München

Die Familie ist nicht zu toppen

Mehr Kindern soll der Zugang zur Betreuung in Krippen ermöglicht werden. Dieses Vorhaben hat jedoch auch viele Gegner. Jürgen Liminski über wissenschaftlichen Widerstand.

Große Nachfrage nach Kinderkrippenplätzen
Ein Symposium in München fragte: Was ist los in Deutschlands Kinderkrippen? Foto: dpa

Die Beweislast ist erdrückend, das Urteil über die Folgen von Krippen- und Fremdbetreuung liegt auf der Hand: Sie ist riskant, ein lebensprägender Drahtseilakt. Dennoch wird in Deutschland politisch nichts unternommen, um das Risiko zu mindern. Im Gegenteil, das Seil wird immer dünner und dem Publikum verkauft man den mittlerweile seidenen Faden als Leistungsgeschenk, als Mitgift des Staates für das Leben der Kinder. Das sind Steine statt Brot.

Die Beweise? Hirn- und Bindungsforschung liefern sie zuhauf. Das wurde auch jetzt wieder auf einem Symposium der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und Familientherapie e.V. (dgkjf) in München deutlich, auf dem die Referenten anhand empirischer Wissenschaftsbefunde die Breite und Tiefe des Risikos ausloteten. Um es vorweg zu sagen: Keiner der Professoren und Experten sprach irgendeiner Vereinigung, Kirche, Partei oder philosophischen Richtung das Wort, sie orientieren sich an methodisch sauber messbaren Daten.

Und das Publikum, das aus Fachleuten der Psycho-Branche bestand, war politisch heterogen und eher auf der linken Seite des Spektrums anzusiedeln. Symptomatisch für das Thema („Was ist los in Deutschlands Kinderkrippen?“) aber war der Ort: Ein Seminarraum, den man über einen Hinterhof erreichte, sozusagen vom ideologisierten Mainstream in Politik, Wirtschaft und Kultur verdrängt. Wenn es um das Kindeswohl geht, spielt die Wirklichkeit keine Rolle mehr.

Dieses Wohl ist, vor allem in den ersten drei Jahren, abhängig von den Emotionen. Professorin Eva Rass, Expertin für kindliche Entwicklung in den ersten Lebensjahren, konzentrierte sich auf entwicklungspsychologische Aspekte der Krippenbetreuung aus der Sicht der Bindungs- und Affektregulationstheorie und kam zu dem Schluss: „Es ist nachweisbar, dass affektive Prozesse das Grundgeschehen im tiefsten Persönlichkeitskern ausmachen.“ Aus dieser Perspektive sei es möglich, viele Phänomene im Leben eines Menschen zu verstehen. Viele experimentelle und klinische Arbeiten zeigten, dass „die Reifung der Affekte das Schlüsselereignis im Säuglingsalter ist“. Es ermögliche die Selbstregulation von Affekten, den Umgang mit den eigenen Emotionen und später auch mit den Emotionen anderer. Diese Affektregulation sei „ein wesentliches organisierendes Prinzip der Entwicklung und Hirnreifung“.

Die Professorin, die auch eine eigene Praxis in der Nähe von Heidelberg führt, hält deshalb einen Paradigmenwechsel für notwendig. Nicht die Kinder müssten sich ändern, sondern die Eltern und die Beziehungsumwelt müssten sich auf die emotionalen Bedürfnisse des Kindes einstellen. Allein der Ton vermittele schon Botschaften, „Vorwürfe bauen Barrieren“, emotionale Erfahrungen würden unmittelbar in die neuronalen Netze eingebaut.

Rass zitierte ein ganzes Dutzend bekannter Neurologen, Psychiater und Psychologen (bezeichnenderweise meist aus dem angelsächsischen Raum), die alle zu dem gleichen Ergebnis gefunden haben: Der emotionale Dialog – vor allem mit Mutter und Vater – reguliere die Affekte von außen und bilde damit die innere Regulationsfähigkeit. Dies geschehe immer weniger, weil Eltern keine Zeit haben oder es nicht können und die Schulen dazu auch nicht in der Lage seien. Auch die „mediale Tröstung“ sei keine Affektregelung, „der persönliche Kontakt zählt“. Selbst Stress durch Streit sei erfahrungssatter und besser für das regulatorische System. Aufgrund dieser Defizite in Krippen, Familien und Bildungsanstalten komme „eine Lawine auf uns zu, auch kostenmäßig“.

Der Stressforscher Professor Martin Maurer aus Heidelberg bereicherte und begründete aus seiner Sicht diese Erkenntnisse. Er erklärte zunächst die Normalfunktion von Stress. Stress sorge für erhöhte Aufmerksamkeit, höhere Leistungsfähigkeit und die Mobilisierung von Kraft-und Energiereserven. Dafür „produziere“ der Körper im Zusammenspiel von Nebennierenrinde, Hypophyse sowie Hypocampus das Hormon Cortisol, das in Stress-Situationen ausgeschüttet wird. Seit mehr als 15 Jahren, also bereits vor der Krippenoffensive in Deutschland, weiß man durch Messungen, dass Kinder in Krippen und Kindergärten einen erhöhten Cortisol-Spiegel aufweisen. Sie stehen dort eben unter Stress. Cortisol ist ein wichtiges Steuerhormon für Stress-Reaktionen. Es ist wichtig für das Lernen, das Gedächtnis und den Schlaf.

Die biologische Wirkung bei Kindern ist allerdings, wie Maurer anhand von Studien erklärte, kontextabhängig und zwar von der Art der Zuwendung. Bei gut gebundenen Kindern, also einfühlsamen und verständnisvollen Eltern, lassen sich negative Wirkungen neutralisieren und kompensieren, bei anderen nicht. Höhere Cortisol-Tagesprofile stelle man zum Beispiel fest bei Familien mit niedriger oder hoher Emotions-Expression, bei geringer Jobzufriedenheit der Mutter oder bei emotionaler Erschöpfung der Mutter. Deshalb habe regelmäßiger Kindergarten- oder auch Kinderkrippen-Besuch für Kinder aus sozial schwierigen Familien eine schützende Wirkung.

Problematisch ist aber nicht das Cortisol an sich, sondern die dauerhafte Aktivierung des Hypocampus-Systems. Diese Daueraktivierung erschöpfe das System, was wiederum zu schlechteren Gedächtnisleistungen führe und die Lernfähigkeit vermindere. Über einen längeren Zeitraum und ohne emotionale Kompensation beziehungsweise Erholung des Hypocampus-Systems seien chronische Kognitions-und Gedächtnisschwächen die Folge. Es kann sogar zu einer Blockade der Neurogenese, der Neubildung von Hirnzellen und Synapsen kommen. Beim Publikum kam deshalb die Frage auf, ob diese definitiven Kognitions-und Gedächtnisschwächen sich nicht zu einem Bildungsproblem auswachsen könnten, wenn sie massenhaft auftreten, was nach der Krippenoffensive wahrscheinlich ist. Hinzu käme das demografische Defizit (weniger Kinder), weshalb sich dieses Problem nicht nur für das Individuum, sondern auch für die Gesellschaft als fatal erweisen könnte.

Professor Serge Sulz, Vizepräsident des dgkjf, sieht diese Fatalität noch nicht, wollte aber auch nicht verharmlosen, zumal man sich in der Politik über diese Langzeitfolgen keine Gedanken mache. Das gleiche Kurzzeit-Denken in der Wirtschaft und in der Wissenschaft mache ihm fast mehr Sorgen, denn mit dieser Problematik verbunden seien die Fragen nach Fachkräften und wissenschaftlichem Nachwuchs und nicht zuletzt die Innovationskraft, das wichtigste Kapital im rohstoffarmen Deutschland.

Auch der Präsident des dgkjf, Alfred Walter, wies sowohl in seiner Einführung wie in dem Resumée der Tagung darauf hin, dass die bisherigen Erkenntnisse der Bindungsforschung in der Politik kaum wahrgenommen würden. Selbst bei besten Krippen (Personalschlüssel 1:3 und gut ausgebildete ErzieherInnen) machten die Kinder zwei Trennungserfahrungen. Zum einen, wenn bei der Abgabe in die Krippe die Dyade zwischen Mutter und Kind gebrochen und zum zweiten, wenn das Kind mit drei Jahren in den Kindergarten geht und von der Bezugsperson getrennt werde. Die Trennung verursache Schmerz beziehungsweise Stress, müsse aber nicht immer auch traumatisch sein. Entscheidend sei die Begleitung des Schmerzes. Eltern müssten in diesem Fall akzeptieren und aushalten, dass das Kind sich an andere Personen binde.

Allgemein gelte, worauf schon die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung in ihrem Memorandum zum Krippenausbau hingewiesen habe: „Je jünger das Kind, je geringer sein Sprach-und Zeitverständnis, je kürzer die Eingewöhnungszeit in Begleitung der Eltern, je länger der tägliche Aufenthalt in der Krippe, je größer die Krippengruppe, je wechselhafter die Betreuungen, umso ernsthafter ist die mögliche Gefährdung seiner psychischen Gesundheit.“

Die Ausführungen der Krippenleiterin Ulrike Vogel und des „DDR-Krippenkinds“ Birgit Zech über die Krippenerziehung in der früheren DDR hörten sich bis auf einige Details an wie eine Gebrauchsanweisung des heutigen Krippenalltags in Gesamtdeutschland. Möglichst ab der 6. Woche, dann ganztätig und teilweise auch in der Wochenkrippe als stationäres Modell mit Übernachtung. Das war Norm in der DDR. Fast jedes dritte Kind war in der Wochenkrippe, insgesamt erlebten vier von fünf Kindern unter drei Jahren die Krippe.

Heute geht der Trend genau in diese Richtung. Ziel war die Vollzeit-Berufstätigkeit der Frauen und die Erziehung im Kollektiv. Erreicht wurde eine hohe Anpassung an Autoritäten und ein niedrigeres Selbstwertgefühl. Möglicherweise ist hier eine Ursache für den Hang zu extremen politischen Positionen zu finden. Birgit Zech regte jedenfalls eine Studie an: Man solle doch mal untersuchen, inwiefern Elternzeit positiv sei für die U3-Jährigen und ihre Familien. Ulrike Vogel fragte ratlos nach dem Lerneffekt aus der Erziehungsdiktatur: „Wieso machen wir das wieder?“ Sie konstatierte aus der Sicht des Kindeswohls: „Den persönlichen Bedürfnissen der Kinder kann man in der Krippe nicht gerecht werden.“ Und sie wies auf den Druck hin, der oft von der Arbeitgeberseite auf die Eltern ausgeübt werde. Nicht selten würden Kinder mit Fieber morgens abgegeben, weil der Arbeitgeber kein Verständnis für Alleinerziehende oder generell Familien aufbringe.

Als Fazit kann man da nur sagen: Die Familie ist nicht zu toppen, denn in jeder normalen Familie finden die Trennungs- und Wechselerfahrungen und auch die Kollektivzwänge nicht statt, die Bindung ist von Anfang an persönlich und stark, emotional-freundlich und affektregulierend. Und eine Studie wert wäre auch die Frage, ob die exponentiell steigenden Zahlen von psychosomatischen Störungen und psychischen Krankheiten bis hin zu Depressionen und Burnout nicht auch mit den Veränderungen an den Orten unserer Gefühlskultur zu tun haben. Sicher ist, und dafür braucht man keine Studien mehr: Krippen sind Risikofaktoren für das einzelne Kind und Ursache von Bildungsproblemen für alle.