Berlin / Würzburg

"Es bleibt am Ende immer die Menschenwürde"

Evangelisch, katholisch, muslimisch, jüdisch oder konfessionslos - beim Thema Pflege zählt das konkrete Leben. Von Rocco Thiede

Claudia Schacke
Claudia Schacke, Professorin für Soziale Gerontologie an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) verortet Religiosität als eine Kraftquelle bei der Pflege eines Familienangehörigen. Foto: privat
Claudia Schacke
Claudia Schacke, Professorin für Soziale Gerontologie an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) veror... Foto: privat

Viereinhalb bis fünf Millionen pflegende Angehörige gibt es bundesweit. Dreiviertel aller zu pflegenden Menschen werden zu Hause betreut. Die durchschnittliche Pflegedauer in der häuslichen Pflege liegt zwischen acht und zehn Jahren. Vieles von dem, was hier Menschen füreinander leisten, passiert im Verborgenen. Ohne die Familien würde das Pflegesystem in Deutschland kollabieren.

„Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass Religiosität eine Kraftquelle bei der Pflege eines Familienangehörigen darstellen kann. Ein wesentliches Element der Bewältigung einer solch herausfordernden Lebenssituation ist die Sinnfindung. Wird die Pflegeanforderung als sinnhafte Episode des eigenen Lebens angenommen und integriert, fällt der Umgang mit den entsprechenden Herausforderungen leichter“, hat Claudia Schacke, Professorin für Soziale Gerontologie an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB), herausgefunden.

„Pflege ist eine große Klammer bei den Weltreligionen. Ich glaube, es gibt keine Religion, die nicht der Hilfe des Nächsten eine große Bedeutung beimisst“, sagt Frank Schumann, ein großer, sportlicher Mann, Anfang 50. Schumann arbeitet bei der Diakonie und ist Projektleiter einer besonderen Einrichtung, in der Kirche und Staat kooperieren. „Die Fachstelle für Pflegende Angehörige ist ein Berliner Spezifikum“, erklärt Schumann. Als Stabsstelle der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung wird sie durch den Berliner Senat finanziert. Träger ist das Diakonische Werk Berlin Stadtmitte. Der gelernte Krankenpfleger Schumann arbeitet in Vollzeit zusammen mit einem Kollegen in Teilzeit. Seine Arbeit beschreibt er wie folgt: „Die Aufgabe der Fachstelle ist Konzeptentwicklung und Maßnahmenempfehlung für die Politik, damit pflegende Angehörige besser unterstützt werden. Unsere direkte Zielgruppe sind in der Regel nicht die zu pflegenden Angehörigen, sondern eher die Entscheider aus dem Gesundheitswesen.“

Doch wie kommt die Familie als Grundform menschlichen Zusammenlebens bei der Pflege optimal zum Zuge? „Wichtig ist es erst einmal, nicht zu übersehen, dass die Mehrheit, in etwa 70 Prozent der pflegebedürftigen Menschen – zum Teil mit der Unterstützung ambulanter Pflegedienste – zuhause von Ihren Angehörigen gepflegt werden. In der Öffentlichkeit wird das häufig unterschätzt“, klärt Professorin Claudia Schacke auf.

Deshalb ist Frank Schumann fest davon überzeugt, dass pflegende Angehörige mehr Wertschätzung und Aufmerksamkeit von Gesellschaft und Politik benötigen. Für ihn ist das, was diese Millionen Menschen in Deutschland tun, ein „Dienst an der Gesamtgesellschaft. Pflege ist keine Randnotiz des Lebens.“ Das wird deutlich, wenn man sich die Zahlen genauer anschaut, denn nach dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff von 2017 gibt es mittlerweile dreieinhalb Millionen Pflegebedürftige in Deutschland und mehr als die Hälfte von ihnen wird ausschließlich durch pflegende Angehörige zu Hause versorgt. „Ausschließlich bedeutet: Es ist keine ambulanten oder professionelle, beruflich-tätige Pflegeeinrichtung dort mit zugegen.“

Bei den anderen 50 Prozent helfen Pflegedienste, auch wenn sich die unmittelbare Verwandtschaft oder Freunde und Nachbarn ebenso engagieren. Ohne diese Wahlverwandten würde das häusliche Pflegesystem nicht funktionieren und das Pflegesystem der Bundesrepublik Deutschland regelrecht kollabieren. „Wir gehen bundesweit von 4,5 bis fünf Millionen pflegenden Angehörigen aus“, sagt Frank Schumann.

„Jeder wird alt. Jeder wird einmal gepflegt und braucht dann Versorgung und Betreuung“, stellt Samira Tanana vom Berliner Kompetenzzentrum für Interkulturelle Altenhilfe nüchtern fest. Denn Pflegebedürftigkeit macht vor keiner Kultur, Weltanschauung oder Religion halt. Tananas Eltern flohen einst aus dem Libanon nach Deutschland. Die in Berlin geborene Muslimin mit palästinensischen Wurzeln ist für die Koordination der Pflege im Kompetenzzentrum zuständig. Zusammen mit ihren Kolleginnen schult sie Pflegekräfte. Sie bieten zum Beispiel Workshops an, damit sich Pflegeeinrichtungen für die Bedürfnisse von Menschen mit Migrationshintergrund öffnen. Ein Bereich, in dem sie noch viel Handlungsbedarf sieht: „Es fehlen Pflegeheime mit interkultureller sowie kultursensibler Ausrichtung.“ Denn beim Thema Pflege und Menschen mit muslimischem Glauben gibt es einiges zu beachten. „Ganz wichtig ist natürlich das Essen“, erklärt Samira Tanana. „Das heißt kein Schweinefleisch, die meisten wissen, dass wir aus dem muslimischen Raum kein Schweinefleisch essen. Und dann muss das Fleisch halal sein. Es gibt ja verschiedene Schlachtungsrituale“, klärt sie auf. Auch ein besonderer Raum für rituelle Waschungen vor dem Gebet sei wichtig. „und dass man von einem Pfleger oder Pflegerin betreut wird, wenn man ein Mann oder eine Frau ist.“ Als sozialpädagogische Fachkraft hat Samira Tanana einen zusätzlichen Berufsabschluss für die Pflege von Demenzpatienten erworben. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit besteht in der Vernetzung mit anderen Wohlfahrtsverbänden und den christlichen Kirchen. „Wir sind regelmäßig mit den kirchlichen Gemeinden im Gespräch und haben gute Kontakte zur Caritas“, die auch einer der Träger im Interkulturellen Kompetenzzentrum ist. Auch die AWO und Diakonie gehören zu ihren Partnern. Und zur jüdischen Gemeinde baue man gerade den Kontakt auf.

Was müssten Gesellschaft und Politik tun, um pflegende Angehörige noch besser zu unterstützen? „Die Bedeutung von Tagespflegeeinrichtungen für ältere pflegebedürftige Menschen hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Es gibt von den Kassen finanzierte Pflegekurse, das Recht auf wohnortnahe Pflegeberatung, das auch Angehörigen zugutekommt. Diese Unterstützungsstrukturen sind im städtischen Bereich recht gut ausgebaut und gut erreichbar. Im ländlichen Bereich ist das noch nicht so. Eine Herausforderung ist nach wie vor die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. Außerdem werden die Bedarfe der Angehörigen, die sich trotz räumlicher Distanz zum Beispiel um die pflegebedürftigen Eltern kümmern, noch zu wenig in den Blick genommen“, erläutert die Gerontologin der katholischen Berliner Hochschule Claudia Schacke.

Die Zusammenarbeit der Freien Wohlfahrtsträger hat sich nach Einschätzung von Sylvia Svoboda wesentlich verbessert. Sie ist Pflegedirektorin bei den Sozialdiensten der Volkssolidarität in Berlin. Einst befand man sich in einer Konkurrenzsituation. Heute unterstützt man sich in Netzwerken. „Wenn wir zum Beispiel beim ambulanten Hospizdienst keine ausreichenden Kapazitäten haben, weil alle Ehrenamtlichen im Einsatz sind, dann kooperieren wir und rufen Hospizdienste von anderen Trägern an – ob von der Diakonie oder vom Jüdischen Verein, das ist vollkommen egal. Wir unterstützen uns, weil jeder Träger die Not der Angehörigenarbeit kennt, schätzt und wertschätzt.“

Sylvia Svoboda ist für 18 ambulante und stationäre Einrichtungen zuständig. Neben Seniorenheimen und Senioren-WGs gehören auch Angebote für Menschen mit Demenz dazu. Die Volkssolidarität in der Hauptstadt ist zwar konfessionell ungebunden, aber „wenn der Bedarf für die letzte Ölung besteht oder das Gespräch mit einem Pastor gewünscht wird, dann kümmern wir uns“, das sei eine Selbstverständlichkeit, sich nach den Bedürfnissen der Menschen zu richten. Wir sind für alle offen, ob jetzt jemand katholischen Glaubens oder ein Protestant ist, das ist egal.“

Mit dieser Pragmatik arbeitet auch ihr Kollege Frank Schumann von der Fachstelle für Pflegende Angehörige der Diakonie sehr erfolgreich. Der evangelische Christ meint: „Natürlich ist es hilfreich, wenn man aus einem christlichen Background heraus das Thema Pflege und Familie betrachtet. Aber ob jemand einen evangelisch-christlichen, einen katholisch-christlichen oder einen humanistischen Hintergrund hat“ sei für die Arbeit mit zu pflegenden Menschen oder mit pflegenden Angehörigen egal. „Ich glaube es ist hilfreich, wenn man einen gewissen ideologischen Background und Fachkenntnisse hat.“ Auch seine Kollegin Sylvia Svoboda argumentiert in diese Richtung: „Wenn man die Angehörigenarbeit im Hospiz beobachtet, dann kann man diesen Hospizdienst einfach als Weltfrieden bezeichnen. Weil dieser Weltfrieden heißt, ich habe dort Menschen, für die ich bedürfnisgerecht den letzten Willen erfülle. Und ob das ein jüdischer Mensch ist, der einen Rabbiner braucht oder ob das ein Protestant ist, der einen Pastor braucht – das ist vollkommen egal. Es bleibt am Ende immer die Menschenwürde.“