Pandemie

Eine Kur als Pause für Eltern

Mit der Corona-Pandemie kommen immer mehr Eltern an Grenzen. Das Müttergenesungswerk und andere Träger bieten Hilfe.

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Unterschiedliche Träger bieten gute Erholungsangebote für Mutter und Kind. Foto: imago stock&people

Elternsein ist eine beglückende Aufgabe. Ganz ohne Mühe geht es aber nicht. Viele Familien kennen daher die Erfahrung, dass sie an ihre Grenzen geraten. Im Laufe der Zeit können sich bei den Eltern orthopädische Probleme, Erschöpfungszustände oder gar ein „Burn Out“ entwickeln.

Hier wäre eine Mutter-Kind- oder Vater-Kind-Kur die richtige Hilfe. Bei Vorliegen der gesundheitlichen Voraussetzungen besteht ein Rechtsanspruch (§ 24 Sozialgesetzbuch V) auf eine stationäre Vorsorgemaßnahme in spezialisierten Fachkliniken: Für drei Wochen haben die Eltern Zeit, ihre Beschwerden zu behandeln und neue Kraft zu tanken, um danach gestärkt in den Familienalltag zurückzukehren.

Bedenklicher Gesundheitszustand

Allerdings ist der Gesundheitszustand von Eltern und Kindern, die eine Kur antreten, deutlich schlechter als angenommen. Das geht aus dem Datenreport 2020 des Müttergenesungswerks hervor. Bei den ärztlichen Eingangsuntersuchungen in der Klinik stellte sich heraus, dass über 20 Prozent der Kurpatienten bereits Reha-Fälle sind. Während eine Vorsorge früh ansetzt, um Gesundheitsstörungen zu verhindern oder zu vermindern, sorgt eine Reha-Maßnahme dafür, dass eine bestehende Krankheit beseitigt wird oder sich nicht weiter verschlimmert. Ein ähnliches Bild zeigte sich bei den Kindern. Zwei Drittel der Kinder wurden in den Kliniken als behandlungsbedürftig eingestuft, aber nur ein Drittel hatte zuvor eine Bewilligung der Krankenkasse als „behandlungsbedürftiges“ Kind. Die anderen kamen als „gesunde“ Kinder.

Benachteiligung kinderreicher Familien

Die Pandemie wird diese Ausgangslage verschärfen: Viele Schulkinder haben seit Monaten keine Schule von innen gesehen und die Kindergärten laufen im Notbetrieb. Zudem stellt die Notbetreuung auf die Berufstätigkeit der Eltern ab. Dies bedeutet eine strukturelle Benachteiligung vor allem kinderreicher Familien, in denen häufig ein Elternteil ganz für die Familie da ist. Es fehlen Rückzugsmöglichkeiten für alle Beteiligten, und besonders die Mütter haben überhaupt keine Verschnaufpause mehr: Technische und inhaltliche Hilfestellung beim Distanzunterricht ihrer Kinder werden ebenso erwartet wie Produktivität im Homeoffice. Durch Kurzarbeit oder monatelang geschlossene Betriebe geraten Familien auch finanziell an ihre Belastungsgrenze.

Aber ob eine Kur in der aktuellen Lage das Richtige ist? Tatsächlich mussten sich die Kurkliniken an die geänderten Rahmenbedingungen anpassen, eigene Hygienekonzepte und andere Abläufe entwickeln. So ist es üblich, dass eine Anreise nur mit Vorlage eines negativen Corona-Tests erfolgt, Angehörige dürfen während der Maßnahme nicht zu Besuch kommen.

Angepasste Kurkonzepte

Auch in den sechs Häusern, die die Arbeitsgemeinschaft für Familienhilfe im süddeutschen Raum und an Nord- und Ostsee betreibt, wurden die Abläufe geändert. Geschäftsleiter Matthias Halsch erzählt, dass die Familien in den meisten Häusern wöchentlich anreisen, und für die Dauer der Kur in dieser festen Gruppe bleiben. Schulungen werden in höheren Frequenzen durchgeführt, und es gibt zwei verschiedene Essenszeiten mit fester Einteilung. Die Heilbehandlungen werden auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmt und möglichst breitgefächert angeboten. Besonders gefragt sind derzeit Massagen, Entspannungstherapien oder die individuelle Rückenschule. Mit lockereren Corona-Maßnahmen sind neuerdings auch wieder Angebote wie Aquagymnastik in den Schwimmbädern möglich.

Eine Besonderheit bei den Häusern der Arbeitsgemeinschaft für Familienhilfe sind die Vater-Kind-Kuren, die es schon seit sechs Jahrzehnten gibt. „Schließlich haben die Kinder auch Väter“, meint Halsch. Während die Mütter oder Väter ihrem Kurprogramm nachgehen, werden die Kinder wie gehabt am Vormittag und Nachmittag betreut. Hier ist Gelegenheit für Schulkinder, die mitgebrachten Aufgaben zu erledigen. Halsch hebt hervor, dass auch die Kinder für die Dauer der Maßnahme in festen Gruppen zusammenbleiben, nur mit einer größeren Altersspanne als bisher.

Die Erfahrungen der Kurteilnehmer sind durchweg positiv. So wurde auf einem Fragebogen der Klinik in Norderheide geäußert: „ja, die Pläne sind nicht so voll wegen Corona und es fehlen einige Angebote, aber es war völlig ausreichend. So konnten wir mehr mit der Familie machen, basteln, einfach nichts tun oder stundenlang auf dem Naturspielplatz sitzen.“

Wirtschaftlicher Kraftakt

Finanziell stehen die Kliniken allerdings vor großen Herausforderungen. Mussten im Jahr 2020 alle Häuser für mehrere Monate schließen, ist der Betrieb seit der Wiedereröffnung weitaus kostenintensiver. Denn durch die Pandemie entstehen den Vorsorgekliniken erhebliche Mehraufwendungen. So haben die Häuser erhöhte Kosten für Schutzmaterialien und auch Personal – da durch die Abstandsvorschriften kleinere Gruppen nötig sind. Dazu kommt ein erhöhter personeller und materieller Aufwand bei Reinigung, unterstützenden Dienstleistungen und durch die Umsetzung von Hygienevorschriften.

Im Vergleich zu 2019 sind die Häuser der Arbeitsgemeinschaft für Familienhilfe derzeit nur mit 70 bis 85 Prozent belegt, erläutert Halsch. Auch kommt es immer wieder zu kurzfristigen Absagen, etwa wegen eines positiven Corona-Tests oder Unsicherheiten angesichts gestiegener Inzidenz-Werte.

Im Hinblick auf die finanziellen Schwierigkeiten wurden die Rehabilitations- und Vorsorgekliniken für Mütter und Väter im Mai vergangenen Jahres in den zweiten Corona-Rettungsschirm der Bundesregierung aufgenommen und erhielten ein Ausfallgeld in Höhe von 60 Prozent für nicht belegte Plätze. Im Herbst wurde der Rettungsschirm allerdings für sechs Wochen ausgesetzt, und dann auf 50 Prozent abgesenkt. Jetzt läuft das Programm aus.

Gesetz zur Pflegeverbesserung

Eine weitere Hilfsmaßnahme sollte das im Dezember beschlossene Gesundheitsversorgungs- und Pflegeverbesserungsgesetz darstellen. Es ist geplant, dass Krankenkassen und Kliniken ihre Vergütungsvereinbarungen für Personal und Sachkosten einschließlich Minderbelegung verhandeln, „um die Leistungsfähigkeit der Einrichtungen bei wirtschaftlicher Betriebsführung zu gewährleisten“. Indes gestalten sich die Gespräche schwierig. „Seit drei Monaten erleben wir keine Bereitschaft der Krankenkassen zur Zusammenarbeit. Die Politik weiß das. Es ist höchste Zeit für politisches Handeln, die Kliniken stehen mit dem Rücken an der Wand“, so Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks. Das Müttergenesungswerk stellt klar: „Wir fordern die Unterstützung der Vorsorge- und Rehakliniken für Mütter und Väter, damit sie für kranke und verzweifelte Mütter und Väter weiterhin Kurplätze für ihre psychische und körperliche Gesundheit anbieten können“.

Denn besonders in den Zeiten der Pandemie sind die stationären Vorsorgemaßnahmen für Frauen und Männer in Familienverantwortung unverzichtbar. Durch die körperliche und seelische Erholung von Eltern und Kindern können Mütter und Väter mit neuen Kräften ihre Aufgaben im turbulenten Alltag wieder aufnehmen. Nicht zuletzt werden die familiären Beziehungen gestärkt, und die Kinder erleben in einer Gruppe endlich wieder das unbeschwerte Zusammensein mit Gleichaltrigen.

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