Würzburg

Nicht bezahlbare Leistung

Die Gesellschaft rechnet, die Familie liebt: Der Corona-Virus könnte die Debatte um die Fremdbetreuung in Kitas und Schulen erneut beleben.

Kita
Leere Schulen und Kindertagesstätten wegen Corona? Für die überlasteten Erzieher bedeutet das vielleicht eine kleine Atempause, den eigentlichen Erziehermangel löst es nicht. Foto: dpa

Corona könnte manches zurechtrücken. Zum Beispiel in der Krippen-Debatte. Wenn demnächst etliche Kitas (und Schulen) vorübergehend schließen müssen, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen, so wie das in Italien und Frankreich schon geschieht, dann wird die Personallage in den Kitas und Schulen entspannt, in den Familien dagegen verschärft. Wohin mit den Kindern, wenn der Betrieb noch nicht Corona-Urlaub vorgeschrieben hat? Viele Eltern werden zuhause bleiben müssen. Die Kinder werden sich freuen. Viele Eltern werden dann aber auch froh sein, dass sie das derzeit bevorzugte Familienmodell (Er Vollzeit, sie Teilzeit und zwar in Funktion des Alters der Kinder) leben.

Das Modell ist flexibel und familienfreundlich. Treffen wird es vor allem die Alleinerziehenden, die keine andere Möglichkeit haben und jene Familien, die als Klein- oder Kernfamilie in der Stadt wohnen, in denen beide Eltern vollzeitig in einem Erwerbsberuf beschäftigt sind und die nicht auf Großeltern oder ältere Verwandte zurückgreifen können. Es sind dieselben, die auch schon bei Kita-Streiks in vergangenen Jahren ins Schleudern kamen.

Krise entschleunigt den Alltag

Aber die Viren-Krise hat in diesem Sinn auch ihre positiven Seiten, sofern es sich um Vorsichtsmaßnahmen und nicht Krankheitsfälle handelt. Sie entschleunigt den Alltag. Sie zwingt dazu, sich intensiver um das Kind oder die Kinder zu kümmern. Viele Kinder werden überrascht sein, dass „jemand“ zuhause sich so viel Zeit für sie nimmt. In den Krippen und Kindergärten sind es in der Regel nicht mehr als zehn Minuten pro Tag. Bei so wenig Zeit kann keine tiefere Beziehung entstehen. Deshalb lautet die Devise in den Kitas auch „satt, sauber, beschäftigt“, und das ist das Etikett von Betreuung, nicht Erziehung.

Außerdem werden die Eltern feststellen, dass Erziehung keine übliche Management-Tätigkeit ist, wie zum Beispiel der Begriff „quality time“ vorgaukelt. Kinder stellen ihre Fragen, wenn sie ihnen in den Kopf kommen oder die Situation sie ihnen eingibt. Sie warten nicht, bis Mama oder Papa nach Hause kommen, um die Frage dann aus dem Computer abzurufen. Spontane Fragen verlangen spontane Antworten – zumindest das Eingeständnis „das weiß ich jetzt nicht, sag ich dir gleich“. Aber selbst diese Antwort setzt Präsenz voraus und das dürfen demnächst viele Kinder erleben.

Fehlende Fachkräfte

In den Kitas selbst wird sich die Lage für ein paar Wochen entspannen, um dann aber wieder in den Verzweiflungsmodus zurückgeworfen zu werden. Es fehlen einfach die Fachkräfte. Zwar hat die Zahl der Erzieherinnen in den letzten zehn Jahren von 298 500 auf 646 945 zugenommen, wie das Statistische Bundesamt und Fachstudien belegen. Aber das reicht bei weitem nicht. Eine Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung unter 2 800 Kita-Leitern hat jüngst ergeben, dass 90 Prozent der Kitas unterbesetzt sind, viele Erzieherinnen stufen die Belastung als „akut gesundheitsgefährdend“ ein. Corona wird sie hier und da mal durchatmen lassen.

Mehr als eine Atempause ist aber nicht drin. Der Markt an Erziehungspersonal ist leergefegt. Die Politik hat versäumt, mit der Krippenoffensive in den Jahren ab 2007 auch numerisch die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass genügend Personal für die steigende Zahl an Krippen- und Kindergartenplätzen vorhanden ist – von der Qualitätsoffensive ganz zu schweigen. Die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen hat sich als progressiv und modern feiern lassen, weil sie zusammen mit der Kanzlerin und dem damaligen Finanzminister Peer Steinbrück die Vorlage ihrer SPD-Vorgängerin Renate Schmidt eins zu eins umsetzte, ohne Rücksicht auf das Kindeswohl und die schon damals vorhandenen Ergebnisse der Bindungs- und Hirnforschung.

"Parkplätze für Kleinstkinder"

Aber es gab auch damals schon Stimmen, nicht zuletzt Christa Meves, die warnend auf die Forschungsergebnisse und auf den künftigen Bedarf an geschultem Personal hinwiesen. Er war leicht auszurechnen. Bei einer halben Million zusätzlicher Krippenplätze hätte man an Fachhochschulen oder anderen Schulungsorten wenigstens 100 000 Ausbildungsplätze für Erzieher und Erzieherinnen vorsehen müssen. Aber in keinem Budget des Bundes oder der Länder war auch nur eine Spur von Voraussicht zu entdecken. Man baute schlicht Parkplätze für Kleinstkinder, so wie die Wirtschaftsverbände es forderten. Die Wirtschaft wollte an die „stille Reserve“ der jungen, gut ausgebildeten Mütter ran – ohne Rücksicht auf das Kindeswohl. Dabei geht es nur um ein paar, aber entscheidende Jahre für das Kind, und damit auch für die Gesellschaft. Und die Wirtschaft setzte sich durch, weil die Politik unter dem Beifall der meisten Medien willfährig folgte. 2006 wurden gerade mal 17 Prozent der Zweijährigen fremdbetreut, heute sind es mehr als fünfzig Prozent.

Der Kita-Markt wächst. Heute sind rund 700 000 Erzieherinnen und Erzieher sozialversicherungspflichtig beschäftigt, schreibt das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung im Januar. Aber es ist ein „Engpassberuf“, es fehle an allen Ecken und Enden. Jetzt wird geschätzt, dass bis 2025 noch 300 000 Stellen für Erziehungs- und Betreuungsfachkräfte geschaffen werden müssten. Bis dahin werden aber maximal 150 000 Erzieher und Erzieherinnen ihre Ausbildung abschließen. Deshalb wird sich der Personalschlüssel, der sich zwischen 2012 und 2018 leicht verbessert hatte (heute kommen auf eine Krippen-Fachkraft 4,2 Kinder unter drei Jahren) wieder auf mehr als fünf Kinder hochschrauben. Und das ist nur eine statistische Größe. Die Wirklichkeit in den meisten Krippen sieht eher so aus: 1 : 10. Denn die Erzieherinnen haben ja auch andere Aufgaben als nur die Betreuung zu erfüllen. Auch integrationswillige Zuwanderer sind für diesen Bereich schon aus sprachlichen Gründen nur bedingt einsatzfähig.

Überlastung und Qualitätsmangel

Die Personalnot in den Kitas – von der schon wegen Überlastung mangelnden Qualität der Erzieherinnen ganz abgesehen – wird sich in den Schulen fortsetzen. Die Politik hat wohlfeil das Recht auf einen Kita-Platz eingeräumt und ebenso wohlfeil verkauft sie jetzt das Recht auf Ganztagsbetreuung in den Grundschulen ab dem Jahr 2025. Sie winkt mit Geld, der Ausbau der Ganztagsbetreuung – „ein zentrales, prioritäres Vorhaben in diesem Jahr“ nennt es Familienministerin Franziska Giffey – werde bis zu 6,5 Milliarden Euro und dann jedes Jahr zwischen 2,6 und 3,9 Milliarden kosten.

Aber auch hier fehlt entsprechendes Personal. Daran denkt kaum jemand, so wie seinerzeit zu Beginn der Krippenoffensive. Dafür rechnet das SPD-nahe Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) die Ganztagsrechnung gesund, indem man davon ausgeht, dass viele Mütter dann zwei bis drei Stunden mehr in ihrem Erwerbsberuf verbringen würden, was für den Staat „fiskalische Effekte“ bis zu zwei Milliarden Euro realistisch erscheinen ließen. Denn das entspreche umgerechnet 40 000 bis 100 000 Vollzeitstellen. Außerdem würden soziale Transferleistungen entfallen. Mit anderen Worten: Statt der qualitativ hochwertigen und für die Gesellschaft notwendigen Arbeit zu Hause (Schaffung von Humanvermögen, vulgo Erziehung) sollen die Mütter die Kosten für die Ganztagsbetreuung selber erwirtschaften. Dabei ist wegen des Lehrermangels gerade an Grundschulen die Betreuung an vielen Standorten nur als Aufbewahrung und nicht als Unterricht und Arbeitsgemeinschaft denkbar. Das sieht selbst das DIW in seinem Gutachten zur Ganztagsbetreuung so. Ein qualitativ gutes Angebot könne nur mit entsprechendem Personal verwirklicht werden und so den gewünschten Bildungserfolg erzielen.

Bildungserfolg durch die Familie

Allerdings ist auch der „Bildungserfolg“ mehr von dem „Personal“ in der Familie abhängig als von dem in der Schule. Es gab mal eine Zeit, in der die CDU genau das propagierte und diesem Gedanken auch Vorrang einräumte vor den Bedürfnissen der Wirtschaft. Bruno Heck, Bundesfamilienminister von 1962 bis 1968, sagte es so: „Unsere Wirtschaftsgesellschaft ist oft in Gefahr, nur die Marktleistung zu zählen, nicht aber die verborgenen, unersetzlichen personbildenden Leistungen der Familien für die nächste Generation. Wird diesen Leistungen der Familie der ihnen zukommende Wert versagt, lebt die Wirtschaftsgesellschaft auf Kosten ihrer eigenen Substanz. Unsere Marktwirtschaft setzt funktionsfähige Familien voraus, die das an menschlichen Werten vermitteln, was im wirtschaftlichen Wettbewerb zu kurz kommt. Kraft und Leistungsfähigkeit der zweckbestimmten Strukturen in Betrieb, Wirtschaft und Gesellschaft hängen entscheidend von der Leistungskraft der Familie ab.“

Zurück zur Kernkompetenz

Der Corona-Virus trifft die wettbewerbsabhängige und familienvergessende Wirtschaft und Politik an ihrem Nerv: der Mobilität. Er entschleunigt. Und er wirft die Familien vielleicht eine Zeitlang auf ihre Kernkompetenz zurück, die Pflege der emotionalen Befindlichkeit und Bindungsqualität. Man darf diese Kernkompetenz auch als Erziehung zur Liebesfähigkeit bezeichnen. Viele Eltern und Kinder werden das spüren, andere darüber nachdenken. Sollte das der Fall sein, kann man der Krise, die vermutlich erst am Anfang steht, auch eine positive Seite abgewinnen. Vielleicht werden einige Familien dann auch genauer nachrechnen und zu dem Ergebnis kommen, dass die „personbildende Leistung“, die in der Familie erbracht wird, eigentlich nicht zu bezahlen ist.

 

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