Würzburg

Erziehung zur Selbstkontrolle

Smartphones sind für viele Eltern eine pädagogische Herausforderung. Die Stärkung der Medienkompetenz der Eltern und alternative Angebote schaffen Abhilfe.

children  with mobile devices
Viele Kinder und Jugendliche verbringen immer mehr Zeit mit ihrem Smartphone und im Internet. Bis zu vier Stunden sind keine Seltenheit. Foto: Adobe Stock

Manche Eltern kommen mit reichen Erfahrungen aus den Ferien zurück. Sie haben zum Beispiel gelernt, dass ihre gerade mal zehnjährigen Kinder auch in den Ferien nicht von Online-Spielen lassen können. Sei es, dass die Freunde der Kinder von Italien, Spanien oder von zuhause aus über Internet das Spiel fortsetzen wollen und man entweder mitspielt oder im Ranking zurückfällt, sei es, dass andere in die Spiele eingebaute psychologische Tricks und Mechanismen zum permanenten Spielen anregen, sei es, dass die Gewohnheit schon das Verhalten verändert hat – bei vielen Eltern leuchten in den Ferien die pädagogischen Alarmlampen auf.

Streitgespräche enden in harschen Verboten

Und da Eltern im Urlaub in der Regel mehr Zeit für Erziehung und überhaupt Kommunikation mit den Kindern haben, haben sich über dieses Thema Streitgespräche entwickelt, die mit dem Ende der Geduld oft in harschen Verboten endeten. Wenn dann auch noch die „Verhandlungen“ mit den Kindern über die „Bildschirmzeiten“ zwar zu konkreten Ergebnissen geführt haben (zum Beispiel eine halbe Stunde pro Tag), diese Abmachungen aber ständig überzogen werden, dann ist der Moment gekommen, in dem Eltern beschließen, die Smartphones der Kinder mit Sperrfunktionen hochzurüsten.

Solche Sperr-Apps, die von Apple, Google und anderen angeboten werden, sind auf den ersten Blick fantastisch: Sie suggerieren totale Kontrolle. Apple liefert sogar noch eine Tagesstatistik über den Handykonsum des Kindes. Ohne Sperrung beläuft sich dieser Konsum durchschnittlich auf satte drei Stunden, vor zehn Jahren war es noch nicht einmal die Hälfte. Ähnlich rasant verlief die Kurve der Nutzerzahlen. Vor acht Jahren waren es 27 Prozent der Bevölkerung, heute sind es über neunzig und bei den Kindern ab zwölf Jahren sind es nach Angaben der Mediennutzungsstudie JIM ebenfalls gut neunzig Prozent. Und von den 221 Minuten, die Kinder und Jugendliche bis 19 Jahren täglich im Netz sind, gehen 84 Minuten für die Spiele drauf. Dabei spielen Jungen etwa dreimal so viel und lang wie Mädchen.

„Sperr-Apps“ sind nur auf den ersten Blick fantastisch

Bei solchen Zahlen ist man von einer Suchtgefährdung nicht mehr weit entfernt. Der Griff zu den Sperrfunktionen ist verständlich. Aber er ist auch trügerisch. Zum einen sind diese Funktionen mit wachsenden Internet- und App-Kenntnissen leicht zu umgehen. Es gibt sogar Internetforen wie etwa Reddit oder 4chan, auf denen Jugendliche sich beraten und Tipps zur Umgehung der Sperr-Apps austauschen. Das kann dann durchaus in der vereinbarten halben Stunde geschehen. Zum anderen verlassen sich Eltern damit auf Programme und nicht mehr die persönliche Abmachung mit den Kindern. Damit zeigen sie den Kindern, dass sie ihnen nicht vertrauen.

Und, schlimmer noch, dass totale Kontrolle ein probates Mittel ist – später vielleicht auch im Berufsleben oder gar in der Politik? – und auch vor der Privatsphäre nicht Halt macht.

Viel sinnvoller ist es, dass Eltern für die Kinder Alternativen finden für Freizeitbeschäftigungen. Noch wichtiger ist, dass sie sich selber schlau machen. Eltern müssen Medienkompetenz erwerben, um mit den Kindern konkret über Apps und Spiele reden zu können. Und warum sollten sie nicht auch mal mitspielen? So fühlt das Kind sich ernst genommen und wird die Begrenzungen eher akzeptieren. Dazu raten auch etliche Medienpädagogen.

Zentral ist die Medienkompetenz der Eltern

Diese Investition lohnt sich. Man bleibt im Gespräch mit den Jugendlichen. Man lernt einen Teil ihrer Welt kennen, der so natürlich Platz greifen wird, wie andere Medien es im Leben des Kommunikationswesens Mensch seit der Erfindung des Buchdrucks beschleunigt getan haben. Wer in diesem medialen Bereich im Gespräch bleibt, kann auch glaubhaft vor den Gefahren warnen.

Diese Gefahren sind real. Immer stärker verbreiten sich Pornografie und Gewaltszenen auf Teenager-Handys, immer öfter wird per Mausklick oder Fingerdruck Mobbing ausgeübt, immer beunruhigender steigt die Zahl der Depressionen durch soziale Medien, immer lauter werden die Stimmen der Hirnforscher und Psychologen, die vor den Folgen des exzessiven Konsums für Denken und Fühlen warnen, Stichworte wären Verdummung, Verrohung und digitale Demenz.

Übrigens nicht nur in Deutschland. In seinem Buch „Der große Wandel. Die Vernetzung der Welt von Edison bis Google“ schreibt der Amerikaner Nicholas Carr: „Unser Bewusstsein wird ausdünnen und verflachen.“

„Unser Bewusstsein wird ausdünnen und verflachen“

Es geht nicht darum, moderne Kommunikationsformen zu verteufeln. Es geht um ihre angemessene und nutzbringende Handhabung, um die Maîtrise des Mediums, letztlich um die Herrschaft über sich selbst.

Wenn das kein lohnendes Ziel der Erziehung ist...