Frauen

Gewalt gegen Frauen und Lockdown

Erfahrungen von Expertinnen im Alltag: Das Virus ist nicht an allem schuld. Der Bedarf an Hilfe für Frauen ist hoch.

Briefmarke "Keine Gewalt gegen Frauen"
Die Öffentlichkeitskampagnen zur Gewaltprävention und Aufklärungsarbeit werden durch die Coronakrise stark eingeschränkt. Symbolbild: Briefmarke der Deutschen Post gegen Gewalt gegen Frauen (2000). Foto: dpa

Gewalt gegen Frauen hat laut dem Weltbevölkerungsbericht in der Corona-Zeit zugenommen. Auch in Deutschland wird seit Beginn der Pandemie gewarnt, die Gewalt hinter den Wohnungstüren könnte zunehmen. Nicht alle Frauen, die für Hilfsorganisationen arbeiten, haben das so erlebt. Seit Jahren forscht Katharina Wojahn zu Frauen-Themen. „Wir wissen, dass der häufigste Tatort sexualisierter Gewalt innerhalb der eigenen vier Wände liegt“, erläutert die promovierte Soziologin. Sie unterstützt Beratungsstellen für Opfer sexualisierter Gewalt und findet es gut, dass die Problematik seit Beginn der Pandemie mehr Aufmerksamkeit bekommt. „Das ist nach wie vor ein schambesetztes Tabuthema. Deshalb kann es hilfreich sein, wenn in der Öffentlichkeit darüber gesprochen wird. Allerdings bekommt das in der gegenwärtigen Situation so einen Beigeschmack, als sei das Coronavirus schuld an der Zunahme häuslicher Gewalt.“

Partnerschaftsgewalt und Pandemie

Die Pandemie stellt viele Familien und Partnerschaften vor große Herausforderungen. Zukunftsängste, Einschränkungen im Alltag und finanzielle Sorgen schaffen Stress. Das kann zu Streit, Aggressionen und manchmal auch Gewalt führen. „Häusliche Gewalt ist ein Gemisch aus Bedrohungssituationen“, sagt Katharina Wojahn. „Es geht um körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt in der eigenen Wohnung. Ich finde es problematisch, wenn jetzt das Virus mit solchem Missbrauch in Verbindung gebracht wird, obwohl wir wissen, dass es tatsächlich um Machtverhältnisse geht. Bislang kenne ich keine Zahlen, die mir Auskunft geben könnten, ob die Pandemie das Problem verstärkt und deshalb mehr Gewalt stattfindet.“

Ein Agressor will Beziehungen machtvoll führen

Die Soziologin erklärt: In einer gesunden Partnerschaft bemühten sich beide um ein liebevolles Miteinander. Ein Aggressor verfolge dagegen andere Ziele. Es stärke sein Selbstwertgefühl, wenn er alle Lebensbereiche und sogar die Gefühlswelt der Partnerin kontrolliert. „Der Ursprung des Missbrauchs ist sein Bedürfnis, sich in der Beziehung machtvoll zu fühlen. Eine betroffene Frau, die es nicht schafft, sich erfolgreich zu wehren, kann abhängig von dem Mann werden. Sie glaubt ihm, wenn er sagt: Ohne mich bist du nichts. Ohne mich kannst du nichts. Ohne mich hast du nichts. Ihr Selbstvertrauen schwindet, während er sich mächtig fühlt.“

Eine Betreuung, die zur Stärkung der Frauen beiträgt, braucht Zeit, geschultes Personal und angemessene Ausstattung. Das Angebot in Deutschland reiche längst nicht aus, klagt Beatrice Tappmeier, die ein autonomes Frauenhaus leitet. „Die derzeitige Aufmerksamkeit hat wenig an dem Mangel verändert. Es gibt längst nicht ausreichend Plätze. Die Frauenhäuser sind voll, zum Teil übervoll. Wir müssen immer viele Frauen abweisen, nicht wegen Corona, sondern immer.“

Der Weisse Ring hilft

Die rund 360 Frauenhäuser in Deutschland mit ihren etwa 6 400 Betten decken längst nicht den Bedarf. Das wirkt sich auf die Arbeit vieler Organisationen aus, die Frauen in Not unterstützen. Eine davon ist der Weisse Ring. Die Opferhilfsorganisation wurde 1976 gegründet. Seither übernehmen meist Ehrenamtliche den direkten Kontakt zu den Betroffenen. Die pensionierte Polizeibeamtin Ilse Haase sucht immer wieder nach Unterkünften für gefährdete Frauen. „Zu Beginn der Coronazeit war das ein massives Problem. Die Frauenhäuser konnten keine neuen Frauen mehr unterbringen. Wenn jemand verfolgt wird und fliehen muss und die Frauenhäuser voll sind, dann hat der Weisse Ring die Möglichkeit, eine Ferienwohnung oder ein Zimmer anzumieten, um flüchtende Frauen unterzubringen.“

Die schnelle, unbürokratische Hilfe ist eine große Stärke des Weissen Rings, nicht zuletzt, weil sich die Ehrenamtlichen auch privat engagieren. Ilse Haase erzählt von einem Fall während des Lockdowns, als die Baumärkte geschlossen waren: „Die neue Wohnung musste hergerichtet werden. Es gab keine Farbe, kein Malerwerkzeug. Da habe ich ihr privat meine Sachen geliehen, Leiter, Pinsel, Kittel, all so was. Sie konnte sich die neue Wohnung schön machen. So fällt es leichter, sich von dem früheren Leben zu verabschieden.“

Angepasst an Pandemiebedingungen

Das Leben in den Frauenhäusern hat sich längst an die neuen Bedingungen angepasst. Der Alltag verläuft nicht viel anders als vor der Pandemie, meint Beatrice Tappmeier: „Das sind oft ganz normale Wohnhäuser. Da wuseln die Familien rum, putzen zusammen und rufen sich irgendwas zu. Die Kinder spielen im Treppenhaus. Der Lärmpegel ist oft sehr hoch. Daran hat Corona nichts geändert.“ Die Bewohnerinnen tragen keine Masken. Sie benutzen dieselben Badezimmer und kochen gemeinsam in der Küche. Anders wäre es auch gar nicht möglich. Die Pädagogin Tappmeier aber trägt eine Maske und hält Abstand. „Natürlich haben wir ein Hygienekonzept. Zum Beispiel führen wir die Beratungsgespräche jetzt in einem etwas anderen Rahmen. Aber das hat die Qualität nicht verändert. Die Frauen weinen, wenn es was zu weinen gibt, und lachen, wenn es was zu lachen gibt.“

Keine Zunahme der Hilferufe

Zu Beginn der Pandemie hatten viele städtische Frauenhäuser mit einer Welle von Anfragen gerechnet. Die ist bisher ausgeblieben, meint Beatrice Tappmeier: „Ich jedenfalls habe noch keine einzige Geschichte einer Frau gehört, die gesagt hätte: ,Naja, bis dahin ging's, aber dann kam Corona und dann wurde es ganz schlimm.' Das hat noch keine Frau gesagt.“ Auch Ilse Haase hat keine Zunahme der Fälle häuslicher Gewalt wahrgenommen. Seit fünfzehn Jahren ist sie für den Weissen Ring engagiert. Sie hat schon vor der Pandemie beobachtet, dass Frauen, die von ihrem Mann geschlagen werden, nur sehr wenige soziale Kontakte haben. „Meist bleiben sie zu Hause und achten auf Abstand zu anderen Menschen. Sie werden einfach menschenscheu, weil sie niemandem trauen. In vielen Fällen hat die Frau kein eigenes Konto. Der Mann teilt ihr das Geld zu. So macht jeder Einkauf ein schlechtes Gewissen.“

Exzessive Kontrolle der Finanzen ist eine typische Begleiterscheinung gewalttätiger Partnerschaften. Übermäßig eifersüchtige Partner regeln alle Ausgaben und unterbinden Kontakte nach außen. „Solche Familien isolieren sich selbst“, weiß Ilse Haase. „Da geht keiner mehr hin. Und es wird keiner mehr eingeladen. Es könnte ja plötzlich zu einem Gewaltausbruch kommen. Das wäre peinlich. So eine Familie war schon vor Corona isoliert. Womöglich merken die Frauen gar keinen großen Unterschied durch den Lockdown. Sie kennen es ja nicht anders.“

Eingeschränkte Prävention

Frauen, die in Hilfsorganisationen arbeiten, wissen: Die Realität von Menschen, die unter häuslicher Gewalt leiden, verändert sich nicht auf Grund kurzfristiger gesellschaftlicher Krisen. Die meisten Frauenberatungszentren organisieren Öffentlichkeitskampagnen zur Gewaltprävention. Doch gerade diese Aufklärungsarbeit wird durch die Coronakrise stark eingeschränkt. Früher gab es Präsenzveranstaltungen in Frauenkursen, Integrationskursen, Sprachkursen. Wenn engagierte Frauen wie Katharina Wojahn heute etwas bewegen wollen, müssen sie kreativ sein. Hilfsorganisationen für Gewaltopfer sind meist unterfinanziert und mangelhaft ausgestattet.

„In den Medien wurde es häufig so dargestellt, als würde die häusliche Gewalt aufgrund der Lockdowns enorm ansteigen, aber in den Frauenhäusern zeigt sich das zahlenmäßig nicht“, stellt Beatrice Tappmeier fest. Katharina Wojahn freut sich, dass das Thema häusliche Gewalt zurzeit mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit findet als sonst. Aber sie macht sich Sorgen, durch den Hype könnte aus dem Blick verloren gehen, dass es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt. „Wir alle tragen Verantwortung dafür, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen. Es darf nicht sein, dass sexualisierte Gewalt zu einem individuellen Problem degradiert wird. Das Thema geht uns alle etwas an.“

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