Planguenoual

Dankbarkeit

Über eine Tugend, die heute notwendiger ist denn je und die der Mensch in der Familie lernt.

Mädchen mit selbst gepflückten Blumenstrauss aus bunten Blumen als Geschenk
Dankbarkeit lenkt von sich selbst ab und ermöglicht den Blick auf den anderen. Es ist eine Haltung, die einerseits in der Familie grundgelegt wird und sich andererseits auch auf die Stimmung in einer Familie positiv auswirkt. Foto: (245171397)

In einem kleinen Dorf in der Nordbretagne, Planguenoual, mit vielleicht drei-, vierhundert Seelen, versucht der Pfarrer kurz vor Ostern in einer Predigt für die Kommunionkinder das Evangelium zu erklären. Es geht um den Satz: Seid vollkommen, wie Euer Vater im Himmel vollkommen ist (Mt 5, 48). Wie können wir so vollkommen sein wie der Vater im Himmel? Große Kinderaugen schauen ihn an. „Indem wir Ihm danken“, sagt der Pfarrer, „danke, dass Du mich zur Kommunion gerufen hast; danke, dass Du Vertrauen in mich hast; danke, dass Du mich liebst, wie ich bin; danke, dass Du mir hilfst, die anderen zu lieben, wie sie sind; danke für meine Eltern, für meine Oma und den Opa und die ganze Familie; danke für die Schule, auch wenn ich sie mal nicht so toll finde.“

Es ist eine großartige Katechese. Denn mit wenigen Worten pflanzt der Pfarrer, der an dieser rauen Atlantikküste schon viele Beichten gehört und Schicksale erlebt hat, den Kindern eine Haltung zum Leben ein, die nach Erkenntnissen der Neurowissenschaften ihnen helfen wird, physisch gesünder zu leben und Beziehungen mit Tiefgang und Freude zu pflegen. Es geht um die Dankbarkeit.

Die Mutter aller Tugenden

Für Cicero war Dankbarkeit nicht nur die größte aller Tugenden, sondern auch die Mutter aller Tugenden. Aristoteles sah das Wesen der Dankbarkeit darin, dass wir eine Wohltat an uns anerkennen und bereit sind, mit einer Wohltat zu antworten. Damit kamen die zwei vorchristlichen Denker der Quelle der Dankbarkeit, der Liebe, schon ziemlich nahe. Auch hier hat die moderne Wissenschaft Verbindungen zum konkreten Leben nachgewiesen. Die Psychoanalytikerin Melanie Klein etwa hat die Entstehung des Gefühls der Dankbarkeit beim Kleinstkind untersucht und herausgefunden, dass dieses Gefühl unmittelbar mit der Beziehung zur Nahrungsaufnahme zusammenhängt. Besonders deutlich sei das bei Babys, die gestillt werden. Die Haltung der Dankbarkeit wird sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen.

Dankbarkeit ist eine Lebensweise

Dankbarkeit ist mehr als eine Regel der Höflichkeit. Es ist eine Haltung gegenüber dem Leben, eine existenzielle Einstellung, eine Lebensweise. Die Psychologen Robert Emmons und Michael McCullough von der Universität von Kalifornien, meinen, das Wort „Danke“ könne das Leben ändern, wenn es bewusst gesagt werde. Sie haben dazu ein Experiment durchgeführt mit drei Gruppen von je mehr als hundert Personen. Alle Personen sollten ein Tagebuch führen, die eine Gruppe mit allen Ereignissen des Tages, die zweite nur mit unangenehmen Ereignissen, die dritte nur mit Vorkommnissen, für die sie dankbar sein könnten. Zehn Wochen später erwies sich die dritte Gruppe als allgemein positiver als die anderen, mit Begeisterung im Alltäglichen und optimistischer Zuversicht für die Zukunft. Mehr noch: Diese Gruppe hatte weniger Gesundheitsprobleme, betrieb mehr Sport, hatte einen geringeren Stresspegel, einen besseren Schlaf, ging Probleme mit mehr Entschiedenheit an, war leistungsstärker und signifikant weniger depressionsanfällig. Dankbarkeit lohnt sich.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass Dankbarkeit auch die Stimmung in einer Familie positiv prägt. Diese Haltung hebt den Pegel des ethischen Grundwassers. Papst Franziskus hat das bei einer Katechese einmal zusammengefasst, als er die drei Schlüsselworte menschlichen Zusammenlebens nannte: „Danke“, „bitte“, „es tut mir leid“. In der Urlaubs- und Ferienzeit, wenn die Familie ähnlich wie in der Corona-Zeit stärker aufeinander angewiesen ist, kommt diese Haltung besonders zum Tragen. Urlaub ist in der Regel eine Zeit, in der man Beziehungen neu ordnet und belebt. Es ist auch eine Zeit, in der man gerade solche Grundhaltungen wieder stärker ins Bewusstsein heben kann.

Die Welt annehmen, wie sie ist

Dabei geht es nicht nur um die Beziehungen zu den anderen Familienmitgliedern, sondern auch um die Beziehung zur Natur und zu ihrem Schöpfer. Bekannt ist in diesem Zusammenhang der Sonnengesang des heiligen Franziskus. Es ist ein Danklied für die Gabe der Natur, für „Bruder Wind und Schwester Mond“ (in den romanischen Sprachen ist das Wort für Mond – lune, luna – weiblich). Die Haltung der Dankbarkeit ermöglicht heiteren Herzens die Annahme der Welt, wie sie ist, mit guten und weniger guten Dingen. Das Entscheidende aber ist die Sicht über sich hinaus, die Hinwendung zum Anderen. Dankbar sein lenkt von sich selbst ab und schaut auf den anderen, der uns Gutes will. Es enthält die Erkenntnis, wie der französische Philosoph Paul Ricoeur bemerkte, dass „wir den anderen brauchen, um zu existieren. Es ist der Blick des anderen auf mich, der meine Existenz aufwertet und meinen Wert bestätigt. Ohne diese Anerkennung bin ich nichts.“

Kindern eine postive Haltung mitgeben

Es gehört angesichts des Chaos und der Herrschaft des Bösen in der Welt heute zu den notwendigen Zielen jeder Erziehung, den Kindern diese positive Haltung zum Leben zu schenken. Das geschieht wie immer zuerst durch das Vorbild. Eltern, die nicht Danke sagen, können kaum erwarten, dass die Kinder es tun. Gerade bei Lebenseinstellungen und inneren Haltungen läuft die bloße Anordnung ins Leere, wenn die Lebenshaltung nicht auch vorgelebt wird. Freundlichkeit, Großzügigkeit, Bescheidenheit – diese kleinen Schwestern der Dankbarkeit sind Tugenden des Herzens und der Beziehungen, keine technischen Mechanismen, die man mit Formalitäten beherrschen könnte. Sicher, das Experiment mit den Tagebüchern zeigt, dass positives Denken bis zu einem gewissen Grad erlernbar ist. Und Politiker, die „gecoucht“ werden, wissen, dass man bestimmte Gesichtsmuskeln (zum Beispiel des Lächelns) nur lange genug anhalten und trainieren muss, um die Ausschüttung des Glückshormons Oxytoxin zu produzieren, was hilft, um einen freundlichen Eindruck zu machen. Aber das „positive thinking“ hat seine Grenzen. Tugenden des Herzens kommen in gewissem Sinn in einer Wolke der Empathie daher, der emotionalen Zugewandtheit, des echten Interesses für den anderen. Sie sind kein Ergebnis eines Zweckdenkens.

Liebe und Vorbild

Kinder spüren das. Denken entsteht aus Emotionen und danken auch. Die Haltung der Dankbarkeit ist wie eigentlich alles in der Erziehung ein Ergebnis der Liebe. Liebe und Vorbild – so definiert schon Pestalozzi Erziehung. Und wie bei jeder Persönlichkeitsentwicklung braucht die emotional erfahrene und internalisierte Haltung der Dankbarkeit später die kognitiv nachvollziehbare Begründung. Danken ohne Gedanken verdunstet. Das Gute muss erklärt werden. Auch hier wieder: Kinder brauchen wissende Eltern, wie Christa Meves immer wieder sagt. Und zu diesem Wissen gehört beim Thema Dankbarkeit, dass das Gute ein Geschenk ist, das uns nicht geschuldet ist, angefangen beim Leben selbst. Das hat der Pfarrer von Planguenoual in genialer Einfachheit erklärt. Danke für das Leben, für die Liebe, für die Familie, für das Meer und die Natur. Kinder, die die Welt als Gabe sehen, für die man zu danken hat, weil sie unverdient geschenkt wurde, werden Erwachsene, die die Welt als Aufgabe sehen, weil sie uns anvertraut ist.

Letztlich ist Erziehung zur Dankbarkeit auch Erziehung zur Liebe, oder etwas profaner, zur Solidarität. Eine Gesellschaft dankbarer Menschen ist eine solidarische Gesellschaft. Ohne Dankbarkeit herrschen Ellenbogen und Gewalt. Professor McCullough sieht deshalb in der Dankbarkeit „eine glückliche Alternative zum Materialismus, jenem Krebsgeschwür unserer Hyperkonsumgesellschaften“.

„Undankbarkeit ist das Grab des Guten“

Wenn Dankbarkeit fehlt, fehlt auch der Sinn für Hingabe und Opferbereitschaft, für Wohlwollen und Freundschaft. Und auch für das Empfinden von Schuld. Für den Schriftsteller Alfred de Musset gilt gar: „Undankbarkeit ist das Grab des Guten“. Eltern machen gelegentlich diese Erfahrung der Undankbarkeit. Sie fühlen sich persönlich abgewiesen, wenn erwachsene Kinder sie ignorieren, Hilfe ablehnen. Manche Eltern empfinden das sogar als intime Verletzung, als Ungerechtigkeit des Lebens. Es gibt in der Tat eine Dankesschuld, die nicht abgetragen werden kann.

Die Klassiker haben diese Schuld der Kardinaltugend der Gerechtigkeit zugewiesen und ihr auch eine Haltung zugeordnet: die Pietas. Man könnte es mit Respekt übersetzen. Es ist die liebevolle Ehrerbietung, die Liebe zu den Eltern oder auch zum Vaterland. Denn das, was Eltern und Kultur an Gutem geschenkt haben, zuerst das Leben und dann die Fertigkeiten, dieses Leben zu meistern, lässt sich nicht ausgleichen. Die Dankbarkeit aber ist die adäquate Haltung, die dieser Lebensschuld gebührt. Und gerade auch in einer alternden Gesellschaft eine Tugend, die das Zusammenleben menschlicher macht. Sie hilft, um das Beispiel des Pfarrers aufzugreifen, Kindern und Eltern vollkommen zu werden wie der Vater im Himmel es ist.

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