Würzburg

In der Falle der Selbstverständlichkeit

Familie gehört in den Fokus der politischen Aufmerksamkeit - Ein Zwischenruf.

Bundestag
Die Politik wäre gut beraten, Familie von Zeit zu Zeit in den Fokus der Aufmerksamkeit zu nehmen. Foto: Michael Kappeler (dpa)

Politiker sind auch Menschen. Auch sie haben ihre Biografien und Alltage und persönliche Biografien haben auch immer Einfluss auf die Politik ausgeübt. Für Adenauer war es selbstverständlich, dass „die Leute Kinder kriegen“, man bräuchte also keine Familienkasse. Eine folgenschwere Fehleinschätzung, das Rentensystem leidet heute besonders darunter. Denn seit Mitte der sechziger Jahre, also noch zu Lebzeiten des ersten Kanzlers, war dieses Lebensaxiom obsolet. Die Schieflage der Rentenkasse begann.

Heute ist Deutschland weltweit das Land mit den meisten lebenslang kinderlosen Frauen, meist in Prozent doppelt so viel (22 Prozent) wie vergleichbare Länder (etwa Frankreich mit 10 Prozent). Für Kohl wiederum war es selbstverständlich, dass die Leute in Familie lebten, dass Familie aus sich selber existierte – gestern, heute und auch morgen. Deshalb machte er nicht viel für Familie, schaffte allerdings auch nicht mehr Gerechtigkeit für sie.

Selbstverständlich ist nur das Altern

Beide Kanzler saßen in der „Falle der Selbstverständlichkeit“, die der Wiener Familienforscher Helmut Schattovits in den neunziger Jahren als eine Ursache für die Rücksichtslosigkeit der Politik gegenüber Familien ausgemacht hatte. Denn selbstverständlich sei nur das Älterwerden, und wenn Kinder ausbleiben, werden auch die Völker älter. Dann aber stellen sich Probleme ein bei der Pflege, bei der Rente, beim Verhältnis unter den Generationen. In dieser Situation steht Deutschland.

Das wird derzeit deutlich beim Thema Kinderrechte. Viele kinderlose Politiker und Persönlichkeiten, gerade in der Bundesregierung, im Bundestag und beim Bundesverfassungsgericht – von der vierten Gewalt ganz zu schweigen, etwa siebzig Prozent der Journalisten sind kinderlos – halten es für eine gute Idee, Kinderrechte eigens ins Grundgesetz zu schreiben. Sie kennen die Wirklichkeit in den Familien nicht. Oder sie sitzen auch in der Falle der Selbstverständlichkeit von Familie, die sie dadurch nicht gefährdet sehen. Bei vielen roten und grünen Politikern kommt noch hinzu, dass sie die traditionelle Familie sowieso verachten und zum Auslaufmodell degradieren wollen.

Ganz anders die Jugend. Aus der jetzt veröffentlichten Studie des österreichischen Instituts für Jugendkulturforschung (Jugendwertestudie 2019) geht hervor, dass für 76 Prozent, also jede/n vierten Jugendliche/n die Familie der wichtigste Lebensbereich ist, erst dann folgen Freunde und Bekannte (71 Prozent). Religion und Politik liegen mit 13 Prozent ziemlich am Ende der Skala, wobei Jugendliche mit Migrationshintergrund bei der Bedeutung der Religion für ihr Leben deutliche höhere Werte angeben (26 Prozent „sehr wichtig“, 20 Prozent „wichtig“). Drei Viertel der Jugendlichen erfahren den Lebensbereich Familie als emotionalen Freiraum. Das ist angesichts des sozialen Drucks, den die sogenannten sozialen Medien auf Jugendliche ausüben, existenziell und gar nicht selbstverständlich. In der Familie kann man sich zurücklehnen und Instagram oder Snapchat auch mal vergessen.

Familie vermittelt sozial relevante Fähigkeiten

In der Familie sind Gemeinsinn und Solidarität zu Hause. In ihr lernt man miteinander umzugehen, Wort zu halten, zu teilen und selbstlos zu helfen. „Die Erzeugung solidarischen Verhaltens“ wird auch als ein Grund für den verfassungsrechtlichen Schutz der Familie genannt. Es sei eine Leistung, schrieb der Nestor der Familienpolitik, Heinz Lampert, die in der Familie „in einer auf andere Weise nicht erreichbaren Effektivität und Qualität“ erbracht werde. Gemeinsinn, Toleranz, Ehrlichkeit, Treue, Hilfsbereitschaft, Verantwortungswille, Empathie – all diese sozial relevanten Fähigkeiten sind Teil des „solidarischen Verhaltens“ und zum Beispiel für die Integration von Migranten von erheblicher Bedeutung.

Familie ist die Quelle des Humanvermögens, jener Eigenschaften und Daseinskompetenzen, wovon die Gesellschaft lebt, die sie aber selber nicht schaffen kann. Sie ist keine Selbstverständlichkeit. Deshalb wäre die Politik gut beraten, Familie von Zeit zu Zeit in den Fokus der Aufmerksamkeit zu nehmen und als natürliche Institution zu sehen, die die Zukunft der Gesellschaft sichert.