Berlin

Das elfte Kind

Der Rotary-Jugendaustausch - ein Erfahrungbericht.

Größer als in Rio: Der Gast aus Brasilien beim Christus von Schwiebus. Foto: thiede

Das neue Schuljahr beginnt bald wieder und einige Kinder setzen ihre Schulkarriere dann im Ausland fort. Andere kommen dafür für ein Schuljahr nach Deutschland. Das ist für Gasteltern und ihre Familien jedes Mal eine neue Erfahrung und mit vielen Überraschungen verbunden. Ein subjektiver Erfahrungsbericht einer Großfamilie vom Berliner Stadtrand mit Austauschschülern aus fernen Kontinenten

Wir bekommen bald das fünfte Kind oder eigentlich das elfte. Und das hat folgenden Hintergrund: Bei der Suche, unseren eigenen Kindern einen Schüleraustausch zu ermöglichen, stießen wir auf Rotary, eine Organisation, die ohne kommerzielles Interesse einen echten Austausch mit fremden Ländern anbietet. Eine Zeit im Ausland für Kinder und Jugendliche bieten viele an – aber fast immer steht dahinter ein kommerzielles Interesse, mit wohlklingenden Programmen wie „International Experience“ wird vor allem Geld verdient. Das können sich in der Regel kinderreiche Familien nicht leisten. Bei Rotary International (siehe Kasten) ist es so: Jedes Gastkind aus Deutschland kommt in der Regel in drei unterschiedliche Familien, bleibt aber an ein und derselben Schule. Für drei bis fünf Monate lebten in unserer Berliner Stadtrandfamilie in den letzten vier Jahren inzwischen vier Jugendliche - aus Südamerika und Asien.

Wir sind ja nicht wirklich typisch deutsch

Einer unserer ersten Gedanken war: Wir sind ja nicht wirklich typisch deutsch mit unserer Familie und sechs eigenen Kindern. Zudem leben wir am Rande einer eher an Kindern armen Metropole und in einer nicht gerade für Kinderfreundlichkeit bekannten Region. Bei uns – mit freien, künstlerischen Berufen – gleicht kein Tag dem anderen. Aber was ist schon typisch deutsch? Alle Eltern unserer Gastschüler waren erfreut, dass ihre Kinder nach Deutschland kamen. Ordnung, Disziplin, Sauberkeit, Pünktlichkeit – alle diese Tugenden verbinden sie mit Deutschland, schrieb die Mutter unseres ersten Gastkindes aus Mexiko. Wir hatten Bedenken, ob wir ihre Erwartungen erfüllen würden. Anfangs waren wir euphorisch, erstellten Listen (sehr deutsch) der Sehenswürdigkeiten, Listen mit bestimmten Mahlzeiten, die das Gastkind probieren sollte, Pläne, was wir alles gemeinsam unternehmen werden.

„Gasttochter 1“ traf am Tag 3 nach ihrer Ankunft schon Angela Merkel. Das Bundeskanzleramt und die Ministerien hatten ihren jährlichen Tag der offenen Tür. Das war für den Auftakt vielleicht zu staatstragend und etwas schnell und wir hätten ihre Frage, ob die blaue Fahne vor Merkels Amtssitz mit den vielen gelben Sternen denn die deutsche Flagge sei, nicht überbewerten sollen. Aber wenn ich in ein fremdes Land gehe, dann doch mit einem gewissen Vorwissen. Nachdem sie die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Berlins in den folgenden Tagen emotionslos gesehen hatte, reagierte sie plötzlich erfreut in einem Kaufhaus am Alex. Sie staunte und holte ihre Kamera hervor und machte viele Fotos von den langen Rolltreppen. So etwas kannte sie offensichtlich noch nicht.

Irgendwann wurde uns klar: Es war nicht ihr Wunsch, ins Ausland zu gehen

Im Spätsommer saß sie mit ihrer pinken Winterjacke oft am See, während ihre Gastgeschwister badeten und tobten und fragte mehrfach, ob da wirklich keine Krokodile drin seien. Denn so etwas wäre bei ihr zuhause in Seen nicht unüblich. Zur Badefreundin wurde sie nie. Dafür hatte sie 900 Teile ihrer Lieblingsserie auf dem Computer dabei, welche sie am liebsten in ihrem verdunkelten Zimmer allein schaute. TV-Soaps interessierten sie deutlich mehr als unsere realen Angebote in der Natur, Ausflüge in die Hauptstadt oder das Brandenburger Umland. Bei einem Kurztrip an die Ostsee saß sie stundenlang auf einem Stuhl, als hätte sei Angst vor dem vielen Sand, während unsere Kinder Spiel um Spiel herausholten – aber weder Frisbee, Federball noch Bumerang konnten sie reizen. Sie mochte kein Sprudelwasser, aber wenn es mal Cola gab, dann war sie gerne mit mehreren Gläsern dabei. Irgendwann wurde uns klar, sie wurde „verschickt“. Es war nicht ihr Wunsch, ins Ausland zu gehen und sie hatte keine Ahnung, wo sie da angekommen war. Was hatte ihre Eltern bewogen, sie nach Europa zu schicken? Wollten sie mit dem Austauschjahr in Deutschland die schwierige Phase der Pubertät umschiffen? Das blieb für uns unbeantwortet. Auch von den folgenden Gastfamilien erfuhren wir von ähnlichen Problemen.

Deutsches Essen? "Interessant!"

Für „Gastkind 2“ waren wir die zweite Familie in Deutschland. Das machte schon einen erheblichen Unterschied. Solide, erste Deutschkenntnisse waren vorhanden und die kulturelle Einführung in das hiesige Leben hatte bereits die Gastfamilie vor uns übernommen. Es war also geklärt, dass wir Toilettenpapier in und nicht neben die Toilette oder in einen Eimer werfen, wir täglich unsere Unterwäsche wechseln, die Unterhosen nicht in der Dusche waschen und gern zusammen Mahlzeiten einnehmen sowie die Wochenenden gemeinsam planen. Der Gastsohn war intelligent und überaus freundlich. Einmal kochte er für uns Gerichte aus seiner asiatischen Heimat. Schon der Anblick des Essens war anders. Beim Probieren uns unbekannter Gerichte konnten wir nachempfinden, wie er sich hier am Tisch fühlen musste, wenn wir ihm unbekannte deutsche Speisen, wie Grützwurst, Eisbein oder Rote Grütze servierten. Aber immerhin, unsere Mahlzeiten waren für ihn „interessant“, wie er sich diplomatisch ausgedrückte. Darüber konnten wir lachen und „interessant“ ist bis heute ein geflügeltes Wort in unserer Familie geblieben, wenn mal etwas Neues, Ungewohntes auf den Tisch kommt, was nicht auf Anhieb gleich schmeckt. Einmal hat er sich verliebt und war – wir merkten es erst später –, über Nacht in einer anderen Stadt. Und obwohl die Regeln von Rotary weltweit für alle Austauschschüler gleich sind: don't drive, don't date, don't drink … fanden wir nach seinem Auszug unter seinem Bett eine angefangene Wodkaflasche ….

Vor der Christusstatue im polnischen Schwiebus

„Gastkind 3“ war ein Sonnenschein, immer singend, gut gelaunt, für alles offen und nicht nachtragend. Sie konnte wunderbare Pralinen aus ihrer brasilianischen Heimat selbst machen. Sie duschte mindestens dreimal täglich, weil sie es so von daheim gewohnt war. Nur zu Bussen und Bahnen musste sie immer rennen. Uhrzeiten sind in Deutschland eben doch feste Angaben und keine Eventualitäten. Dank ihrer katholischen Erziehung und des Glaubens war sie für das Gemeindeleben, Kirchen, Klöster und hin- und wieder an der Heiligen Messe am Sonntag auch sehr interessiert. Weihnachten nahm sie sogar am Krippenspiel teil. Einer ihrer Höhepunkte mit uns in dieser Beziehung war der Besuch der Christusstatue im polnischen Schwiebus, die sogar größer sein soll als die in Rio, was sie gar nicht glauben wollte. Umso begeisterter ließ sie sich davor mit der Fahne ihres Landes fotografieren, die sie auf unseren Reisen, ob nun ins sächsische Elbsandsteingebirge oder in andere Städte fast immer dabei hatte. Sehr gern traf sie sich mit anderen Gastschülern auf dem Alex oder anderen beliebten öffentlichen Plätzen in Berlin. „Diese „Dates“ waren ihr vielleicht sogar lieber, als nur immer mit uns zusammen zu sein. In dem Alter von 16–17 Jahren sind Gleichaltrige eben wichtiger. Ihr Traum war einmal, einen Schneeengel zu machen wie im Film. Schnee kannte sie bisher nicht. Das konnten wir ihr in den Winterferien dann im Mittelgebirge ermöglichen, wo sie auch erstmals auf Skiern und einem Snowboard stand …

Der Schulweg war ihm zu lang

„Gastsohn 4“ hat am Ende dann fast noch mal alle unsere Kräfte gefordert. Ob seine Mutter dem fast volljährigen jungen Mann noch die Schuhe zubindet und die Anziehsachen morgens herauslegt, haben wir uns oft im Stillen gefragt. „Hast Du geduscht?“ Oh, vergessen …. Wäsche wechseln? Nicht daran gedacht. Der Schulweg war ihm zu lang und er wollte schon nach drei Tagen in eine andere Bildungseinrichtung gehen. Doch den Schulort bestimmt die Austauschorganisation. Immerzu war er über WhatsApp mit den Eltern verbunden – mehr als im persönlichen Gespräch mit seinen Gasteltern. Er konnte sich fast nie mit sich allein beschäftigen. Wollte eigentlich immer mit uns zusammen sein – einerseits. Andererseits kam er nie pünktlich von seinen Ausflügen in die Hauptstadt zum Lunch oder Dinner am Wochenende zurück und musste dann alleine essen, weil unsere Kinder bereits im Bett waren. Für die deutsche Küche war er offen und probierte alles. Am liebsten waren ihm die süßen Sachen. Da gab es keinen Halt. Einmal konnte wir Schlimmeres verhindern, als er gerade einen in Folie eingepackten Tab für die Spülmaschine essen wollte. Einen Geschirrspüler und die Tabs dazu kannte er von zu Hause nicht. Er dachte, es wären Süßigkeiten …. Obwohl er allergisch auf Scharfes war, aß er einmal eine ganze Knoblauchzehe am Stück. Wir hatten manchmal das Gefühl, es mit einem Kleinkind zu tun zu haben, das eine Rundumbetreuung braucht.

Nach solchen Erfahrungen beginnt man, sich deutsch und wohl zu fühlen. Ein Austauschjahr bedeutet nicht ein Jahr lang Ferien mit „all inklusive“. Ja, Uhrzeiten sind verbindlich, wir planen unsere Tage, unsere Schulen enden nicht mittags und sind sehr anspruchsvoll im Vergleich zu den Herkunftsländern unserer Austauschsöhne und -töchter. Es gibt schon viel Brot, aber eben auch sehr viele Sorten… wir decken den Tisch, auf dem wir gern Blumen haben. Wir feiern die christlichen Feste.

Kontakt durch die sozialen Netzwerke

Gerade ist unser jüngster Sohn im Austausch in den USA. Er wollte das unbedingt. Das scheint auch das Wichtigste für ein Austauschjahr zu sein: das Kind muss es selbst wollen und nicht die Eltern. Das Schuljahr muss ohnehin nachgeholt werden. Das Handy verkürzt die Entfernung, wenn es maßvoll eingesetzt wird. Was man bedenken muss: So ein Austausch bringt alles mit sich, Familienfeiern, Beerdigungen, Weihnachten, Advent, Ostern, Geburtstage. Unser Kind hat jetzt Geburtstag. Das wird so anders als er es gewohnt ist und bedeutet für uns Eltern einen Schnitt. Ebenso ist es an Weihnachten besonders schwer, nicht „komplett“ zu sein oder einen Gast zu haben, den man bis vor kurzem nicht kannte. Trotz aller Höhen und Tiefen, dem oftmals ratlosen Kopfschütteln, sind es bleibende Erinnerungen, die uns auch kulturell sehr bereicherten. Die Nachrichten aus den Ländern der Gastkinder aus Asien und Südamerika verfolgen wir seither mit ganz anderem Interesse. Gastkind 2 hat uns sogar im letzten Sommer wieder besucht. Der Kontakt kann Bestand haben. Auch in die andere Richtung, wie kürzlich ein spontaner Besuch einer Gastmutter aus Minnesota mit ihren Kindern bei uns zeigte, wo eine unserer Töchter vor vier Jahren als Rotary-Austauschschülerin wohnte. Durch die sozialen Netzwerke ist es möglich, den Kontakt aufrecht zu erhalten oder sich wiederzufinden.

Das fünfte Gastkind ist gerade in Tegel gelandet. Ab Herbst sind wir seine zweite Familie in Deutschland und ein neues Abenteuer beginnt für uns alle …

Hintergrund: Rotary-Jugendaustausch

Der Rotary-Jugendaustausch bietet Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren die Möglichkeit, für ein Schuljahr in einem Gastland zu leben. Neben den Jahresaustauschen werden auch Kurzzeitaustausche für jüngere oder ältere Jugendliche angeboten. Solche Aufenthalte sind in rund 30 Ländern möglich. Die Kosten für den Jahresaufenthalt variieren je nach Gastland. Die Familie hat insbesondere die Kosten für die An-/Abreise, Krankenversicherung, Visum sowie für Reisen im Gastland zu tragen. Hinzu kommen die Programmkosten, die deutlich unter 1 000 Euro liegen. Rotary-Austauschschüler erhalten ein monatliches Taschengeld von 50–80 Euro.

In der Freizeit helfen die Schüler freiwillig in den Sozialprojekten der Rotary Clubs mit. Sie sammeln für die Sozialprojekte Geld oder stellen sogar eigene Projekte auf die Beine. Der Jahresaustausch beruht auf Gegenseitigkeit, für jeden Austauschschüler, der ins Ausland geht, wird einer in Deutschland aufgenommen. Weitere Infos über das „Youth Exchange Programm“ hier.

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Rocco Thiede ist Buchautor und Publizist. Er hat eine Reihe von Sachbüchern zu Familienthemen geschrieben, etwa „Kinderglück – Leben in großen Familien“. Im September erscheint sein neues Buch „Wir sind für Dich da: KREBS und FAMILIE“ im Herder Verlag. Mit seiner Frau Catarina hat er zusammen sechs Kinder. Vier von ihnen haben Erfahrungen als Austauschschüler in Peru, den USA und Spanien gesammelt.