Zürich

Kleider machen Lehrer

Warum die Berufskleidung der Pädagogen großen Anteil am schulischen Erfolg hat, denn auch Kleidung ist eine Erziehungsfrage. Familiäre Fundstücke, Teil VI.

Lehrer und Kleidung
Lehrer haben Vorbildfunktion. Es muss zwar nicht immer Gehrock und Monokel sein, aber das Bewusstsein, dass Kleidung das Lernklima prägt, stilbildend und Teil der Persönlichkeitsbildung ist, gehört in den Blick genommen. Foto: imago stock&people

Es ist ein Thema, über das sich Schüler gern mokieren und Lehrer selten weitergehende Gedanken machen. Auch in der Publizistik spielt es kaum eine Rolle. Aber auch für Lehrer gilt: Kleider machen Leute. Lehrpersonen, die nicht nur fachlich, sondern auch in Kleiderfragen stilsicher sind, können viel zu einem erfolgreichen Lernklima beitragen, schrieb die Neue Zürcher Zeitung in einem längeren Beitrag schon im Jahr 2009.

Solche Beiträge sind selten. Dabei zeigt die Realität, so die NZZ, „dass dieser nonverbale Bereich des Unterrichts oft vernachlässigt wird. Die traditionelle Lehrerbildung suggeriert, dass Lehrpersonen allein schon dank ihrer pädagogischen und didaktischen Fähigkeiten prädestiniert sind, vor der Klasse zu stehen und eine Vorbildfunktion wahrzunehmen. Dabei wird oft vergessen, dass zu dieser Funktion auch die Kompetenz in Kleidungsfragen gehören müsste. Wer ist für einen erfolgreichen Lernprozess adäquat gewandet? Was geschieht im Bereich der nonverbalen Kommunikation? Ist ein Schlabberlook vielleicht ein Hinweis darauf, dass die Schüler nicht ernst genommen werden? Oder spiegelt er im Gegenteil geistige Größe wider, die über kleinkarierte Textilfragen triumphiert?“

Stilsichere Kleidung ist Ausdruck von Wertschätzung

Immerhin signalisiert man mit einer stilsicheren Bekleidung ganz allgemein die Wertschätzung gegenüber anderen. Nachlässigkeit hingegen weist in der Tendenz auf geringen Respekt hin. In der Schule ist sie dem Lernklima abträglich. Auf der einen Seite gilt heute die totale Kleidungsfreiheit, auf der anderen dominiert ein Konformitätsdruck, der Mode-Erscheinungen nicht nur propagiert, sondern fast zum Gebot macht, auch für Lehrer. Die NZZ nennt Beispiele: „Bauchfreie Shirts und Baseballmützen, verwitterte Hosen, durchschimmernde Tangas: An diesem gängigen Arsenal der Schüler vergreifen sich bisweilen auch Lehrpersonen und versuchen sich via Outfit anzubiedern. Gerne schmettern sie kritische Einwände mit dem Hinweis ab, es gehe schließlich um Vermittlung von Fach- und nicht um Textilkompetenz.“ Diese Bagatellisierung angemessener Berufskleidung mache eine nüchterne Diskussion schwierig, „denn sie spielt den Inhalt gegen die Verpackung aus“.

Nicht Inhalt gegen Verpackung ausspielen

Hier wird deutlich, was auch heute gilt: Generell wird die Bedeutung der nonverbalen Kommunikation der Lehrperson mit den Schülern unterschätzt. Diese Unterschätzung setzt sich zum Beispiel fort in einer Überschätzung der Digitalisierung. Diesem geistigen Gewand werden nahezu Zauberkräfte der Lehrvermittlung angedichtet, gerade in Zeiten von Corona. Der kleine Schirm wird zu einer Art Schuluniform hochstilisiert, jeder muss ihn haben, für alle das Gleiche.

Aber während sich über den uniformierenden Schirm noch trefflich diskutieren lässt, ist die Diskussion über Schuluniformen heute eher ein Relikt vergangener Zeiten. Die NZZ fragt sogar: „Sollte man die Debatte um Schuluniformen auch auf Lehrpersonen ausweiten? So weit möchte Daniela Plüss vom Zürcher Hochschulinstitut für Schulpädagogik und Fachdidaktik nicht gehen. Plüss bedauert generell, dass heutzutage auch Anlässe wie Hochzeiten, Trauerfeiern oder Konzerte keine Garantie mehr dafür böten, dass die Leute sich situationsgerecht kleideten. Spreche man zudem das Thema Dresscode gegenüber Lehrpersonen an, so betonten viele ihr Recht, Kleider zu tragen, in denen es ihnen wohl sei.“

Die soziale Umgebung prägt das Outfit

Das Wohlfühl-Argument – in ihm zeigt sich ein Zug der Zeit, der sich seit dem NNZ-Artikel, also in den letzten elf Jahren, auch in anderen Bereichen durchgesetzt hat: Ob eine Sache richtig oder falsch ist, ob sie der Allgemeinheit nutzt oder schadet, ob es wissenschaftliche Kriterien gibt oder nicht – entscheidend ist oft nur das persönliche Wohlgefühl. Erst recht bei Jugendlichen und Heranwachsenden, also in der Mehrzahl Schülern und Schülerinnen. Beispiel: Zu Beginn der Fridays for Future-Bewegung diskutiert der Schuldirektor eines Mädchengymnasiums mit den Mädchen der Oberstufe, warum er keine Erlaubnis zu der Demonstration geben will. Die Argumente sind logisch. Er macht auch Vorschläge, wie man der Umwelt dienen und sie schonen kann – ohne Demo in der Unterrichtszeit. Am Ende hört er das Argument: „Sie haben sicher recht, Ihre Gründe sind einleuchtend. Aber wir gehen trotzdem, viele machen das, wir fühlen uns besser dabei.“

Mode und Kleidung hängen auch ab von der sozialen Umwelt – „viele machen das“. Niemand ist gern isoliert, das hat schon Noelle-Neumann in ihrem Buch „die Schweigespirale“ meisterhaft herausgearbeitet. Sie nennt darin die öffentliche Meinung „die soziale Haut“. Und das gilt nicht nur für Meinungen, sondern eben auch für das Outfit. Wenn kein Lehrer Krawatte trägt, dann fühlt man sich mit Schlips isoliert. Wenn alle wie aus dem Ei gepellt erscheinen, fühlt sich der Schlabberlook deplatziert an. Dennoch ist erwägenswert, was zwei Wirtschaftsdidaktiker, Dieter Euler und Angela Hahn, in der NZZ schon vor elf Jahren kundtaten: Lehrpersonen werden ernster genommen, wenn sie Wert auf ein gepflegtes Äußeres legen. „Lehrpersonen sollten ihre Person vorteilhaft zur Geltung bringen: Nicht zu eng, nicht zu schlabbrig, nicht zu grell, nicht zur verwaschen, sondern so, wie es der Lernort Schule erfordert, nämlich mit einem rechten Maß an Seriosität und Respekt gegenüber Lernenden. Und die Didaktiker sind überzeugt, ein Dresscode sollte in jedem Schulleitbild verankert sein.“

Unbewusste Wirkung der Kleidung auf Schüler

Damit gehen die Didaktiker vermutlich zu weit, beziehungsweise hier ist die Zeit über sie hinweggegangen. Ein Dresscode lässt sich allenfalls in Traditionen pflegenden Einrichtungen, wie englische Internate oder manche deutsche Privatschule, durchsetzen. Dort verleiht die hierarchische Struktur dem Pädagogen eine weit über reine Wissensvermittlung hinausgehende Bedeutung. Genau dies trage, so die NZZ, „auch dazu bei, dass wohlhabende Eltern die Konsequenz ziehen und ihre Kinder in Privatschulen schicken, wo der traditionelle Wertekodex herrscht – und der zeigt sich ebenfalls in schicklicher Kleidung der Pädagogen“. Auch die Kleidung illustriert oft, wes Geistes Kind man ist.

Eine Konstante aber gibt es über alle Schulformen hinweg: Die Outfit-Beurteilung durch die Lernenden, die unbewusste Wirkung der Kleidung auf die Schüler. So zeigt sich etwa, dass selbst in Klassen mit ethnisch-heterogener Zusammensetzung Heranwachsende nachlässig gekleideten Lehrpersonen eher respektlos begegnen. Deren Glaubwürdigkeit wird infrage gestellt, wenn sie im Schlabberlook auftreten.

Die Schülerkleidung wirkt auf die Lehrer ein

Das gilt vor allem bei Heranwachsenden aus Ländern, in denen die Kleiderfrage noch einen hohen Stellenwert hat. Der Kumpel-Trick – die Anbiederung durch jugendlich nachlässige Kleidung – zieht nicht. Das gelte vor allem, so vermutete die NZZ damals, für Lehrer aus der 68er Generation, also Jahrgänge Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre. Die sind heute alle in Rente. Demgegenüber zeigten Gespräche mit angehenden Lehrpersonen, dass diese ein eher unverkrampfteres Verhältnis zum eigenen Auftritt vor der Klasse haben und sich mehr Mühe geben, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Sie haben auch mehr Verständnis dafür, dass parallel zur angemessenen Kleidung auch gepflegte Umgangsformen und Sinn für Hygiene Teil der Sozialkompetenz sind. Es muss nicht gleich der uniformierende Dresscode sein; das widerspricht auch einer liberalen Gesellschaft. Aber sich angemessen kleiden ist bei Berufen mit viel Sozialkontakt eine wichtige Frage.

Sozialkontakt ist keine Einbahnstraße. Es gibt, wie oben erwähnt, auch eine Wirkung der Schülerkleidung auf die Lehrer. Die jüngeren Generationen der Lehrer sind sich dessen offenbar bewusster als die 68er. Hier beginnt auch die Verantwortung der Eltern. Es lohnt sich sozusagen doppelt, über das Outfit der Kinder und Heranwachsenden zu diskutieren. In den meisten Familien geschieht das sowieso, nicht selten auch konfliktiv. Aber wenn Schüler und Schülerinnen „anständig“ oder wenigstens korrekt gekleidet sind, strahlt das nicht nur auf das eigene Wohlbefinden und auf das Lernklima aus, es kann auch die Lehrkräfte beeinflussen.

Nachlässige Kleidung ist ein Spiegel einer permissiven Gesellschaft

Was aber ist nun für den Lernprozess adäquat? Soll es „smart casual“ oder ein klassisches Outfit sein? Beides ist möglich, wenn es sich für die Lehrperson positiv auswirkt und ihrer Persönlichkeit entspricht. Daniela Plüss wusste schon 2009, dass auch bei den Lehrern trotz Individualisierung sich viele dem Gruppendruck beugten. Aber es gebe auch ein Argument für die „schickliche“ Kleidung. Es gelte, gegen einen allgemeinen Trend anzukämpfen: Nachlässig gewandete Lehrpersonen seien auch ein Spiegelbild einer permissiven Gesellschaft. Und von der gibt es nicht allzu viel zu lernen.