Würzburg

„Kann ich mit Dir reden?“

Von der Kunst des Zuhörens in der Erziehung – Familiäre Fundstücke III

Vater und Tochter im Gespräch
Zeit nehmen und sich auf die Worte des Kindes konzentrieren, nicht unterbrechen, eigene Vorurteile zurückstellen und Mitgefühl zeigen: Echtes Zuhören ist eine Kunst. Vor allem Eltern sollten sie beherrschen. Foto: Adobe Stock

Den Kindern zuzuhören und sie nicht nur zu hören ist eine Daueraufgabe der Erziehung. Stille und Lärm richtig zu interpretieren, Kommunikation zu pflegen und für eine Entwicklung zum Guten zu nutzen, ist eine Kunst. Wir präsentieren hier eine Zusammenfassung eines längeren Aufsatzes aus der spanischen Zeitschrift Telva vom März 2007. Das Thema ist aktuell, denn in den Corona-Zeiten verbringen Familien mehr Zeit miteinander und, wichtiger noch, die sozialen Medien haben inzwischen eine Fesselungskraft erlangt, die die Kommunikation und gerade auch das Zuhören erheblich erschwert, wenn nicht sogar betäubend wirkt.

„Kann ich mit Dir reden?“ – so beginnt der Artikel. Wie reagieren wir auf diese Frage, wenn ein Arbeitskollege darum bittet oder wenn eines unserer Kinder das fragt? Seien wir ehrlich: Reagieren wir in gleicher Weise? Oder ist es nicht oft so, dass wir im Fall der Kinder unsere Arbeit gar nicht unterbrechen, während wir im Fall der Kollegen sofort für ein Zwiegespräch an einem ruhigen Ort zur Verfügung stehen. Untersuchungen zeigen jedenfalls, dass dies die Realität in der Mehrzahl der Fälle ist.

Der Schlüssel zum Zuhören

Für den Buchautor Jose Contreras besteht der Schlüssel zum Zuhören darin, die Lautstärke unserer inneren Stimmen herunterzufahren und unsere ganze Aufmerksamkeit auf den anderen zu richten. Das gelte vor allem für das Kind. Wenn es sich an uns wendet, will es zumeist nicht nur etwas mitteilen, sondern auch zeigen, wie es sich fühlt oder welche Wünsche es begleiten, welche Zweifel es hegt oder welche Ängste es quälend mit sich herumschleppt. Die Erziehungswissenschaftlerin Carmen Avila meint dazu: „Eltern beschränken sich oft nicht auf das Zuhören, sondern benutzen die Vertrautheit der Situation, um ihre Instruktionen einzubauen. Sie unterbrechen das Gespräch, um Ratschläge zu erteilen, um Gefühle zu qualifizieren wie Schuld, Wut, Kummer oder Verdruss. Und leider auch oft, um eine Predigt zu halten. Dadurch wird der Dialog in einen Monolog verwandelt, in dem die Erwachsenen immer Recht behalten.“

Daraus ergeben sich erste konkrete Handlungsempfehlungen:

  • Schenken Sie Ihrem Kind Ihre ganze Aufmerksamkeit. Unterbrechen Sie Ihre Arbeit, solange das Kind mit Ihnen spricht.
  • Schauen Sie Ihrem Kind in die Augen und setzen Sie sich ganz zu ihm.
  • Unterbrechen Sie das Kind nicht. Weisen Sie Ihre eigenen inneren Vorurteile zurück.
  • Konzentrieren Sie sich, währen das Kind spricht, auf die Worte des Kindes und denken Sie nicht gleichzeitig an das, was Sie dem Kind gleich antworten oder sagen wollen.
  • Zeigen Sie Mitgefühl und versetzen Sie sich an die Stelle des Kindes. Dann wird es Ihnen leichter fallen, das Kind zu verstehen.
  • Wenn das Kind einen Konflikt durchlebt, versuchen Sie Lösungen aufzuzeigen. Wenn es sich schlecht fühlt, zeigen Sie Mitgefühl. Wenn es Ihnen Vertrauliches erzählt, zeigen Sie Interesse und sichern Sie Vertraulichkeit zu.

Vorbild sein

Kinder, denen man nicht zuhört, glauben, so Carmen Avila, dass man sie nicht gern hat „und früher oder später werden sie diese fehlende Zuwendung außerhalb des Zuhause suchen. Auch kann sich Groll entwickeln, der sich in einem provozierenden Verhalten äußeren kann“. Ein verbreiteter Fehler ist, das Gespräch auf später zu verlegen. „Keine Zeit jetzt“ muss eine absolute Ausnahme sein. Wenn Kinder sprechen wollen, brauchen sie das Gespräch. Zu unterscheiden sei auch das individuelle Gespräch mit jedem einzelnen Kind und das Gespräch in der Familie, etwa bei den Mahlzeiten. Nicht zu vergessen sei stets, dass Kinder in ihren Eltern Vorbilder sehen. „Wenn wir uns ihnen gegenüber öffnen, werden sie es auch uns gegenüber tun. Und wenn wir als Ehepaar intime Momente füreinander beanspruchen, werden die Kinder zu Recht Momente zu zweit auch für sich einfordern.

Zuhören trotz Empörung?

Es kommt nicht selten vor, dass ein pubertierendes Kind einem Elternteil etwas erzählt, womit dieser überhaupt nicht einverstanden ist. Empörung schafft da nur Fronten und droht, das Gespräch zu ersticken. Die Fachfrau rät: „Es empfiehlt sich, kein erschrockenes Gesicht zu machen oder moralische Verurteilungen von sich zu geben. Natürlich sollte man auch nicht den Eindruck erwecken, man stimme zu. Aber Zuhören verlangt in diesem Fall, wirklich ganz zuzuhören und dann mit vernünftigen Worten die Konsequenzen aufzeigen und gemeinsam mit dem Kind eine Lösung zu suchen. Wenn das Kind aber nur unsere Zustimmung will, dann müssen wir bei den grundlegenden Fragen anknüpfen und dem Kind zu verstehen geben, dass es selber die richtigen Antworten finden muss. So kann das Kind sein Leben auf grundlegenden Überzeugungen aufbauen.“

Und wenn das Kind verstummt oder gar nicht reden will? Dann sollten Vater oder Mutter Gelegenheiten beim Schopf ergreifen oder auch selber schaffen, um ins Gespräch zu kommen, etwa gemeinsam einen Film anschauen, in dem das Thema vorkommt, das man besprechen will oder manchmal auch einfach darüber reden, wenn man im fahrenden Auto sitzt und niemand aussteigen kann... Tatsache ist jedenfalls, dass es Themen gibt, bei dem Kinder gerne ausweichen. Das müssen nicht nur die Hausaufgaben sein. Das können auch Fragen zur Sexualität oder zum Drogenkonsum sein. Avila: „Wenn wir diese Themen nicht ansprechen, wer sonst?“ Und wenn das Kind unangenehme Fragen stelle, dürfe man auch nicht selber ausweichen und abgesehen von der altersgemäßen Sprache „vor allem wahrhaftig antworten. Sprechen wir mit Klarheit und Verständnis!“Zu guter Letzt: Es versteht sich von selbst, ist aber auch immer wieder der besonderen Erwähnung wert, dass Vorlesen im frühen Kindesalter die Sinne für Kommunikation und Gespräche und vor allem für das Zuhören schärft.

 

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