, radikaler Feminismus und überhaupt der Dekonstruktivismus hier erheblich zur massenhaften Verdrängung bei. Hans Sachs diagnostiziert in gewissem Sinn ein kollektives Borderline-Syndrom durch mentale Abspaltung katastrophaler oder für den Einzelnen nicht veränderbarer Vorgänge. Sachs schreibt: „Der Genderwahn ist eben ein Wahn, Zeichen einer ernsten psychischen Erkrankung mit dem Leitsymptom der Pseudogia fantastica, eine pseudowissenschaftliche Entstellung der sozialen Wirklichkeit.“

„Die emotionale Person (Identität) entwickelt sich konstant nur in einer Bindung an eine liebevoll zugewandte Person.“ Hans Sachs

Zahlreiche Autoren zitierend fasst Sachs die Notwendigkeit von Bindung in den ersten 36 Monaten zusammen: „Die Mutter begründet das Selbstwertgefühl ihres Kindes, sie übt mit ihm kooperative Handlungsfähigkeit ein und begrenzt seinen Größenwahn durch ihr reales Handeln. Fehlt diese Entwicklung nachdrücklich, resultiert eine materielle und ideelle suchtartige Gier als zerstörerische Plünderung des Planeten und Machtwahn sozialistischer, religiöser und anderer Ausprägung. Vor allem begründet sie im Baby seine emotionale Reaktionsfähigkeit, seine Frustrationstoleranz und seine Empathiefähigkeit. Die emotionale Person (Identität) entwickelt sich konstant nur in einer Bindung an eine liebevoll zugewandte Person, i.a. die Mutter. Deshalb sind wechselnde Betreuungspersonen für ein Kleinstkind so schädlich, deshalb sollten Krippen und evtl. auch Kitas gemieden werden.“

Mutterliebe nicht zu überschätzen

Alle Mütter-Bücher zeigen: Der Wert mütterlicher Zuwendung und Liebe ist nicht zu überschätzen. Er ist absolut notwendig, für den Einzelnen und wenn man eine gesündere Gesellschaft aufbauen will. Nur: Wer sagt es den verblendeten Politikern und Journalisten? Eigentlich wäre das, gerade in der Adventszeit, auch Teil der Frohen Botschaft, mithin eine Aufgabe der Kirche.

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