Berlin

Corona und die Kinder

Erste Studien über die psychologischen Folgen der Pandemie für Kinder und Heranwachsende lassen Befürchtungen wachsen.

Großmutter mit Enkelkind
Die Weltfremdheit des politisch-medialen Establishments gegenüber Kindern ist ärgerlich, aber nicht neu. Aber selbst in katholischen Schulen kommt es vor, dass man den Kindern sagt, sie seien eine, vielleicht sogar tödliche, Gefahr für Oma und Opa. Foto: Imago

Die jüngsten Überlegungen und Beschlüsse zu Corona zeigen die Fremdheit der Berliner Politik mit der Situation von Familien. Der Vorschlag des Kanzleramts, die Kontakte der Kinder auf nur einen Freund oder eine Freundin zu beschränken, Masken in Schulen für alle Kinder verpflichtend vorzuschreiben und Klassen zu halbieren, um Mindestabstände einzuhalten verkennt die Lebenswirklichkeit von Kindern. Auch bei den Vorschlägen für Weihnachten und überhaupt bei den Besuchsregelungen „scheinen Familien mit drei und mehr Kindern in den Überlegungen zur konkreten Umsetzbarkeit kaum bedacht worden zu sein“, klagt die Bundesvorsitzende des Verbandes kinderreicher Familien in Deutschland (KRFD), Elisabeth Müller.

Aufatmen für Familien

Das Bundeskanzleramt, unterstützt vom bayerischen Ministerpräsidenten, konnte sich mit diesen Vorschlägen nicht durchsetzen. Die Familien konnten aufatmen. Müller zeigt weitere Konsequenzen auf. So dürften nach der wörtlichen Auslegung des Weihnachtskonzepts Familien mit mehreren Kindern, von denen die älteren „durch Ausbildung oder Studium einen eigenen Hausstand in anderen Städten führen müssen, das Fest nicht mit ihren Eltern und Geschwistern verbringen. Schnell kämen mehr als zwei eigene Hausstände zusammen. Ebenso falle der gemeinsame Spaziergang zweier sogar verwandter Mehrkindfamilien mit insgesamt beispielsweise sieben Kindern weg, da sie die Personenzahl von zehn Personen überschreiten. Auch die Regelung, wonach sich ein Kind mit einem festen Freund treffen dürfe, wirft in Familien mit mehr als zwei Kindern Fragen nach der Umsetzbarkeit auf.“

In einigen Ländern sind diese Regeln nicht verpflichtend. In Nordrhein-Westfalen etwa können zehn erwachsene Personen aus mehreren Hausständen zusammenkommen und ihre Kinder mitbringen. Auch Mecklenburg-Vorpommern und andere Länder, deren Regierungschefs selber Kinder haben und erziehen, haben die Regeln für Weihnachten gelockert. Müller rechnet vor: „In Deutschland leben 1,4 Millionen Menschen mit mehr als zwei Kindern im Haushalt. Wenn die Regelungen ausschließlich an der Kleinfamilie Maß nehmen, verfehlen sie die Lebensrealität von mindesten acht Millionen Menschen in unserem Land.“

Weniger Kontakt zu Freunden

Aber beim „Fremdeln“ der Berliner Politik mit den Bedürfnissen von Familien geht es nicht nur um kinderreiche Familien. Man hat sich offenbar auch keinerlei Gedanken gemacht über das Befinden und die psychischen Folgen für Kinder und Heranwachsende in Corona-Zeiten. Mittlerweile erscheinen auch Studien dazu. Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf etwa hat für seine Studie im Mai und Juni rund tausend Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren und mehr als 1 500 Eltern befragt. Die wichtigsten Ergebnisse in Kürze: 71 Prozent der Kinder fühlten sich psychisch belastet, 65 Prozent erlebten Schule als anstrengender als vorher und 39 Prozent glauben, dass sich das Verhältnis zu Freunden wegen des mangelnden Kontakts verschlechtere.

Zu den psychosomatischen Schmerzen, die während der Pandemiezeit von den Kindern und Jugendlichen signifikant stärker erfahren werden, zählen Bauchschmerzen (31 Prozent, vorher 21 Prozent), Niedergeschlagenheit (34 zu 23), Einschlafprobleme (44 zu 39) und besonders Gereiztheit (54 zu 40). Auch bei der Lebensqualität stellt die Studie deutliche Veränderungen im Vergleich zu einer bundesweiten Studie vor der Krise fest. Demnach ist die Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen deutlich gesunken, der Anteil der psychisch Auffälligen gestiegen, bei 7-10-Jährigen von gut sieben auf 27 Prozent.

Familie als Rückhalt

Die Weltfremdheit des politisch-medialen Establishments gegenüber Kindern ist ärgerlich, aber nicht neu. Sie schlägt sich ja auch in Gesetzen nieder. Oder in Forderungen nach einem Kindergipfel, um „Kindern und Jugendlichen, die de facto vielfach Zuhause eingesperrt“ seien, „unter Pandemiebedingungen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen“, wie es in einem Antrag der Linke-Fraktion heißt (Bundestagsdrucksache 19/19145). Zu dem Gipfel sollten alle möglichen Experten und Jugendliche eingeladen werden, Eltern nicht. Selbst in katholischen Schulen kommt es vor, dass man den Kindern sagt, sie seien eine, vielleicht sogar tödliche, Gefahr für Oma und Opa. Man kann aber Wissen vermitteln, ohne Angst oder ein schlechtes Gewissen zu machen.

Die Familie ist der Ort der Geborgenheit.

Da bleibt offensichtlich als wichtigster Rückhalt, um die Folgen aufzufangen, wieder einmal nur die Familie. Es wird nicht an Kritikern fehlen, die die Familie als Ursache für die psychologischen und psychosomatischen Verschlechterungen sehen. Aber das wäre zu kurz gedacht. Dann müsste es den Kindern dauerhaft schlecht gehen, auch schon vor der Krise. Natürlich setzt Corona auch der Familie als solche zu. Aber sie ist es, die durch die Krise führt. Kein Wunder, die Familie ist der Ort der Geborgenheit und Geborgenheit bedeutet Liebe. Mama, Papa und die Geschwister sind Personen und können lieben. Der Staat kann es nicht, die Parteien auch nicht und die Medien erst recht nicht.

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