Alleinerziehende

„Lasst uns nicht allein!“

Alleinerziehende brauchen Unterstützung. „Tagespost“-Autor Rocco Thiede widmete sich in einem neuen Buch den Herausforderungen von Alleinerziehenden - und wie man ihnen helfen kann.
Oft sind Alleinerziehende nach einer Trennung überfordert.
Foto: Ute Grabowsky/photothek.net via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Oft sind Alleinerziehende nach einer Trennung überfordert.

Herr Thiede, wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch über Alleinerziehende zu schreiben?

Das Thema Familie beschäftigt mich schon lange. Mein erstes Buch handelte von Patchworkfamilien, und später habe ich auch über Mütter als Familienernährer, oder Familien, die von Krebs betroffen sind, geschrieben. Das liegt irgendwie in meinen Genen – ich bin ja auch selbst Vater von sechs Kindern. Besonders die Alleinerziehenden haben mich bewegt, weil mir meine Arbeit mit Familien gezeigt hat, dass viele es da nicht leicht haben. Ich habe das Thema anfangs für einzelne Artikel bearbeitet, aber dabei wurde schnell klar: Das ist so vielfältig, da muss man eigentlich ein Buch daraus machen.

„Jedes Kind will eine Familie von Mutter, Vater, Kind haben. Heutzutage muss nicht mehr jeder heiraten, aber es geht darum, dass man Geborgenheit weitergibt. Das bietet eine komplette, gute Familie.“

Vor welchen Herausforderungen stehen Alleinerziehende? 

Das ist ganz unterschiedlich. Tatsächlich aber stehen die Betroffenen meistens vor mehreren Herausforderungen: Die Trennung für sich verarbeiten, dann ihr Leben ganz praktisch umzuorganisieren und dann auch noch für die Kinder da zu sein. Manche Trennungen sind sehr konfliktreich. Eine der Frauen, mit denen ich gesprochen habe, war von ihrem Ex-Mann körperlich bedroht worden. Das ging so weit, dass er zu ihr sagte: „Wenn du mir noch einmal meine Tochter vorenthältst, dann bringe ich dich um.“ Sie musste also zur Polizei gehen und den Vater ihrer eigenen Tochter anzeigen. Wir haben auch zwei alleinerziehende Väter porträtiert – die gibt es ja auch noch. Bei einem der beiden erlitt die Ehefrau bei der Geburt von Zwillingen ein Aneurysma. Sie überlebte es zwar, war danach aber pflegebedürftig.

Der Vater hatte von heute auf morgen eine pflegebedürftige Frau und Zwillinge, um die er sich alleine kümmern musste. Bei einer anderen Familie kam noch ein Rechtsstreit hinzu. Der zweite Vater lebte sechshundert Kilometer von seiner Ex-Frau entfernt. Die beiden haben für das Kind ein Wechselmodell, es lebt also einen Monat beim Vater, einen davon bei der Mutter, hat zwei Kitas. Das Modell lässt sich auf den Schulalltag natürlich nicht übertragen, und die Frage, bei wem das Kind dann wohnen und zur Schule gehen will, wird dann wohl vors Familiengericht gehen, weil beide das Kind weiter erziehen möchten. 

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Man sieht:  Jede dieser Geschichten hat da eine besondere Dramatik. Es ist trotzdem erstaunlich, wie da viele wieder den Boden unter den Füßen zu bekommen, wie sie es schaffen, durch den Alltag zu kommen. Das Materielle spielt natürlich auch eine Rolle: Über 30 Prozent der Alleinerziehenden in Deutschland leben von Hartz IV, sind auf Unterstützung angewiesen, kommen gerade so über die Runden. Ich habe auch einige der Frauen kennengelernt, die nur in Teilzeit arbeiten können, weil sie sich gleichzeitig nur um ihr Kind kümmern müssen, manchmal nur einen Mindestlohn bekommen; die arbeitslos waren... Das gibt es alles. Diese Frauen haben wirklich gespürt, was es heißt, alleinerziehend zu sein. 

Welche Ressourcen gibt es für Alleinerziehende?

Ich bin bei meiner Arbeit auf das „Wir2“-Programm gestoßen. Das ist von Professor Matthias Franz, einem Forscher an der Universitätsklinik Düsseldorf, entwickelt worden. Auch er beschäftigte sich mit Alleinerziehenden, weil er der Meinung war, dass sie Unterstützung Hilfe brauchen. Das Programm sollte den alleinerziehenden Müttern und Vätern in der schwierigen Zeit nach der Trennung mit ihren Partnern helfen, die Bindung zu ihren Kindern aufrechtzuerhalten. Die Interaktion mit den Kindern steht im Mittelpunkt des Programms. Geeignet ist es vor allem für Elternteile mit Kindern von drei bis zehn Jahren, da es für Kinder ab der Pubertät mehr um den Aufbau einer eigenen Identität und daher auch mit einer gewissen Ent-Bindung von den Eltern geht. Umgekehrt sind Zweijährige noch zu klein, um dem Programm zu folgen. Dieses Bindungsprogramm stellt gewissermaßen den roten Faden durch das Buch dar.

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Wie sieht das Programm von „wir2“ aus?

Das Programm an sich ist recht komplex und kann unterschiedlich aussehen. Das Buch ist ein guter Anfangspunkt, um das Programm zu verstehen. Es ist aber kein Fachbuch, sondern erzählt vor allen Dingen Geschichten von Alleinerziehenden, die dieses Programm durchlaufen haben. 
Es gibt eine ambulante Version von „wir2“, bei der sich die Betroffenen einmal die Woche für neunzig Minuten mit Gleichgesinnten treffen. Das können die Diakonie, die Caritas, aber auch konfessionsungebundene Stiftungen anbieten– jeder, der sich mit Familie beschäftigt, kann eine Fortbildung absolvieren und zum Trainer dafür werden. Dann gibt es die Möglichkeit, das Programm komprimiert bei einer Mutter-Kind-Kur zu durchlaufen, das geht dann circa vier Wochen mit mehrmaligen Treffen in der Woche. Während Corona mussten viele direkte Treffen abgesagt werden und auch Reha-Kliniken schließen; in der Zeit entstand „wir2 at home“. Dabei kann man sich über virtuelle Räume gegenseitig trotz der räumlichen Distanz kennenlernen und unterstützen. Zwei Frauen haben mir gegenüber bestätigt, dass sie dabei sehr viel gelernt und die nötige Unterstützung gefunden haben.

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Gab es Momente, die Sie bei Ihrer Recherche besonders überrascht oder berührt haben? 

Mehrere. Es sind zum Teil schwere Geschichten; deswegen sind auch einige davon anonymisiert. Da war zum Beispiel die Frau, deren drittes Kind kurz nach der Geburt gestorben ist. Das hat die Beziehung der Eltern nicht verkraftet und sie haben sich dann später getrennt. Ich war dann später bei der Mutter zuhause, wo sie eine Wand mit Bildern von allen drei Kindern hatte. Sie hatte auch einen kleinen Gedenkort mit Erinnerungen an das verstorbene Kind. Es hatte ja gelebt, aber weil es im Brutkasten war, hielt sie es erst im Arm, als es schon verstorben war. Im Rahmen meiner Recherche sind viele Tränen geflossen. Ich musste mir da manchmal auch Zeit nehmen, um das zu verarbeiten und konnte nicht immer gleich losschreiben. 

Alleinerziehend zu sein, ist ja in der Gesellschaft und in den Medien eigentlich normalisiert, wird ja manchmal sogar idealisiert...

Aber kein Kind will auf Mutter und Vater verzichten, selbst wenn die Eltern sich noch so sehr streiten. Kinder wollen immer eine ideale Familie von Mutter, Vater, Kind haben. Heutzutage muss nicht mehr jeder heiraten, aber es geht darum, dass man Geborgenheit weitergibt. Das bietet eine komplette, gute Familie. Auch die Alleinerziehenden, die ich porträtiert habe, sehnen sich alle nach einem Partner.

Haben Sie den Eindruck, es gibt genug Initiativen für Alleinerziehende seitens der Kirche?

Es gibt solche Initiativen. Für das Buch haben wir auch ein Interview mit einer Therapeutin aus dem Erzbistum Paderborn geführt, die Ehe- und Familienberatung anbietet. Nicht nur Katholiken suchen sie auf. Es kommen zwar mehr Katholiken, aber wahrscheinlich, weil die eher davon wissen. Das Erzbistum Paderborn hat sich auch dazu entschieden, das „wir2“-Programm anzubieten und zu fördern. Insofern nimmt die Kirche in diesem Fall durch die Caritas oder eben das Erzbistum Paderborn eine Vorbildfunktion ein. Aber man muss auch sagen: Es gibt sehr viele weiße Flecken. Und dafür ist unser Buch auch da, um zu zeigen: Es gibt hier ein Angebot, das man integrieren kann. So kann man Menschen helfen. Meiner Meinung nach ist es auch ein Akt der Nächstenliebe, ein Bindungsprogramm wie „wir2“ anzubieten.

Erhältlich ab dem 13. Juni:
Gunther Thielen (Hrsg.), Rocco Thiede: Lasst uns nicht allein! Was Alleinerziehende und ihre Kinder nach der Trennung brauchen. Herder-Verlag, Freiburg 2022, 256 Seiten, ISBN 978-3-451-38762-3, EUR 18,--

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