Marokko

Frauen ohne Freiheit

Für die Muslime in Deutschland beginnt in einer Woche der Fastenmonat Ramadan.

Ein Insider-Blick in muslimische Familien
Frauen in islamischen Ländern fehlt vor allem eines: die Freiheit: Viele wollen an ihrer Abhängigkeit und Verfügbarkeit aber gar nichts ändern. Foto: Adobe Stock

In Marokko als Frau leben – das ist doch sicher nicht viel anders als hier in Deutschland, so dachte ich früher. Und so beschloss ich, nach dem Abitur in mein Geburtsland Marokko zu fliegen und zu schauen, ob ich nicht vielleicht den Rest meines Lebens dort verbringen möchte. Damals erschien mir dies eine gute Idee. Immer, wenn ich dort im Urlaub war, schien die Sonne und man war freundlich und zuvorkommend zu mir. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass dies nur daran lag, dass ich, auch wenn dort geboren, wegen meiner kurzen Aufenthaltsdauer als „europäische Touristin“ galt.

Für Einheimische gelten andere Regeln

Das war nun anders. Bei meinem Auswanderungsexperiment zog ich in ein kleines Zimmer bei einer meiner Tanten, die in einer der größten Städte Marokkos lebte. Eine Stadt, die durch den vielen Tourismus sehr westlich geprägt war und ist. Es war ein Schock. Denn zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass diese scheinbar so weltläufige Stadt nur für Touristen so offen ist. Für Einheimische gelten da ganz andere Regeln.

Die erste Auseinandersetzung hatte ich nicht mit einem Mann, sondern mit einer Frau, genauer gesagt mit meiner Tante. Grund: Ich verbrachte meine Freizeit fast ausschließlich mit meinen männlichen Cousins. Dies würde sich für ein Mädchen nicht gehören. Doch ich verstand nicht, was falsch daran sein sollte. Und mit meinen Cousinen fand ich so gar keinen gemeinsamen Nenner. Deren Gespräche drehten sich ausschließlich darum, wie sie einen netten Ehemann finden könnten, der gut verdiente. Das Paradoxe: Obwohl sich meine Cousinen viele Babys wünschten, wussten viele nicht wirklich, woher Babys kamen, denn die meisten von ihnen waren nie aufgeklärt worden.

„Muslimische Frauen sind zum Heiraten da“

Meine Cousins hingegen hatten alle schon ihr erstes Mal – die meisten mit europäischen Touristinnen. Ich fand es sehr bigott, dass meine Cousins von ihren Schwestern Enthaltsamkeit forderten, während sie selbst mit europäischen Mädchen ganz anders umgingen. Doch für meine Cousins waren europäische und einheimische Mädchen einfach zwei unterschiedliche Kategorien von Menschen. Während muslimische Frauen zum Heiraten da waren, hatte man mit ungläubigen Europäerinnen einfach und unkompliziert seinen Spaß.

Da ich in den Augen meiner Cousins keine echte Marokkanerin war, waren die Regeln für mich nicht so streng. Ich ging jeden Abend mit meinen Cousins weg. Meistens an den Strand. Immer gab es Alkohol. Den kauften französische Freunde für meine Cousins. Zwar war es offiziell nicht verboten, sich als Araber Alkohol zu kaufen, aber hätte dies irgendjemand mitbekommen, hätten meine Cousins ziemlich viel Ärger mit ihren Eltern bekommen. Auch wieder so eine Doppelmoral: Offiziell verdammten meine Cousins natürlich den Alkohol, während sie nachts regelmäßig bis zum Exzess tranken.

"Es war der zweite Schock für mich, als ich realisierte, dass meine weibliche Verwandtschaft gar nicht vom Patriarchat befreit werden wollte."

Meine Familie gilt in Marokko als gutbürgerlich. Aus meinen Cousins sind mittlerweile unter anderem Anwälte, Piloten und Ingenieure geworden. Gerade, weil meine Cousins gebildet waren, war ich fest davon überzeugt, mit ihnen offen über Frauenrechte sprechen zu können. Ich verstand einfach nicht, warum sie Dinge taten, die sie ihren Schwestern untersagten. Damals sah ich mich als feministische Kämpferin. Und ich war mir sicher, dass mir meine Tanten und Cousinen im Kampf gegen das Patriarchat folgen würden.

Es war der zweite Schock für mich, als ich realisierte, dass meine weibliche Verwandtschaft gar nicht vom Patriarchat befreit werden wollte. Zum ersten Mal fiel mir das auf, als ich eine Cousine fragte, ob sie mit mir gemeinsam eine Tante besuchen wollte, die fußläufig etwa 15 Minuten entfernt lebte. Doch meine Cousine weigerte sich. Sie wollte nicht ohne männliche Begleitung auf die Straße. Ich war verwundert. Hier war niemand, der ihr verbot, rauszugehen. Doch meine Cousine erklärte mir, dass ja etwas auf dem Weg passieren könnte und sie deswegen das Haus nie ohne männliche Begleitung verlassen würde – und sei es auch nur ihr jüngerer Bruder (der damals um die 14 Jahre alt war und nicht annähernd die Statur besaß, sie zu beschützen).

Die Cousine war kein Einzelfall

Damals dachte ich, meine Cousine sei ein Einzelfall. Doch je mehr ich mit meinen anderen Cousinen und Tanten sprach, desto mehr wurde mir bewusst, dass dies eine allgemeine Haltung war. Mir wurde erklärt, dass Frauen wie wertvolle Blumen seien, die man beschützen müsse, damit sie in der Welt nicht kaputtgingen. Meine weibliche Verwandtschaft sah in diesem Bild keine Diskriminierung – im Gegenteil: Ihrer Meinung nach hatten Frauen in Marokko im Gegensatz zu europäischen Frauen einen höheren Status in der Gesellschaft. Marokkanische Frauen würden nicht unter Druck gesetzt werden, ihre Kinder früh abzugeben, um arbeiten zu gehen. Es sei schlimm, wie europäische Frauen lebten. Die ganze Zeit so gestresst. In Marokko hätte die Frau Zeit, aus ihrem Haus ein gemütliches Heim zu machen und regelmäßig große Familienfeste auszurichten. So sei es Aufgabe der Frau, Beziehungen zu anderen Teilen der Familie und auch zu Freunden zu stärken. Man sähe in Europa, wie sehr die Gesellschaft vereinsamt, wenn sich Frauen nicht mehr um so etwas kümmerten. Immer kleinere Familien, oft geschiedene Ehen und Frauen, die sich als Alleinerziehende plötzlich durchschlagen müssten.

„Alles hängt vom Vater, später dann vom Ehemann ab“

Zugegebenermaßen sind das keine schönen Auswüchse der europäischen Gesellschaft. Doch meine Verwandten ließen in ihrer Argumentation das Wesentliche außer Acht: Als Frau ist man in Marokko nicht frei. Und das gilt mehr oder weniger für alle islamischen Gesellschaften. Man hat zu keinem Zeitpunkt die Wahl, über sein eigenes Leben zu bestimmen. Alles hängt erst vom Vater, später dann vom Ehemann ab. Natürlich kann man Glück haben, wenn sich die eigenen Wünsche mit denen des Vaters oder des Ehemannes decken. Doch was, wenn nicht? Zu keinem Zeitpunkt besteht die Möglichkeit, sich gegen den Willen des Mannes zu entscheiden. Ich verstand nicht, dass meine weiblichen Verwandten nicht gegen diese Form der Sklaverei rebellierten, dass sie nicht aus der fremdbestimmten Verfügbarkeit ausbrechen wollten.

Heute wundere ich mich, wie schockiert ich damals über das vorherrschende Frauenbild war. Dabei hätte ich es eigentlich aus den Erzählungen meiner Mutter über ihr sehr begrenztes Leben in Marokko besser wissen müssen. Nach ihrer Schulzeit arbeitete sie als Sekretärin bei einer Firma im Erdgeschoss eines großen Mietshauses, das ihrem Vater gehörte. Sie selbst lebte gemeinsam mit ihren Eltern und den anderen ledigen Geschwistern auf der ersten Etage. In den Etagen weiter oben wohnten schon verheiratete Geschwister mit ihren eigenen Familien. Das bedeutete, dass meine Mutter nie dieses Haus verließ, außer wenn sie mal zum Arzt oder Friseur ging. Ihre Schwestern hatten zwar eine etwas größere Lebenswelt, weil sie, um ihrer Arbeit nachzugehen, rausfahren mussten, doch auch sie mussten direkt nach Feierabend wieder nach Hause. Nicht verwunderlich, dass sie alle ihre Ehemänner im Umfeld der Arbeit kennengelernt haben und ganz traditionell erst nach der Hochzeit aus dem Elternhaus auszogen.

Das erste Gespräch bei der Verlobung

Heiraten war unter Frauen schon damals das wichtigste Thema. Da meine Mutter auf den richtigen Mann warten wollte, lehnte sie viele Heiratsanträge ab. Doch als sie 30 wurde und noch immer keinen Mann hatte, wurde ihr bewusst, dass dies kein Dauerzustand sein konnte. Denn das Leben als unverheiratete Frau in Marokko ist nicht einfach, da man von der Gesellschaft wie ein Kind behandelt wird – egal, wie alt man ist. Und so kam es, dass eines Tages mein Vater, der meine Mutter nur einmal in ihrem Büro gesehen hatte, bei meinem Opa um ihre Hand anhielt.

Das erste Gespräch meiner Eltern war ihre Verlobung. Nach der traditionellen dreitägigen Hochzeit, dem Höhepunkt im Leben einer jeder marokkanischen Frau, wurde meine Mutter schwanger. Und wie auch ihre Geschwister gab sie ihre Arbeit nach der Geburt ihres ersten Kindes auf. Während meine Mutter in ihrer ganzen Ehe keinem Erwerbsberuf mehr nachging, fingen einige meiner Tanten wieder an, in Teilzeit zu arbeiten, als deren Kinder aus dem Haus waren. Das Geld, das sie verdienten, durften sie für sich persönlich als eine Art Taschengeld behalten – wenn sie einen verständigen Ehemann hatten.

Kein Warten auf Befreiung

All dies war für meine weibliche Verwandtschaft in Marokko normaler Alltag. Und so begriff ich während meiner Zeit in Marokko, dass die dortige Gesellschaft nicht darauf wartete, von einer jungen Europäerin befreit zu werden. Ebenso war mir aber auch klar, dass ich nie unter solchen Bedingungen leben könnte. So erklärte ich nach einem halben Jahr das Experiment „Auswandern nach Marokko“ als gescheitert und flog, um einige Erkenntnisse reicher, wieder zurück in meine Heimat, nach Deutschland. Ein Land, in dem ich trotz mancher Fehlentwicklung gerne als Frau lebe.

Aus Sicherheitsgründen benutzt unsere Autorin, die mittlerweile katholisch ist, ein Pseudonym. Ihre Identität ist der Redaktion bekannt.

 

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