Lernen in der Pandemie

„Ich kann es nicht mehr hören!“

Von den Segnungen des digitalen Homeschooling und anderen Corona-Errungenschaften. Ein persönlicher Zwischenruf als Diskussionsbeitrag..

16.02.2021, Corona-Schnelltests für zu Hause Ab dem 1. März 2021 soll jeder die Möglichkeit bekommen, sich kostenlos au
„In einem System staatlicher Willkür möchte ich nicht mitmischen.“ – Eine Mutter über ihre Erfahrungen mit staatlich verordnetem Homeschooling. Foto: Imago Images

Also ich habe meine Kinder gerne zuhause“, „wir machen es uns richtig gemütlich“, „unser Leben ist ja so wunderbar entschleunigt“. Und zum krönenden Abschluss: „Meine Kinder machen das prima!“ Ich kann es nicht mehr hören!

Allumfassendes Homeschooling böte einen unerschöpflichen Quell für Glossen. Mütter am Rande des Wahnsinns, zugeschüttet mit Mails von Schulleitern, Lehrern, Elternvertretern. Wochenpläne mit unzähligen Anhängen. PDF Dateien zum Ausdrucken, Links zu irgendwo abgelegten Videos, Zugangsdaten zu irgendwelchen Apps, die sich plötzlich alle auf meinem Computer befinden sollen. Hier eine Einladung zu einem Zoom-Meeting der 3a (selbstverständlich auch auf meinem Endgerät), dort eine Umfrage der Landeselternschaft, wie das mit dem Onlineschooling so klappt (auf die Frage, ob man grundsätzlich mit der Aussetzung des normalen Unterrichts einverstanden ist, warte ich vergebens, dafür kommt die Umfrage im Abstand von ein bis zwei Tagen für jedes Kind einmal, vier Tage später in Wiederholung mit dem nun zu öffnenden Link).

Zwischendurch eine Mail, aus der ich erfahre, dass die Aufgabe 2a im Gegensatz zur Aufgabe 5b von einem allerdings ganz anderen Arbeitsblatt bitte erst am Donnerstag und nicht bereits am Dienstag abfotografiert und zurückgeschickt und im übrigen das alles ohnedies ab der nächsten Woche auf einer neuen Plattform abgelegt werden soll. Und wenn man sich in diesem Chaos eingefunden hat, beginnt ein rotierender Präsenzunterricht – und jedes Kind rotiert anders oder eben auch nicht.

In eine falsche Rolle gedrängt

Allein, das Lachen bleibt mir im Halse stecken. Ich liebe meine Kinder und habe sie gerne um mich. Aber ich bin ihre Mutter und nicht ihre Freundin, bin immer für sie da, aber nicht ihr Hobby. Ich unterrichte sie in allen Lebensfragen, aber nicht nach Lehrplan des Schulministeriums und schon gar nicht im Fach Staatsbürgerkunde! Und selbst wenn ich all das leisten könnte: ich will nicht!

Wäre das Land überflutet worden, unter Vulkanasche begraben oder von Heuschrecken heimgesucht – zu jeder Anstrengung zum Wohle unserer Kinder wäre ich bereit. Meine eigenen Interessen würden alle hintanstehen, kein Murren würde ich von mir geben über die Arbeit, die ich leisten muss, aber den Lehrern bezahlt wird. Kein Klagen über den schmerzlichen Verlust meines alten Lebens, über das Wegbrechen all dessen, was das Leben schön und inspirierend macht. Ein Füllhorn von Kreativität würde ich der Not entgegenschmettern. Aber so?

Ein System staatlicher Willkür

In einem System staatlicher Willkür möchte ich nicht mitmischen. Ich will Maßnahmen, die ich für vollkommen unverhältnismäßig halte und deren Verfassungswidrigkeit ich in weiten Teilen vermute, nicht in bestmöglicher Weise umsetzen. Ich halte digitalen Unterricht nicht für die große Errungenschaft unseres Schulsystems, nicht einmal für ein verfolgenswertes Ziel. Ich stimme nicht ein in das Geblöke von fehlender technischer Ausstattung unserer Schulen – dient es in meinen Augen nur dazu, von den fatalen Entscheidungen der Regierenden abzulenken. Denn der Vorwurf, technisch nicht gut vorbereitet gewesen zu sein, ist nicht annähernd so vernichtend wie die Anklage, sich in der Einschätzung der Gefahrenlage vollkommen verrannt zu haben. Kinder wachsen im sozialen Miteinander. Würde „digital“ funktionieren, könnten die Schulen abgeschafft werden. Und könnten wirklich alle Eltern ihre Kinder unterrichten, wäre der Lehrerberuf ad absurdum geführt.

Der Duft von Freiheit

Aber dieser neuen Normalität entkommt man nur schwer, insbesondere als Familie. Kinder wollen dazugehören, die meisten wollen ungern auffallen. Sie wollen verständlicherweise gute Zeugnisse, gar ein gutes Abitur bekommen. Und sie sind umgeben von Freunden, die – je nach Alter -–schon selbst brav mitmarschieren, schlimmstenfalls ihre Solidarität, ihr großes Verantwortungsbewusstsein für die Alten und Vorerkrankten der Gesellschaft, ihren Kampf gegen Rechts und überhaupt ihr ganzes Gutmenschlichkeitsgetue auch noch lautstark bekunden. Oder aber Kinder von Eltern sind, die eben all das tun. Widerstandsgeist kann von den Jüngeren nicht erwartet werden. Aber wo ist die Generation Greta abgeblieben? Sind wirklich alle auf Staatslinie? Wie kann es angehen, dass Hunderttausende auf die Straßen gehen, um auf eine Bedrohung aufmerksam zu machen, die möglicherweise in 100 oder 1000 Jahren zur realen Gefahr werden könnte, aber nirgendwo sich die Jugend für ihr Hier und Jetzt einsetzt? Warum stürmen nicht wenigstens die Abschlussklassen den Schulhof, meinetwegen mit Abstand, und drängen auf die Öffnung der Schulen? Hat der Duft von Freiheit überhaupt nichts Betörendes mehr?

Peinliche Eltern

Umso peinlicher erscheinen dann die Eltern, wenn sie aus der Reihe tanzen, Briefe an die Schulleitung schreiben, im elterlichen Klassenchat anfragen, ob jemand bereit wäre, beim Bildungsministerium auf althergebrachten Unterricht zu drängen. Mama fällt unangenehm auf, weil sie bei jeder sich ihr bietenden Möglichkeit den Mund aufmacht, in der Warteschlange hinter einer in FFP2 verpackten Familie lautstark erklärt, warum wir diese Dinger nicht tragen, dem Bäcker auf die Nase binden muss, dass man die Laugenstange nur kauft, um in der Fußgängerzone ohne Mundschutz herumlaufen zu dürfen, und jedem, der drei Meter zurückweicht, hinterherschnauzt, dass sie nicht die Pest habe.

Nein! Ich kann dieser Zeit nichts abgewinnen. Nicht einmal das sonst von mir sehr geschätzte Ausschlafen vermag zu trösten, führt es doch nur dazu, dem inneren Schweinehund ordentlich Futter zu geben und die ohnehin sich breitmachende Lethargie zu befeuern. Wenn Eltern jetzt feststellen, dass ihr Leben mit weniger Terminen allen guttut, sollten sie vielleicht mal darüber nachdenken, ob sie ihren Kindern und sich selbst in alten Zeiten möglicherweise zu viele Aktivitäten zugestanden haben.

Verlust des alten Lebens

Wenn diese Krise irgendwann einmal vorüber ist, sollen sich meine Kinder nicht mit einem „Wir haben es uns gemütlich gemacht!“ erinnern. Sie sollen verstanden haben, dass es für viele Menschen sehr ungemütlich wurde und Millionen von Menschen vollkommen unverschuldet sehr plötzlich vor dem wirtschaftlichen Ruin standen. Sie sollen gesehen haben, was der Verlust von Freiheit bedeutet; was die Anmaßung der Bundesregierung mit sich bringt, Berufe, Hobbys und Leidenschaften einer ganzen Nation in Systemrelevantes und Systemirrelevantes zu unterscheiden. Sie sollen begreifen, wie unhübsch ein Volk wird, wenn man ihm alles Schöne nimmt, alles verbietet, was Lebensfreude mit sich bringt.

Aus welcher Perspektive heraus und wann auch immer der Rückblick erfolgen wird: Meine Kinder sollen sich daran erinnern, dass wir als Familie durch diese Zeit gekommen sind, dass es gut war, ein Zuhause zu haben, das ihnen Schutz und Rückgrat bot. Aber Wohligkeit soll dabei nicht aufkommen. Sie sollen den Verlust unseres alten Lebens empfinden, denn nur wer sich rückblickend nicht mit der neuen Normalität arrangiert hat, wird seine Grundrechte niemals als Sozialprämie des Staates akzeptieren.

Angela Kirsch ist Hausfrau und Mutter von drei Kindern in den Klassen 13, 9 und 3. Sie arbeitet nebenher als freie Publizistin. Ihr Mann ist Arzt. Die Familie lebt in Bad Godesberg. Wir veröffentlichen den bewusst persönlich gehaltenen Zwischenruf als Diskussionsbeitrag.

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