Pandemie

Das richtige Wort zur rechten Zeit

Corona als Chance für eine bessere Kommunikation in der Familie: Sieben Hinweise.

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Die Corona-Krise ist für die Kommunikation in der Familie eine Herausforderung, die bewältigt werden will – sie bietet eine Chance, Beziehungen zu verbessern. Dabei müssen nicht selten emotionale Berge überwunden werden. Auf dem Gipfel warten Überraschungen. Foto: Imago Images

Corona beengt, Corona ändert den Alltag, macht dreifach Angst vor Krankheit, Einkommens- und Freiheitsverlust. Aber bei aller Einschränkung und Quarantäne übersehen wir oft einen großen Gestaltungsfreiraum: gute Kommunikation zu Hause. Dieser Raum steht, unabhängig von der Größe von Wohnung, Haus und Garten, jedem Menschen zur Verfügung. Er wartet darauf, virtuell, großzügig und hell durch liebevolle Gespräche, sportliche Denk- und Problemlöseaufgaben, einen Markt der Meinungen, Humor und Witz eingerichtet und entfaltet zu werden. Und das ganz umsonst, aber keineswegs vergeblich. Denn der Raum der Kommunikationskultur prägt das Denken, Fühlen und Handeln aller seiner Bewohner ein Leben lang.

Bessere Beziehungen

Einige Mütter und Väter berichten davon, dass ihre Paar-, Eltern- und Familien-Beziehungen in der Coronazeit viel besser geworden sind. Sie hatten mehr Zeit und mehr Grund, den anderen und die Kinder wahrzunehmen, sich neu in Absprachen zu organisieren und darauf zu achten, wie ihre Lieben jeweils mit der neuen Situation zurechtkommen. Sie haben gut und freundlich miteinander kommuniziert. Aber viele Eltern in der Rushhour des Lebens fragen sich auch ohne Corona: Wie kann ich ruhig und freundlich bleiben, wie kann ich erziehen ohne die Stimme zu erheben, wie gehe ich mit streitenden Kindern um, was tue ich, wenn sie keine Hausaufgaben machen wollen, nicht aufräumen, nicht einschlafen können oder wollen? Wenn mein Mann, meine Frau nicht mithilft, meine Erwartungen andauernd enttäuscht? Wie kann umgekehrt ein vertrauensvolles, interessantes Gespräch entstehen? Hört mir eigentlich jemand zu? Gibt es für all diese Fragen einen Werkzeugkoffer?

Das Selbstverständliche verteidigt

Ja, gibt es, einen der, um es mit den Worten von Chesterton zu sagen, das „Selbstverständliche verteidigt“ und die Kunst guter Kommunikation in den Blick nimmt. Sie ist ein entscheidender Glücksfaktor jeder Beziehung. Aber auch das Selbstverständliche hat Kriterien und Voraussetzungen. Wer diese beachtet, eignet sich eine Haltung an. Denn Kommunikation ist mehr als eine effektive Technik, die man lernt, um andere zu manipulieren, mehr als kompetente Nutzung von positivem Satzbau und Körpersprache, um Kinder gehorsam werden zu lassen und Kunden zum Kaufen zu veranlassen. Das ist über kurz oder lang ein Eigentor. Wer mehr an dem eigenen Vorteil als an Wohl und Entfaltung des anderen interessiert ist, wird niemals wirklich gut kommunizieren. Gute Kommunikation baut auf einer Haltung von Liebe, Achtung und Anerkennung des jeweils anderen, von Groß und Klein, Stark und Schwach, auf.

Sieben Eigenschaften und/oder Voraussetzungen seien genannt, um die Haltung eines gut kommunizierenden Menschen – Mutter, Vater, Bruder, Schwester, Ehemann, Ehefrau – zu Hause zu gewinnen:

1. Zuhören:

Ein liebenswürdiger Mensch zeigt durch seine Art des Zuhörens und die Zeit, die er dem Gegenüber einräumt, dass er ihn wertschätzt und verstehen möchte. Das Kind, dem auf diese Weise zugehört wird, entwickelt Vertrauen in das eigene Denken und Fühlen. Wir lernen dabei auch, welche Inhalte in der Erfahrungswelt des Kindes oder unseres Gegenübers auf ein Echo stoßen. Sprachlicher Austausch entwickelt so auch Selbstvertrauen. Es gehört zum ABC der Psychologie, dass der Mensch ein Leben lang die Erfahrung einer sicheren, emotionalen Resonanz braucht. Im Gespräch können die Empfindungen des jeweils anderen artikuliert und anerkannt werden, wenn nicht sogar mit den eigenen Gefühlen zur Deckung kommen. Gegenseitiges Verständnis vermittelt so Kindern und Eltern das Vertrauen in die eigenen Gefühle, emotionale Sicherheit. Hinhören hat Vorfahrt, auch vor dem Sprechen. Höre ich also gut zu und frage freundlich nach, dann trägt das zum gegenseitigen Verstehen und Verständnis wesentlich bei.

2. Sprechen:

Parallel geht es auch beim Sprechen darum, den anderen möglichst mit Verstand und Herz zu erreichen, das heißt auch kritische Themen zu formulieren, ohne dabei zu verletzen. Dazu helfen die sogenannten Ich-Botschaften oder eine ruhige Beschreibung der zu verbessernden Verhaltensweisen, verbunden mit einem Wunsch, einer Bitte, einem Lösungsvorschlag, einer Anweisung. „Es tut mir leid, dass Du vor lauter Hausaufgaben gar nicht mehr hinaus zum Spielen kommst. Wenn du fertig bist, ist es meist schon dunkel. Wie wäre es, wenn Du einen Teil Deiner Hausaufgaben bis drei Uhr machst und den Rest dann ab fünf Uhr nachmittags?“ Statt, „Du trödelst immer so, dass Du nie mit Deinen Hausaufgaben fertig wirst. Kein Wunder, dass Du dann niemanden mehr zum Spielen hast.“

3. Die Macht der Worte:

Worte können Töten oder zum Leben erwecken, können messbar das Immunsystem schwächen oder stärken, motivieren oder entmutigen. Und sie sollten immer echt, d.h. mit einer freundlichen, zugewandten Körperhaltung und Mimik verbunden sein. Höfliche, achtsame Worte und Sätze prägen Stimmung, Sprache, Denken und Selbstwertgefühl aller Beteiligten. Herabsetzende, verletzende Worte zu benutzen, ist so unnötig wie ein Kropf. Sie fallen früher oder später auf denjenigen zurück, von dem sie ausgehen. Die drei einfachsten Worte, die jeder in der Familie beherrschen sollte, sind bitte, danke und bei passender Gelegenheit, verzeih. Darauf weist auch der Papst hin. Es sind nur Worte, aber ehrlich gesprochen tragen sie Früchte für alles, was Familie und Zusammenhalt ausmacht. Bitte und Danke lehren die Bemühungen von Mutter, Vater oder Kindern wahrzunehmen und anzuerkennen. Und „Verzeih“ hilft, die eigenen Fehler zu sehen, sich selbst nicht als vollkommen zu betrachten und die schöne Tugend der Demut inklusive der Bitte um Vergebung zu üben.

4. Sinngebung:

Sprache erfüllt das Leben mit Sinn. Eine der Bedeutungen des griechischen „Logos“ ist Wort, eine weitere auch Sinn. Gerade in Gemeinschaft kommen wir nicht umhin, das Warum und Wozu zu erwägen, welches das Kind etwa zum Essen motiviert, die Familie und das Leben zum gemeinsamen Projekt macht, gegenseitige Hilfe zu einer Frage von Förderung und Formung der Persönlichkeit und nicht nur zur Rationalisierung von Abläufen. Nur mit einer guten, vielleicht unausgesprochenen Begründung sollte ich Wünsche äußern oder Anweisungen geben.

5. Regeln:

Optimal ist, wenn alle Familienmitglieder sich um gute Kommunikation bemühen. Hat sich schon ein rauer und verletzender Ton eingeschlichen, dann reicht nicht mehr das Vorbild allein, sondern kann Sprachkultur auch mithilfe von Regeln wieder Einzug halten: Die Wichtigste ist, zu üben, dem jeweils anderen gut und interessiert zuzuhören und passende, weiterführende Fragen zu stellen, bis der andere sich gut verstanden fühlt. Eine ruhige, freundliche Stimme ist wie Musik, ein Lob wie eine Woche Ferien für alle und stärkt das Immunsystem. Die Art der Worte, die wir benutzen ist nichts anderes, als der hoffentlich positive Ausdruck unserer Einstellung und Haltung zu uns selbst, sowie gegenüber den Menschen und Dingen, die uns umgeben.

6. Sprachmüll:

Unter sprachlichen Giftmüll fallen alle abwertenden Etiketten und negativen Du-Botschaften. Ein guter Rat: Verallgemeinere weder Deine Gefühle noch Deine Beurteilungen. Wie zum Beispiel: „Du denkst immer nur an dich selbst…“ „Männer, Frauen, sind eben mundfaul, geschwätzig“…. „Du bist genauso nervig wie Deine Mutter, so aggressiv wie Dein Vater…“ Denn solche Worte vergiften und verletzen und wir können sie in einer friedlichen, gesunden Umgebung nicht brauchen.

7. Glück und Resilienz:

Einer der wichtigsten Glücksfaktoren in Beziehungen ist eine gelungene Kommunikation. Ihr Fehlen ist auch einer der Hauptfaktoren für Scheidungen. Warum ist das so? Eine gute Kommunikation hilft, erwartete und unerwartete Krisen gemeinsam zu bewältigen, stressresistent zu werden. Man nennt das auch Resilienz. Diese Erfahrung der Zusammengehörigkeit in der Not hegt Ängste, Einsamkeit und Hilflosigkeit sorgsam ein. Mit Sprache und Kommunikation können wir Gefühle, Hoffnungen, Ängste und Sorgen auch unter Stress teilen und einordnen, Orte der Berechenbarkeit schaffen und Aufgaben umverteilen. Die äußere Situation mag unberechenbarer geworden sein, die Alltagsroutine von Beruf, Kindergarten, Schule hat sich in Rauch aufgelöst. Zunehmend belasten echte finanzielle und berufliche Sorgen viele Menschen schwer. Die Räume unserer innerfamiliären positiven Kommunikation, Spiele, Bücher, Gespräche, Projekte aber öffnen sich für den, der sie zu finden weiß. Ein Austausch in dieser Weise, länger als die sonst üblichen, durchschnittlich acht Minuten täglich, schafft nachhaltig neue, ungeahnte Nähe, liebevolle Verbundenheit und gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen. Es sind Ingredienzen dauerhaften Glücks.

Fazit: Die Würde des Menschen ist unantastbar, sagt unser Grundgesetz. Dass das wirklich so ist, sollte jeder Mensch von klein auf in der Familie erfahren. Diese Selbstachtung ist, ebenso wie Bindungssicherheit, sehr schwer im späteren Leben nachzuholen. Liebe und Achtung vor dem kleinsten wie dem größten Familienmitglied wird sich von dort aus in der Haltung allen Menschen gegenüber verbreiten. Die Familie ist die kleinste biopsychosoziale Einheit im Staat und trägt mit einer guten Sprachkultur wesentlich zum Gemeinwohl bei. Kinderlachen, Vertrauen, Sicherheit, Resilienz, Paar- und Elternliebe tragen zum gemeinsamen Glück bei und strahlen auf die gesamte Gesellschaft aus. Auch auf die Bereitschaft zur Solidarität und auf die Debattenkultur.

Consuelo Gräfin Ballestrem ist Diplom-Psychologin und Diplom-Heilpädagogin, sowie Coach für Erziehungsfragen und Paarkommunikation. Als Leiterin der Medienakademie für katholische Apologetik (MAKA) setzt sie sich zudem für Wissensvermittlung und Kommunikationskompetenz in christlichen Themenfeldern ein.

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