Würzburg

Familien-Klausur

Pläne, Listen, Tipps und Anregungen für die Corona-Krise.

Autorin mit ihren Kinder in Corona-Zeiten

Seit Dienstag, dem 10. März, ist das Elsass Risikogebiet und ich sitze mit meiner Familie isoliert auf unserem Anwesen. Die Magnolienbäume erblühen, die Wiesen stehen in saftigem Grün, doch diesmal betrachte ich das Erwachen der Natur wie ein Goldfisch im Wasserglas. In der Isolation wird der eigene Wohnraum zur Monade. Ob wir vor den anderen geschützt werden müssen oder sie vor uns, wissen wir nicht. „Nein, Ferien haben wir keine“, mussten wir unseren Kindern immer wieder erklären. Totale Entschleunigung. Aus dem Leben gerissen, keine Termine, keine Besuche. Nicht einmal heilige Messe.

Wie geht man als Familie mit der Isolation um?

Wie die Krise in der Perspektive von Kindern aussieht, wurde mir am Montag zuvor durch die Tochter eines Freundes schlagartig bewusst, nachdem die Schließung ihres Internats mitgeteilt worden war: „Mein Teddy ist aber noch dort. Wenn der nun Corona bekommt?“ Es dauert, bis man für die Pandemie eine Schublade in seinem Kopf gefunden hat. Nicht einmal von Zeitzeugen der Weltkriege habe ich gehört, dass je flächendeckend Gottesdienste abgesagt wurden. Was ist das für eine schreckliche Gefahr, über die man unlängst noch Witze machte und die uns nun unsichtbar in den Würgegriff nimmt? „The day after“ war ein Film in den 80er Jahren, welcher die Zeit nach einem Atombomben-Abwurf zeigte. Nun steht sie tatsächlich still, unsere Welt, und ich frage mich: Wie geht man in der Familie mit Isolation am besten um?

Erste Antwort: Einen Rahmen stecken, wo alles unsicher erscheint. Nicht nur Kinder, sondern auch wir Erwachsene werden einige Zeit brauchen, um uns an die neue Situation zu gewöhnen. Appetitlosigkeit, Gereiztheit und Schlafstörungen können laut dem „Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe“ Folgen der aktuellen Krise sein. In dem PDF „Covid 19 – Tipps für Eltern“ macht das Bundesamt darauf aufmerksam, wie wichtig Routinen für alle Familienmitglieder sind. Vertraute Bezugspersonen, ein fester Tagesplan (der gemeinsam erstellt wird), feste Essens- und Schlafzeiten geben nicht nur Sicherheit, sie verhindern auch ein Abgleiten ins Chaos. Phasen, in denen Kinder für sich im Spiel verweilen oder lesen können, sind ebenso wichtig wie Zeiten des Gebets oder Gelegenheiten zum Gespräch. Man sollte an die frische Luft gehen, womöglich sogar Sport treiben. Natürlich höchstens zu zweit, so lautet ja die neueste Auflage.

Als Familie reifen, im Glauben wachsen

Mit unseren Kindern haben wir uns darauf geeinigt, um 6 Uhr 30 aufzustehen. Es wird der Hund versorgt und der Tisch gedeckt. Um 7 Uhr beten wir den Rosenkranz, während Radio Horeb die Heilige Messe von Papst Franziskus überträgt; ab dem Hochgebet folgen wir schweigend der Eucharistiefeier. Bis 8 Uhr ist Frühstück, danach geht bis zur Pause um 10 Uhr jeder seinen Beschäftigungen nach. Jetzt gibt es etwas zu trinken und ein kleines, gemeinsames Spiel. Jeden Tag ist eine andere Person zum Kochen eingeteilt; Mittagessen gibt es um 13 Uhr.

Die Abspül- und Aufräumdienste sind klar eingeteilt und wechseln wöchentlich. Bis 15 Uhr ist Siesta, dann arbeiten wir etwas im Garten oder haben Freizeit. 17 Uhr 30 ist Abendessen, 20 Uhr 30 Abendgebet, 22 Uhr Nachtruhe. Um unsere fünfjährige Nachzüglerin wird sich abwechselnd gekümmert: Wir schenken ihr Zeit, sie beschenkt uns mit Freude, muss aber auch alleine spielen. Ab 18 Uhr ist sie im Bett; der Rest der Familie verbringt oft gemeinsam den Feierabend. Das klingt alles etwas nach Kloster, gibt aber Halt.

Zuhören üben

Durch die Krise können wir alle wachsen: Geduld und Gelassenheit, Frohsinn und Feinfühligkeit, Ruhe und Rücksichtnahme – von einer positiven Atmosphäre in den eigenen vier Wänden profitieren alle und jeder sollte sich darum bemühen. Unsere Devise lautet: Lernen wir einander zu verzeihen und werden im Gebet zur Hauskirche. Nutzen wir die Krise, um in der Familie einander näherzukommen und in der Liebe zu Gott zu wachsen. Beten wir für einander und gehen aus Corona als Gekrönte hervor! Niemals wieder werden wir vermutlich einander so viel Zeit und Zuwendung schenken können.

Nutzen wir die Pandemie, um uns im Zuhören zu üben und entdecken zusammen die Muse. Statt bei den Mahlzeiten über Corona zu sprechen, wird bei uns „Priester der Verbannten“ von Wilhelm Hünermann vorgelesen. Heilige wie Damian de Veuster, Mutter Teresa oder Karl Borromäus werden uns auf eine neue Weise ganz vertraut. Was für ein Geschenk die Sakramente sind, merkt man erst, wenn man sie entbehren muss. Viel zu selbstverständlich war das Angebot an Eucharistiefeiern, der Gang zur Kommunion womöglich schon Gewohnheit. Meine Familie freute sich auf die Erstkommunion unseres Nesthäkchens; jetzt warten wir alle sehnsüchtig darauf, den Heiland empfangen zu dürfen.

Torheiten meiden, Nächstenliebe schenken

Isolation funktioniert nur, wenn alle mitmachen. Jetzt ist Schluss mit Party. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass auch junge Menschen (denen Covid-19 mutmaßlich wenig anhaben kann), die freie Zeit nicht zusammen verbringen, da sie so die Verbreitung des Virus beschleunigen. Unter der Drucksache 17/12051 veröffentlichte der Deutsche Bundestag am 3. Januar 2012 eine Risikoanalyse „Pandemie durch Virus Modi-SARS“ des Robert Koch-Instituts, welche das Auftreten eines neuen Corona-Virus in Asien beschreibt, und der auch nach Deutschland komme. Prognostiziert wurden damals 7, 5 Millionen Tote. E

Es mag Hysterie sein, diese Risikoanalyse auf die heutige Situation zu übertragen – aber es ist Torheit, wenn weltweit gigantische wirtschaftliche Einbußen in Kauf genommen werden und jemand durch seinen persönlichen Übermut die Vorsichtsmaßnahmen unwirksam macht. Jetzt hat die Stunde der Solidarität geschlagen. Dies bedeutet, den Einkauf für Alte und Kranke zu übernehmen sowie Kinder von Menschen mitzubetreuen, deren Berufstätigkeit unsere Grundversorgung sichert. Wir haben uns vorgenommen, jeden Tag einen einsamen Menschen anzurufen. Mit unseren Eltern und unseren Töchtern, die außer Haus wohnen, halten wir sowieso regelmäßig Kontakt. Unser Nesthäkchen freut sich, mit ihnen jetzt öfter zu skypen.

Wer sich um andere kümmert, verliert sich nicht in sich selbst. Pessimistische Grübelei kann depressive Zustände begünstigen. Und Isolation kann zur digitalen Falle werden. Natürlich ist es allzu verlockend, seine Kinder der elektronischen Nanny anzuvertrauen: Sie verlangt weder Stundenlohn, noch kann sie Covid-19 übertragen. Bereits 1970 kam der Science-Fiction-Autor Philipp K. Dick in „Irrgarten des Todes“ auf die Idee, den Passagieren eines Raumschiffs auf ihrer langen Reise zu einem fremden Planeten die Zeit durch ein Computerspiel zu verkürzen, welches so fesselnd ist, dass sie die Realität vergessen. Interessant, welche Lektüre der Autor den Spielern in ihrer virtuellen Simulation anbietet: Homer, Vergil, Milton und Tolkien. Die werden offenbar nie alt…

Bücher lesen, Filme schauen, gemeinsam spielen

Isolation bietet eine Chance für echte Kommunikation: Mit Gott, mit unseren Nächsten, aber auch mit guten Büchern. Endlich einmal Gelegenheit, sich wieder der Lektüre hinzugeben! Anregungen dazu findet man in den Aufsätzen der Reihe „Priester, Poeten und Propheten“, welche in zwei Staffeln in der „Tagespost“ veröffentlicht wurden und die der fe-Verlag in zwei Bänden ediert hat. Ergänzend dazu findet man Orientierung im zweibändigen Werk „Vom Geist Europas“ (Gerd-Klaus Kaltenbrunner) sowie im Handbuch „Vorlesen“ (Kositza/Sommerfeld). Das von Sebastian Engelhardt und mir geschriebene „Literatur im Deutschunterricht“ ist nicht nur an Lehrer adressiert, sondern bietet auch einen christlichen Leitfaden, was junge Menschen lesen sollten.

Vielleicht gehen viele Kinder aus der Corona-Krise als Bücherfreunde hervor. Oder sie lernen sogar wieder Gedichte, womöglich von Schiller und Goethe. Sie hätten die Zeit gut genutzt. Dem reifen Leser sei „Ein Gentleman in Moskau“ von Amor Towles empfohlen, ein Roman über einen russischen Aristokraten, der nach der Oktoberrevolution jahrelang in einem Hotel unter Hausarrest stand. Wie immer, für einige Wochen gehört uns alle Zeit der Welt: Nutzen wir sie für die Ewigkeit! Lassen wir uns vom spirituellen Schatz des Abendlandes beschenken und nehmen die Bücher zur Hand, welche Aldous Huxley in den Giftschrank der „Schönen neuen Welt“ sperrte, etwa die Bibel, die Werke des heiligen John Henry Kardinal Newman oder „Die Nachfolge Christi“ (Thomas von Kempen). Mit Kardinal Sarahs „Die Kraft der Stille“ wird die Pandemie zu Exerzitien.

Wertvolle Filme

Einen Überblick, welche Filme zu schauen sich lohnt, findet man auf der Internetseite: www.textezumfilm.de. José García, bekannt durch seine Rezensionen für „Die Tagespost“, hat hier das Beste zusammengetragen, was die letzten Jahrzehnte im Kino lief. Holen wir „Unsere kleine Farm“ oder „Anne of Green Gables“ aus dem Schrank, schauen gemeinsam „Die Reise der Pinguine“, „Mein Freund, der Delphin“ oder „Wunder“ an. Über Filme kann man Zugang zur Literatur schaffen („Schuld und Sühne“) oder den Glauben stärken („Die heilige Rita“, „Duns Scotus“, „Courageous“ et cetera). Wer Motivation braucht, um die Einsamkeit zu überwinden, dem empfehle ich „Der Marsianer“.

Covid-19 schenkt uns wahrscheinlich die intensivste Familienzeit, die wir jemals haben werden. Kein Beruf, keine Vereine, keine Verabredungen. Eltern und Kinder können endlich einmal miteinander leben, sich kennen lernen, haben Zeit für Gespräche und auch für das Spiel. Unser Nesthäkchen liebt „Tal der Wikinger“ und „Riff Raff“, Favoriten für die Älteren sind „Andor“, „Orleans Stories“ und „Siedler von Catan“. Leute, die gerne knobeln, können sich an die „Exit-Reihe“ halten. Und ist letztlich nicht auch das Leben ein Spiel, von dem wir aus der Ewigkeit heimgerufen werden? Kommen wir runter. Wir müssen nicht mehr jeden Tag verbissen Höchstleistung bringen. Die Krise kann zur Chance werden.

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