Würzburg

„Es war alles sehr schön“

Lieben bis zum letzten Augenblick: Die Familie und das Todes-Urteil aus Karlsruhe.

Älterer Mann im Koma
Identität, Glück und Unglück eines Menschen hängen wesentlich von seinen Beziehungen ab. Gerade am Ende eines Lebens ist die liebende Nähe von Familie und Freunden wichtig. Foto: Adobe Stock

Der Todes-Spruch des Bundesverfassungsgerichts von letzter Woche ist nicht nur gesellschaftlich bedeutsam. Er wird höchstwahrscheinlich zu mehr Tötungen nach Verlangen, zu mehr „aktiver Sterbehilfe“ und zu einem Boom der Tötungsunternehmen führen. Das ist angesichts der alternden Gesellschaft und der steigenden Zahl von Single-Haushalten (fast 20 Millionen) eine logische Entwicklung.

Auch die Krankenkassen jubeln klammheimlich, sie sparen eine Menge Geld. Die Entwicklung der Rechtsprechung aber geht auf Kosten der Menschlichkeit. Dieser Preis ist nicht messbar – nur spürbar. Die Gesellschaft wird nicht nur älter, sondern auch kälter und die Träger der blutroten Roben in Karlsruhe können sagen: Wir waren dabei, wir haben der Entwicklung Vorschub geleistet.

Die Bedeutung der Familie

Das Todes-Urteil rückt aber wegen der zu erwartenden Entwicklung auch die Bedeutung der Familie wieder stärker in den Vordergrund. Sofern eine Familie vorhanden ist, gibt es für einen Sterbenden vermutlich kein „schöneres“ Sterben, als im Kreis der Lieben dahinzugehen. Norbert Blüm, der viele Jahre in der Bundesregierung zugebracht hat und dem wir die Pflegeversicherung verdanken, hat diesen Sachverhalt in einem Spiegel-Interview einmal aus eigenem Erleben berichtet, als er die letzten Momente seines Vaters erzählte: „Meinen Vater habe ich noch auf dem Totenbett angefleht: Kannste nicht endlich mal aufhören zu rauchen? Er sagte: Du Norbert, gestern hab ich was gelesen: Auch Nichtraucher müssen sterben. Wir haben gelacht. Mein Vater war auch am Ende noch gelassen.

Wir saßen an seinem Bett, um jeden Atemzug hat er gekämpft. Um zwei Uhr nachts, es brannte nur ein kleines Licht, hat meine Mutter begonnen, ihm sein ganzes Leben zu erzählen. Sie sagte: Weißte noch, Christian, damals in der Tanzschule… Und weißte noch, wie wir gereist sind, zum Großglockner…. und dann haben die Kinder gesagt…. Sie hat die Geschichte von 50 Jahren Ehe erzählt. Als sie fertig war, hat mein Vater tief Luft geholt und mit seinem letzten Atemzug gesagt: Gretel, es war alles sehr schön. Das war's“, so Blüm, „so will ich auch gehen.“

Beziehung als Rahmen gelebter Liebe

Es war alles sehr schön – diese Aussage muss einen Adressaten haben, der sie versteht. Das können kaum Verwaltungsmenschen, Krankenhauspersonal oder Altenheimleiter sein, schon weil sie die Lebensgeschichte nicht miterlebt haben oder gerade woanders beschäftigt sind. Es können aber der Ehepartner, die Kinder, die Enkel sein, natürlich auch langjährige Freunde. Auf jeden Fall Menschen, mit denen man eine Beziehung hatte. Um diese Beziehung geht es. Sie ist der Rahmen der gelebten Liebe, die jetzt den letzten Atem aushaucht.

Die australische Krankenschwester Bronnie Ware, die viele Jahre sterbende Patienten betreute, hat ihre Erfahrungen in einem Buch niedergeschrieben mit dem Titel „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“. Die Menschen würden in den letzten Wochen angesichts des sicheren Todes oft sehr weise, meint Bonnie Ware, sie selber habe gelernt, „niemals die Fähigkeiten des Menschen zu unterschätzen, über sich selbst hinauszuwachsen“.

„Lieben ist das Sinnvollste, was der Mensch tun kann.“
Benedikt XVI.

Patientenwünsche

Die fünf häufigsten Wünsche waren, so die Palliativ-Krankenschwester in den Worten der Patienten:

1. „Oh wenn ich doch den Mut gehabt hätte, mir selber treu zu sein im Leben, und nicht so zu leben, wie andere es von mir erwarteten.“ Den Mangel an Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und den anderen und den mangelnden Mut, diese Wahrheit auch zu leben – das hätten die meisten beklagt.

2. „Oh wenn ich doch nicht so hart gearbeitet hätte.“ Bei diesem Wunsch ging es den meisten nicht um die Arbeit selbst, sondern um die Zeit, die sie damit den geliebten Personen vorenthalten hätten. So hätten sie die Kindheit und Jugend ihrer Kinder verpasst und es versäumt, die Ehepartnerin durch das Leben zu begleiten. Der Wunsch wurde von fast allen Männern geäußert.

3. „Oh wenn ich doch den Mut gehabt hätte, meine Gefühle auszusprechen.“ Viele Menschen hätten ihre Gefühle unterdrückt, um den Hausfrieden nicht zu stören und so hätten sie sich mit einem routinemäßigen Leben zufriedengegeben und ihr wirkliches Lebenspotenzial nicht ausgeschöpft.

4. „Oh wenn ich doch mehr Zeit mit meinen alten Freunden verbracht hätte.“ Die Hektik des alltäglichen Lebens hätte so viel Zeit und Energie absorbiert, dass die alten, selbstlosen Freundschaften mit den Jahren verwelkt oder gar ganz in Vergessenheit geraten seien. Und:

5. „Oh wenn ich mir selber doch erlaubt hätte, glücklicher zu sein.“ Vielen sei bis zum Lebensende nicht klar, dass Glück und Sinnsuche auch mit Willen zu tun hätten. Sie blieben in Gewohnheiten und alltäglichen Belastungen stecken. Aber tief im Inneren sehnten sie sich danach, zu lachen, zu lieben und sich am Leben mit anderen zu erfreuen.

Die Quintessenz der Lebensbilanz

Im Angesicht des Todes lügt man nicht. Da hinterfragt man die Beziehungen, die man hatte. Vor allem die Beziehungen zu den Menschen, die im Leben am nächsten standen. Es ist die Quintessenz der Lebensbilanz. Solange der Mensch lebt, lebt und definiert er sich durch seine Beziehungen. Jean-Jacques Rousseau beschrieb es so: „Der Mensch, das soziale Wesen, ist immer wie nach außen gewendet: Lebensgefühl gewinnt er im Grunde erst durch die Wahrnehmung, was andere von ihm denken.“ Wie sehr gilt das gerade im geschützten Kreis der Familie, auch im letzten Augen-Blick, im Angesicht der letzten Realität, in der sich die Wahrheiten des Lebens verdichten. In seinen Beziehungen findet der Mensch seine Identität. Dazu gehört freilich mehr als der Mitmensch. Die Lebenswelt der Beziehungen könne man sich, so der spanische Philosoph Rafael Alvira, in mindestens drei Kreisen vorstellen.

Der erste Kreis sei die Beziehung zu Gott. Sören Kirkegaard nennt deshalb den Glauben die größte und tiefste Leidenschaft des Menschen. Der zweite Kreis bildet sich aus den Beziehungen in der eigenen Familie. Zunächst der Herkunft: Mit Eltern und Geschwistern hat man die längsten Beziehungen im Leben. Dann die Hin- oder Zukunft: Mit dem Ehepartner und Kindern hat man ebenso intensive, existenzielle Beziehungen. Sie weisen aber auch über das eigene Leben hinaus, Stichwort Enkel. Der dritte Kreis sind die Freundschaften, die persönlichen, die beruflichen und eher sachgeleiteten Beziehungen. All diese Beziehungen machen Identität, Glück oder Unglück des Menschen aus.

Erfahrungen des Lebens

Wie man Beziehungen führt, entscheidet über das Gelingen des Lebens, ob man in emotionalen Eiswüsten der Einsamkeit lebte oder wie Papa Blüm am Ende sagen kann: Es war alles sehr schön. Deshalb ist zu Recht der klassische Begriff, den die Philosophie von früh an für das Gelingen des Lebens geprägt hat, der Begriff eudaimonía: Glück. Und das hängt davon ab, ob wir geliebt haben und geliebt wurden. Das ist der Kern der genannten fünf unerfüllten Wünsche und es ist der Kern des Lebens und Sterbens selbst. „Am Abend unseres Lebens werden wir nach unserer Liebe gerichtet werden“, sagt der heilige Johannes vom Kreuz.

Die Erfüllung durch die Liebe, die Sinngebung des Lebens trägt viel zum guten Sterben bei. „Lieben ist das Sinnvollste, was der Mensch tun kann“, schreibt Benedikt XVI. Das eigene Sterben ist zwar ein höchst individueller Moment, in ihm verdichtet sich die Zeitspanne des Lebens mit all ihren Erfahrungen. Diese Erfahrungen aber haben in der Regel auch eine soziale Komponente, passiv als Kind, aktiv als erwachsener Mensch. Beziehungen als identitätsstiftende Erfahrungen, als Voraussetzung der Liebeshingabe, machen den Tod als sinnvolle Synthese des Lebens, als Glück des letzten Augenblicks erst möglich.

Bahn ohne Halt

Natürlich kann diese Synthese in der letzten Stunde auch in Einsamkeit stattfinden. Nicht jeder hat eine Gretel am Bett sitzen, die Erinnerungen wachruft. Bei vielen Kranken verhindern die physischen Umstände, der Schmerz, jedes Gespräch. Gerade deswegen ist zu erinnern an den Appell des früheren Bundespräsidenten Johannes Rau, der in einer nachhallenden Rede – das Echo wollte man in Karlsruhe offenbar nicht hören – im Mai 2001 darauf hinwies, dass die Unterscheidung zwischen „lebenswert und lebensunwert“ auf eine, so wörtlich, „inakzeptable abwärtsführende Bahn ohne Halt führt“. Er plädierte dafür, anstelle der aktiven Sterbehilfe sich mehr der Schmerztherapie zu widmen. Johannes Rau: „Wenn ich es recht sehe, sind deshalb so viele Menschen für aktive Sterbehilfe, weil sie große Angst davor haben, am Ende ihres Lebens Leid und Schmerz nicht mehr auszuhalten, ihnen hilflos ausgeliefert zu sein. Sie haben Angst davor, alleingelassen zu sein oder anderen zur Last zu fallen. Sie haben Angst davor, Schmerzen nicht mehr ertragen zu können und würdelos dahinzusiechen. Ich verstehe diese Angst gut. Ich habe sie auch. Die aktive Sterbehilfe ist aber nicht die einzige mögliche Antwort auf diese verständliche Verzweiflung. Ja wir brauchen einen anderen Umgang mit dem Sterben und dem Tod. Wir müssen wieder lernen: Es gibt viele Möglichkeiten, sterbenskranken Menschen beizustehen, sie zu trösten und ihnen zu helfen…. Wir können und wir müssen viel mehr als bisher für die Schmerztherapie tun.“

Stille Helden

Das ist der Weg. Es gibt aber auch den Schmerz der Einsamkeit. Deswegen sind die Begleiter und Betreuer in Palliativ-Stationen und Hospizen stille Helden, eine Avantgarde des Lebens. Auch manche Befürworter der aktiven Sterbehilfe berufen sich auf die Barmherzigkeit. Zwar definiert Augustinus Barmherzigkeit als „das Mitleiden unseres Herzens am Elend einer anderen Person“. Aber Thomas von Aquin führt den Gedanken fort, indem er nur den wirklich barmherzig nennt, der sich aktiv darum bemühe, das Elend des anderen auch abzuwenden. Das heißt lieben. Die Schmerztherapie hilft dabei. Sie nutzt, wie Rau sagte, den „Fortschritt für ein Leben nach menschlichem Maß“. Und zu diesem Maß gehört auch die Möglichkeit, dass die Familien gemeinsam die letzten Stunden mit dem Sterbenden – möglichst schmerzfrei – verbringen können.

Das Urteil aus Karlsruhe spiegelt die kalte Kultur des Todes. Es ist ein Rückschritt in Zeiten der Euthanasie. Die Erfahrungen in Holland und Belgien zeigen, dass die tödliche Selbstbestimmung über kurz oder lang zum gesellschaftlich diktierten Suizid und schließlich Töten durch andere führt. Wohl dem, der auch in der letzten Stunde Freunde oder gar eine Familie hat. Denn sie ist der Raum der ersten Geborgenheit, der „Ort der Wiederkehr“ (Rafael Alvira), ein Ort der Liebe. In ihr ist die Kultur des Lebens zuhause.

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